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Amor hereos / heroische Liebe

  • Version 1.0
  • Publikationsdatum 3. November 2021

1. Definition

Der Begriff „Amor hereos“ bzw. „Amor heroicus“ bezeichnet in der Geschichte der abendländischen Medizin eine Krankheit, die zunächst durch eine affektive Zuneigung zu einer anderen Person verursacht wird, sich jedoch aufgrund einer zu starken Fixierung auf dieses Liebesobjekt schädlich auf Körper und Geist des bzw. der Liebenden auswirkt. Der Name leitet sich ursprünglich vom griechischen Wort für Liebe (Eros) ab, verselbständigt sich aber im Zuge der lateinischen Erschließung zentraler arabischsprachiger medizinischer Fachliteratur seit dem 11. Jahrhundert und nimmt dabei eine spezifische Bedeutung an. Dabei kommt es zu einer noch nicht vollständig geklärten Vermengung der semantischen Traditionen der Begriffe „eros“ und „heros“ bzw. „herus“. Die Termini „hereos“ – in den Quellen durchgängig nicht dekliniert – und „heroicus“ bezeichnen die Zugehörigkeit zur soziokulturellen Oberschicht bzw. zum ⟶Adel, deren Angehörige in diesem Kontext im Vergleich zu anderen Menschen häufiger von der Liebeskrankheit betroffen zu sein scheinen. Später werden zwar die semantischen Anschlussoptionen um klassische Exempla von ⟶Held*innen sowie die Idee der heroischen Selbstaufgabe um der Liebe zum Göttlichen willen erweitert, jedoch ist aus medizinischer Sicht der Zustand unabhängig von der Art des Liebesobjekts aufgrund seines schadenbringenden Charakters durchgehend als pathologisch gekennzeichnet und als solcher therapiebedürftig.

2. Die Liebeskrankheit („Amor hereos“)

Das Phänomen der Krankheit an bzw. durch Liebe wurde seit der Antike häufig beschrieben und findet sich seitdem durchgehend in Werken der Kunst und der Literatur; Bezeichnungen wie „Amor hereos“, „insania amatoria“, „amour heroïque“, „maladie d’amour“, „heroical love“, „love-sickness“, „Liebeskrankheit“ und „Erotomanie“ werden weitgehend synonym verwendet.1Eine nützliche Zusammenstellung von über 100 synonymen Bezeichnungen der Liebeskrankheit, nachgewiesen in arabischen, lateinischen, französischen, englischen und deutschen Texten, bietet Giedke, Adelheid: Die Liebeskrankheit in der Geschichte der Medizin. Düsseldorf 1983: Diss. Universität Düsseldorf, 188-191. Medizinisch relevant war sie insbesondere im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, wobei sich die einschlägigen Texte immer wieder auf wohlbekannte literarische bzw. historische Episoden aus der griechischen Antike beziehen. Das Thema behält seine Relevanz mindestens bis Ende des 18. Jahrhunderts.2Vgl. Gazzaniga, Valentina: „Prima dell’erotomania: lettere, cura del corpo e mal d’amore in età moderna“. In: Medicina nei secoli 19.2 (2007), 387-404.

2.1. Diagnose und Therapie

Amor hereos wird in der Medizin in erster Linie als psychische Krankheit behandelt, wobei meistens – und je nach Autor unterschiedlich gewichtete – körperliche Ursachen als Erklärungsansatz mitbedacht werden. Eine Ursache wird in einem in Unordnung geratenen Mischungsverhältnis der humoralpathologisch definierten Säfte gesehen; eine große Rolle spielt dabei insbesondere die Überproduktion der schwarzen Galle sowie der aufgrund mangelnden oder fehlenden Geschlechtsverkehrs vorhandene Überschuss an Samen, der als ein aus der Verkochung des Blutes entstehendes Produkt betrachtet wird.3Vgl. Elsässer, Günter: Ausfall des Coitus als Krankheitsursache in der Medizin des Mittelalters. Berlin 1934: Ebering [Reprint Nendeln / Liechtenstein 1977: Kraus]; Dinzelbacher, Peter: „Gesunder Sex im Mittelalter“. In: Virus 18 (2019), 33-60. Eine andere Erklärung vermutet eine Dysfunktion bestimmter Areale des Gehirns (s. u.). Meist wird die Ätiologie unter Vermischung und Harmonisierung dieser Ansätze erörtert. Die Symptomatik kennt einige Elemente, die durch die Epochen weitgehend gleichbleiben: Die Ergriffenheit von der geliebten Person äußert sich in innerer Unruhe und andauerndem Denken an sie, die Folgen sind Schlaflosigkeit, hohle Augen, Appetitlosigkeit und abrupte Wechsel zwischen überwältigender Traurigkeit und ebenso großer Freude (wobei die trübsinnige Stimmung deutlich überwiegt). Ein Bezug zum Krankheitsbild der Melancholie wurde immer wieder hergestellt, auch wenn die Gleichsetzung mit ihr umstritten war; oft wurde der Amor hereos als eine Vorstufe zur Melancholie gesehen oder zumindest eine Analogie zwischen den beiden letztlich dann doch getrennt zu betrachtenden Krankheiten deklariert.

Wenn die körperliche Auszehrung zu lange andauere, gerate die Funktionsfähigkeit des ganzen Organismus in Gefahr, die Stabilität der Psyche breche zusammen und es drohten Wahnsinn und sogar der Tod. Amor hereos wird als Krankheit betrachtet, die nicht zuletzt aufgrund ihrer potenziell letalen Folgen auf jeden Fall therapiert werden müsse. Die medizinischen Autoren schlagen als bevorzugte Therapie die Vereinigung mit der bzw. dem Geliebten vor. Sollte dies nicht möglich sein, müsse die Leidenschaft von ihrer Fixierung auf eine bestimmte Person abgelenkt und auf andere Menschen oder Dinge gerichtet werden; die milderen Ansätze zielen auf die Erweiterung der sinnlichen Erfahrungen, etwa durch Bäder, Genuss erlesener Speisen und Weine, Gespräche mit Freunden, Spaziergänge in Gärten, Wohlgeruch und Musik. Als stärkere Gegenmittel werden die Verleumdung des geliebten Menschen durch Dritte – um ihn unattraktiv erscheinen zu lassen – sowie der (am besten häufige) Beischlaf mit einer oder mehreren anderen Personen empfohlen.

2.2. Geschichte des Konzepts „Amor hereos“

Die historische Entwicklung der Vorstellung von der Liebeskrankheit in der westlichen Kultur wurde bereits des Öfteren eingehend dargestellt.4Die ausführlichsten und materialreichsten Studien hierzu wurden vorgelegt von Crohns, Hjalmar: „Zur Geschichte der Liebe als ‚Krankheit‘“. In: Archiv für Kulturgeschichte 3 (1905), 66-86; Lowes, John Livingston: „The Loveres Maladye of Hereos“. In: Modern Philology 11 (1914), 491-546; Ciavolella, Massimo: La „malattia d’amore“ dall’Antichità al Medioevo. Roma 1976: Bulzoni; McVaugh, Michael: „Introduction“. In: Arnaldus de Villanova: Opera Medica Omnia. Vol. III: De amore heroico. De dosi tyriacalium medicinarum. Barcelona 1985: Universitat de Barcelona, 11-39; Beecher, Donald A. / Ciavolella, Massimo: „Introduction“. In: Ferrand, Jacques: A Treatise on Lovesickness. Translated and Edited and with a Critical Introduction and Notes by Donald A. Beecher and Massimo Ciavolella. Syracuse, NY 1990: Syracuse University Press, 3-202; Wack, Mary Frances: Lovesickness in the Middle Ages. The Viaticum and Its Commentaries. Philadelphia 1990: University of Pennsylvania Press. Für das Phänomen, dass mit affektiver Zuneigung ein krankhafter Zustand des bzw. der Liebenden einhergeht, gibt es zahlreiche Textzeugnisse bereits aus der Antike.5Eine ganze Reihe einschlägiger Beispiele aus der antiken griechischen und römischen Literatur diskutiert Toohey, Peter: „Love, Lovesickness, and Melancholia“. In: Illinois Classical Studies 17.2 (1992), 265-286. Von diesen sind das Fragment 31 der Gedichte der Sappho (überliefert und kommentiert von Longinus) und die Geschichte von Antiochos und Stratonike sicherlich die bekanntesten (s. u., Abschnitt 2.3. Medialität). Allerdings wird den Zuständen der schädlichen Verliebtheit in dieser Epoche noch kein eigener Krankheitsname gegeben. Vielmehr wird sie als normale, den Seelenzustand des Menschen beeinflussende Widerfahrnis des Lebens angesehen, nicht jedoch als genuin medizinisches Betätigungsfeld, auch wenn der versierte Arzt durchaus Hilfestellung bei der Erkennung und Bewältigung des Problems leisten kann. Zu den wenigen Medizinern, die sich dazu geäußert haben, zählen Aretaios von Kappadokien (ca. 80/81–ca. 130/138), Galenos von Pergamon (ca. 128/131–ca. 199/216) und Caelius Aurelianus (5. Jh.) als lateinischer Übersetzer und Vermittler des griechischen Arztes Soranos von Ephesos (ca. 98–ca. 138) sowie die Byzantiner Oreibasios (ca. 325–403) und Paulos von Aigina (ca. 625–690).6Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 7-13; Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 59-60; Toohey: „Love, Lovesickness, and Melancholia“, 1992, 267-269.

Eine signifikante Veränderung stellte sich im Zuge der westlichen Rezeption der arabischsprachigen medizinischen Autoren des Mittelalters ein. Durch sie wurde das Selbstverständnis einer Heilkunst erschlossen, die die Vermittlung einer veritablen „Liebeskunst“ (ars amoris) als ihren genuinen Auftrag betrachtete. Weil es als erwiesen galt, dass ein ausgewogenes und befriedigendes Geschlechtsleben für die individuelle Gesundheit sowohl des Mannes als auch der Frau konstitutiv wirkte, wurden alle möglichen Fragen, die mit der Sexualität zusammenhängen, Teil der ärztlichen Diskussion, die in den medizinischen Abhandlungen durchaus nicht auf zahlreiche Anekdoten und Details hinsichtlich des Liebesspiels verzichtete.7Vgl. Jacquart, Danielle / Thomasset, Claude: Sexualité et savoir médical au Moyen Age. Paris 1985: Presses Universitaires de France, 121-192; Dinzelbacher, „Gesunder Sex im Mittelalter“, 2019, 39-48. Als eine spezielle Erscheinungsform wurde in diesem Zusammenhang auch die krankhafte Liebe systematisch in die Heilkunde aufgenommen, und zwar durchgehend im Rahmen der Behandlung der melancholisch bedingten Leiden.8Vgl. Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 62-69. Autoritativ werden die oben genannten (vgl. 2.1.) Symptome und die therapeutischen Alternativen im Liber continens des Abū Bakr Muḥammad ibn Zakaryā ar-Rāzī (in der lateinischen Welt bekannt als Rhazes; ca. 865–925) und im Liber regalis des ʿAli ibn al-ʿAbbās al-Madschūsi (latinisiert Haly Abbas; 10 Jh.) besprochen. Der von ihnen identifizierte erotische Wahn ist für sie eine Krankheit, die im Gehirn lokalisiert ist. Für Haly Abbas ist sie gleichbedeutend mit der Lykanthropie (quṭrub), einer Form von Wahnsinn, bei der der Erkrankte sich immer mehr wie ein Wolf gebärde (Verlust der menschlichen Sprache und Umgangsformen, Darniederliegen mit dem Gesicht auf dem Boden, bisswunden-ähnliche Male am Körper, nächtliches Streunen und Heulen auf Friedhöfen), bis er schließlich vergehe.9Vgl. die Textauszüge und die Diskussion in Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 508; Ciavolella: La „malattia d’amore“, 1976, 55-56.

Mit Haly Abbas setzt die seitdem oft in diversen Varianten wiederholte Vermengung von Melancholie und Liebe ein; letztere wird definiert als ein obsessives Begehren, das die Psyche befällt und quält. Sie findet sich u. a. in einer der im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit am meisten zitierten Erörterungen, nämlich in Avicennas (Abū ʿAlī al-Ḥusain ibn ʿAbd Allāh ibn Sīnā; ca. 980–1037) entsprechenden Kapiteln im Kanon der Medizin (al-Qānūn fī ʾṭ-Ṭibb; Canon medicinae lib. III, fen I, tract. iv, cap. 24-25 bzw. 23-24 [je nach Ausgabe]).10Teilweise abgedruckt auch in Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 512-513; Nardi, Bruno: „L’amore e i medici medievali“. In: Studi in onore di Angelo Monteverdi. Band 2. Modena 1959: Società Tipografica Editrice Modenese, 517-542, 529-531. Er widmet sich dem Thema unter dem Leitbegriff al-ʿišq (in der lateinischen Übersetzung „ilisci“)11Zum Konzept ʿišq in der arabischen medizinischen Literatur vgl. Biesterfeldt, Hans Hinrich / Gutas, Dimitri: „The Malady of Love“. In: Journal of the American Oriental Society 104 (1984), 21-55, 22-23., womit ein Begehren bezeichnet wird, das nach Besitz des bzw. der Geliebten verlangt. Die bereits in der vorangegangenen Literatur erwähnten Symptome finden sich auch bei Avicenna beschrieben12Vgl. Nardi: „L’amore e i medici medievali“, 1959, 529-532., wobei als das hervorstechende Zeichen in der Tradition Galens (s. u.) insbesondere der ungleichmäßige Pulsschlag bei Erwähnung des bzw. der Geliebten oder dessen bzw. deren Charakteristika betrachtet wird. Die Hauptursache ist für Avicenna eine mentale Vorstellung, die zur Obsession wird; lasse sich also eine körperliche Vereinigung mit dem geliebten Menschen nicht realisieren, sollten sich konsequenterweise auch die Therapieansätze in erster Linie auf die „psychologische“ Bearbeitung konzentrieren, indem etwa Bäder, Schlaf oder maßvolle körperliche Ertüchtigung den Geist von seiner schädigenden Beschäftigung ablenken. Gute Dienste leisteten auch alte Frauen, die die Geliebte durch üble Verleumdung unattraktiv erscheinen lassen sollen, manchmal auch Musik, wobei hier aber auch die gegenteilige Wirkung eintreten könne. Im Falle, dass diese Maßnahmen keinen Erfolg brächten, sei die gleiche Therapie wie bei der Melancholie angezeigt, nämlich Aderlass oder Abführung der überschüssigen Körpersäfte, mitunter durch Geschlechtsverkehr mit anderen Frauen.13Vgl. Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 66-67; McVaugh: „Introduction“, 1985, 19; Ciavolella: La „malattia d’amore“, 1976, 58-60.

Für die Rezeptionsgeschichte ist Avicennas umfassende Behandlung der Liebeskrankheit ebenso maßgebend wie die von ihm vorgelegte physiologische Erklärung, wie eine solche mentale Fehldisposition zustande komme (Canon medicinae lib. I, fen I, tract. vi, cap. 5; Liber de anima seu sextus de naturalibus, I.v, IV.i-iii): Im zentralen Ventrikel des Gehirns sei die Urteilskraft (virtus aestimativa) lokalisiert, die den Menschen befähige, sinnlich nicht wahrnehmbare Intentionen zu erfassen, die den wahrnehmbaren Objekten inhärent seien. Das permanente, besessene Denken an ein bestimmtes Objekt sei dadurch erklärbar, dass aus dem überbordenden Verlangen nach dem Sinnesgegenstand die virtus aestimativa ein zu starkes inneres Wunschbild (phantasma) erzeuge.14Vgl. McVaugh: „Introduction“, 1985, 20-23. Dementsprechend fokussieren die von Avicenna vorgeschlagenen Therapien zunächst auch auf die innerpsychische Korrektur dieser Vorstellungen, wenn sie sich aufgrund ihrer Nichtrealisierbarkeit zu einer Krankheit entwickeln.

Die Konzepte der arabischsprachigen Ärzte des Mittelalters prägen seit ihrer erstmaligen lateinischen Übersetzung auch die medizinische Wissenschaft in den nachfolgenden Jahrhunderten. Symptomatik und Therapien werden dabei in einem weitgehend gleichbleibenden theoretischen Rahmen verhandelt.15Vgl. Ciavolella: La „malattia d’amore“, 1976, 68, 81, 99; Haage, Bernhard D.: „,Amor hereos‘ als medizinischer Terminus technicus in der Antike und im Mittelalter“. In: Stemmler, Theo (Hg.): Liebe als Krankheit. 3. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters. Mannheim 1990: Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters an der Universität Mannheim, 31-73; Haage, Bernhard D.: „Liebeskrankheit“. In: Gerabek, Werner E. / Haage, Bernhard D. / Keil, Gundolf / Wegner, Wolfgang (Hg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin / New York 2005: De Gruyter, 853-854. Die Einführung des Amor hereos unter dieser Bezeichnung jedoch und die damit einhergehende endgültige Etablierung des dazugehörigen Konzepts als medizinisch relevantes und auch terminologisch unterscheidbares Problem im lateinischen Kulturkreis findet sich erst im Viaticum des Constantinus Africanus (ca. 1010/20–ca. 1080), einem Handbuch für reisende Ärzte. Hierbei handelt es sich eigentlich um die bearbeitete lateinische Übersetzung des Zād al-Musāfir des arabischen Arztes Ibn al-Ǧazzār (10. Jh.).

Constantinus scheint der Erste gewesen zu sein, der dem arabischen Begriff ʿišq ein lateinisches Äquivalent gegeben hat, das sich aber streng genommen wie ein griechisches Wort mit latinisiertem Anschein darstellt. Lange ist in der Forschung darüber gerätselt worden, wie es dazu kam, dass sich der Terminus hereos überhaupt gebildet und dann auch noch durchgesetzt hat. Für viele Gelehrte – angefangen bei Lowes, der mit seinem 1914 erschienenen bahnbrechenden Aufsatz zur Liebeskrankheit bei Chaucer das Forschungsfeld für die Moderne neu eröffnete, bis heute – ist diese Form zunächst einmal einfach eine Transliteration des griechischen Begriffs eros (ἔρως).16Vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 513-516, 522-523. Unter den Expert*innen ist Constantinusʼ Methode, griechische Fachbegriffe in seine lateinische Übersetzung einzuführen bzw. zu übernehmen, gut bekannt.17Vgl. Jacquart, Danielle / Thomasset, Claude: „L’amour ‚heroïque‘ à travers le traité d’Arnaud de Villeneuve“. In: Céard, Jean (Hg.): La folie et le corps. Paris 1985: Presses de l’École Normale Supérieure, 143-158, 151. Allerdings scheint es sich nicht einfach um eine schlichte Übersetzung des griechischen Begriffs für Liebe zu handeln. Darauf deuten die vielen verschiedenen Formen des Wortes in den frühen handschriftlichen Exemplaren des Viaticum hin: Ausgewiesen sind z. B. „erios“, „ereosis“, „eriseos“, „heriosos“ und „eriosos“, dazu noch offensichtliche Eingriffe seitens der Kopisten – entweder zur Erzeugung eines sinnvollen Begriffs oder aufgrund von Verschreibung – wie z. B. „otiosos“, „erroris“ oder „timorosis“, nicht jedoch die später so gebräuchliche Form „hereos“.18Vgl. McVaugh: „Introduction“, 1985, 15; Wack: Lovesickness, 1990, 183. Natürlich muss man die Streuung, die sich in der mittelalterlichen Handschriftenkultur insbesondere bei schwer verständlichen, fremdsprachigen Ausdrücken oft beobachten lässt, berücksichtigen. Wenn man dies jedoch in Rechnung stellt, legen die überlieferten Formen gemäß Wacks plausibler Argumentation die Vermutung nahe, dass Constantinus den Neologismus *eriosus (mit den deklinierten Formen eriosis und eriosos) bewusst geprägt hat, um damit einen Patienten zu bezeichnen, der an der im Text beschriebenen Liebeskrankheit leidet, die jedoch von dem allgemeinen Begriff der Liebe (amor bzw. eros) abzugrenzen ist.19Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 183-184. In anderen Forschungsbeiträgen wird die Rolle des Constantinus meistens ungenau dargestellt, so z. B. wenn ihm der Terminus „hereos“ unmittelbar zugeschrieben wird (vgl. Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 67).

Der Begriff allerdings, der in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten in den Texten am häufigsten verwendet wird und der sich somit gegenüber eros/erios durchgesetzt hat, ist hereos. Es ist immer noch nicht ganz geklärt, wie es genau dazu gekommen ist.20Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 184-185. Manchmal findet man in der Forschungsliteratur die falsche Aussage, dass bereits die beiden byzantinischen Ärzte Oreibasios und Paulos von Aigina (s. o.) von der Krankheit „ton herónton“ gesprochen hätten (vgl. z. B. Haage, „,Amor hereos‘ als medizinischer Terminus technicus“, 1990, 45). Die kritischen Editionen weisen aber als bezeugte Varianten nur „Περὶ τῶν ἐρώντων“ („Perì ton erónton“) aus (vgl. Oribasius: Synopsis ad Eustathium. Hg. von Johannes Raeder. Corpus Medicorum Graecorum VI,3. Leipzig / Berlin 1926: Teubner, 249-250; Paulus Aegineta. Hg. von I. L. Heiberg. Corpus Medicorum Graecorum IX,1. Leipzig / Berlin 1921: Teubner, 160). Das zusätzliche „h“ kam erst in den lateinischen Ausgaben hinzu; vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 519-520; Giedke: Die Liebeskrankheit, 1983, 176, 189. Es bleibt zu konstatieren, dass sich die Bezeichnung als eigener Terminus technicus mit der Zeit verselbständigte. Ein wichtiger Schritt dahin scheint im Liber de heros morbo manifest zu werden. Diese Schrift ist die zweite bekannte lateinische Übersetzung des Kapitels über die Liebe aus al-Ǧazzārs Zād al-Musāfir. Wie Mary F. Wack nachweisen konnte, entstand dieser Text um 1100 und war stark sowohl an der arabischen Vorlage als auch an Constantinusʼ erster Übersetzung angelehnt; sie argumentierte dafür, Johannes Afflacius, einen Schüler des Constantinus Africanus, als Verfasser anzunehmen.21Vgl. Wack, Mary Frances: „The Liber de heros morbo of Johannes Afflacius and Its Implications for Medieval Love Conventions“. In: Speculum 62.2 (1987), 324-344. Dort ist der Text auch ediert. Der Übersetzer ersetzt nun eros und *eriosus durch die neuen Begriffe heros und heroicus. Diese Termini haben jedoch eine andere Bedeutung als „Liebe“ oder „Liebeskrankheit“; sie stehen im Mittelalter vielmehr üblicherweise für „Herr“ oder „Dame“, „Edelmann“ oder „Edle“ bzw. „adlig“, „zum Adel gehörend“22Vgl. Niermeyer, J.F.: „heros“. In: Niermeyer, J.F.: Mediae latinitatis lexicon minus. Leiden 1976: Brill, 487-488; Du Cange, Charles du Fresne: „heroes“/„heroicus“. In: Du Cange, Charles du Fresne: Glossarium mediae et infimae latinitatis. Band IV. Unveränd. Nachdruck der Ausgabe von 1883–1887. Graz 1954: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, 203. Weitere Belegstellen bei Wack: „The Liber de heros morbo“, 1987, 336. Vgl. dazu auch Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 5; Jacquart / Thomasset: „L’amour ‚heroïque‘“, 1985, 152., und auch in der Frühen Neuzeit wird der Begriff „heroisch“ in bestimmten Kontexten als Synonym für „adlig“ verwendet.23Vgl. Asch, Ronald G.: „Adel (Frühe Neuzeit)“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, pub. vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 08.02.2018. DOI: 10.6094/heroicum/adel-fnz. Der Mediziner Valescus de Taranta (1380–1418) versucht Jahrhunderte später diese etymologische Linie zu erklären, indem er den Begriff „hereos“ vom alemannischen „heer“ (Herr) ableitet.24Vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 505, wo die entsprechende Passage aus dem Philonium des Valescus abgedruckt ist (lib. I, cap. 11): „Hereos grece idem est quod dominus latine. Et alemani dicunt. heer. id est dominus.“

Bereits Lowes hatte auf die „confusion“ der Bedeutungen von eros, herus und heros aufmerksam gemacht.25Vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 523-524. Agamben wollte dieser Verwirrung abhelfen und zog Platons Dialog Kratylos (398c-e) und die lange demselben Autor zugeschriebene Schrift Epinomis (984a) sowie einige neuplatonische Werke heran, um eine originär antike semantische Konvergenz von heros und eros und dem Konzept eines für die Liebespassion verantwortlichen Luftdämons (Eros bzw. Erote) zu belegen, der als Mittler zwischen Menschen und Göttern fungiere. Dieser Dämon sei allmählich mit der Liebe gleichgesetzt worden und mit antiken volkstümlichen Heros-Kulten zusammengegangen, wobei sich nicht bestimmen lasse, wann genau das geschehen sei. Der Eros-Heros-aerius habe sich in der neuplatonischen Tradition als eine „niedere“ Figur herausgebildet, die den Menschen ungesunde Leidenschaften eingebe.26Vgl. Agamben, Giorgio: Stanzen – Wort und Phantasma in der abendländischen Kultur. Übers. v. Eva Zwischenbrugger. Zürich 2005: diaphanes [it. Originalausgabe Torino 1977: Einaudi], 161-167. Allerdings trägt Agamben diesen Zusammenhang vor ohne konkret zu zeigen, dass sich diese Deutungsweise auch in Texten aus dem lateinischen Mittelalter, wo sich der Terminus Amor hereos ja etabliert hatte, finden lässt. Man muss diese Interpretation also eher als spekulativ einschätzen, solange die Textzeugen fehlen.

Wo auch immer aber der etymologische Ursprung liegen mag, im Liber de heros morbo wird die von ihm vorgetragene und seinerzeit durchaus neue Assoziation von Aristokratie und Liebeskrankheit jedenfalls nicht weiter ausformuliert. Daran, dass sie sich aber nichtsdestotrotz in der Folgezeit immer weiter verfestigte, hatten sicherlich nicht zuletzt die definitorischen Bemühungen hoch- und spätmittelalterlicher Ärzte einen entscheidenden Anteil, unternahmen sie es doch – meist in Form von Kommentaren zu den Aussagen im Viaticum, die sie als Lehrende an den Medizinischen Fakultäten etwa in Montpellier oder Paris verfassten –, den nun auf dem Fundament des Bereichs der Liebe in die Sphäre des ‚Heroischen‘ und der Aristokratie ausgreifenden Bedeutungsgehalt mit entsprechenden Verknüpfungen und Argumenten zu plausibilisieren.27Am Rande sei noch erwähnt, dass sich einige Historiker*innen bemüht haben, den etymologischen Zusammenhang von eros und heros auf den bei Ovid ausgeführten Mythos von Hero und Leander zurückzuführen; vgl. Jacquart / Thomasset: „L’amour ‚heroïque‘“, 1985, 153. Allerdings ist der Sprachgebrauch der mittelalterlichen Mediziner davon unberührt, soweit sich aus den Quellen entnehmen lässt.

Vom Mediziner Gerard von Berry (Gerardus Bituricensis) ist der älteste Kommentar zum Viaticum überliefert (Glosule super Viaticum, zwischen 1220 und 123628Vgl. O’Boyle, Cornelius: The Art of Medicine. Medical Teaching at the University of Paris, 1250–1400. Leiden 1998: Brill, 122.). Hier definierte er die Liebeskrankheit wie folgt:

amor qui heros. heroes dicuntur uiri nobiles qui propter diuicias et mollitiem uite tali pocius laborant passione.“29Ediert in: Wack: Lovesickness, 1990, 202, Z. 57-59.

(„Liebe, die heros heißt. Heroes werden diejenigen Edelmänner genannt, die von diesem Leiden aufgrund ihrer Reichtümer und der Bequemlichkeit ihres Lebens leichter betroffen werden.“ Übers. Ch. K.)

Auch Petrus Hispanus (ca. 1205–1277; der spätere Papst Johannes XXI.) hatte in seinen Questiones super Viaticum, die er zwischen 1246 und 1250 während seiner Zeit als Medizinprofessor in Siena schrieb30Vgl. Wack, Mary Frances: „The Measure of Pleasure: Peter of Spain on Men, Women, and Lovesickness“. In: Viator 17 (1986), 173-196, 173., auf die besondere Anfälligkeit der gesellschaftlichen Oberschicht für diese Krankheit hingewiesen:

„Et ita fit hec passio que amor hereos vocatur ab heremis, id est nobilioribus quia maxime solent incurrere istam passionem. […] Causa materialis huius passionis est habundancia multi spermatis, sicut accidit in illis qui vivunt in occio et quiete et deliciis corporis.“31Ediert in: Wack: Lovesickness, 1990, 232, Z. 20-26. Es handelt sich um die sog. Version B dieses Textes.

(„Und so kommt es zu dieser Krankheit, die amor hereos genannt wird, von heremis [Herleitung in diesem Zusammenhang noch ungeklärt; Anm. Ch. K.], d. h. den Adligen, weil sie gewöhnlich am meisten von dieser Krankheit betroffen sind. […] Die Materialursache dieser Krankheit ist ein Übermaß an Samen, wie es bei denjenigen vorkommt, die in Muße und Ruhe und Annehmlichkeiten des Körpers leben.“ Übers. Ch. K.)

In seinem großen Kommentar zur zweiten Hauptquelle in Bezug auf die medizinische Behandlung der Liebeskrankheit, Avicennas Canon, hatte der Pariser Mediziner Jacques Despars (ca. 1380–1458) den Sachverhalt ähnlich erklärt:

„Et dicitur hereos vel hereosus is insanus amor quia plus accidit viris nobilibus et viris heroicis quam viris simplicibus de communi plebe.“32Ediert in: Wack: Lovesickness, 1990, 288, Fn. 60.

(„Und diese zum Wahnsinn gehörende Liebe heißt hereos bzw. hereosus, weil sie öfter adlige und heroische Männer befällt als einfache Männer aus dem gemeinen Volk.“ Übers. Ch. K.)

Von etlichen weiteren Beispielen, die man hier als Textzeugen für die neue Bedeutung der Liebeskrankheit als „heroische Liebe“ heranziehen könnte, sei nur noch eine Abhandlung erwähnt, die zugleich einer der in der Folgezeit meistverbreiteten und -zitierten Texte zu diesem Thema ist, nämlich der Tractatus de amore heroico des Mediziners Arnaldus de Villanova (ca. 1235–1311). Hinsichtlich der Krankheit fasst er darin das zeitgenössische medizinische Wissen zusammen, erweitert aber auch selbst noch einmal das Assoziationsspektrum, indem er definierend schreibt:

„Dicitur autem amor heroicus quasi dominalis, non quia solum accidit dominis, sed aut quia dominatur subiciendo animam et cordi hominis imperando, aut quia talium amantium actus erga rem desideratam similes sunt actibus subditorum erga proprios dominos. Quemadmodum etenim hii timent domini maiestatem offendere et eisdem fideli subiectione servire conantur ut gratiam obtineant et favorem, sic ex parte alia proportionaliter erga rem dilectam heroici afficiuntur amatores.“33Arnaldus de Villanova: Opera Medica Omnia. Vol. III: De amore heroico. De dosi tyriacalium medicinarum. Hg. von Michael R. McVaugh. Barcelona 1985: Universitat de Barcelona, 50-51.

(„Sie heißt heroische, gleichsam herrschaftliche Liebe, nicht nur, weil sie die Herrschenden befällt, sondern auch, weil sie beherrscht, indem sie den Geist unterwirft und dem Herzen des Menschen befiehlt, oder auch weil die Handlungen der Liebenden gegenüber dem ersehnten Gegenstand denjenigen Handlungen ähneln, die Untergebene gegenüber ihren Herrschern ausführen. Wie nämlich diese befürchten, die Würde ihres Herrn zu beleidigen, und sich in treuer Unterwürfigkeit bemühen zu dienen, damit ihnen die herrscherliche Gnade und Gunst zuteilwerde, so verhalten sich analog dazu auch die heroisch Liebenden gegenüber der geliebten Sache.“ Übers. Ch. K.)

Sicher nicht zu Unrecht haben die Forscher*innen in dieser Beschreibung eine Anspielung auf die mittelalterliche Kultur der höfischen Liebe gesehen.34Vgl. z. B. Schnell, Rüdiger: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern / München 1985: Francke, 114; Jacquart / Thomasset: „L’amour ‚heroïque‘“, 1985, 151; Wack: „The Measure of Pleasure“, 1986, 196. Sie bietet gemäß dieser Deutung den gesellschaftlichen Rahmen für die Liebeskrankheit, die ja nach der ärztlichen Anschauung vornehmlich in der sozialen Oberschicht virulent ist. Wie die gerade zitierten Ärzte stellten auch andere zeitgenössische Mediziner wie Bernardus Gordonius (ca. 1258–ca. 1318) im weitverbreiteten Lilium medicinae, Gerardus de Solo (fl. 1330–1350) in seiner Questio de amore hereos und Dino del Garbo (ca. 1280–1327) in seinem Kommentar zum Gedicht Donna me prega des Guido Cavalcanti (ca. 1255–1300) einen unmittelbaren Bezug zum Lebensstil der führenden Schicht her.35Vgl. McVaugh: „Introduction“, 1985, 36; Wack: „The Measure of Pleasure“, 1986, 196; Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 76. Eine ausführliche Analyse der Bezüge zwischen Calvalcantis Poem und den zeitgenössischen medizinischen Theorien bietet Tonelli, Natascha: Fisiologia della passione. Poesia d’amore e medicina da Cavalcanti a Boccaccio. Firenze 2015: SISMEL Edizioni del Galluzzo per la Fondazione Ezio Franceschini, 25-70. Dieser sei durch Bequemlichkeit, Freiheit von körperlicher Arbeit und eine Überzahl von Genussmöglichkeiten aufgrund des vorhandenen Wohlstands, aber auch wegen der Attraktivität durch ihre gepflegte Erscheinung und Umgangsformen, gekennzeichnet. So sei genügend Freiraum für die Entwicklung pathologischen Begehrens und krankhafter Obsessionen vorhanden, die wie gesehen als Exzess – sei es der Dyskrasie der Körpersäfte, sei es des psychischen Ungleichgewichts aufgrund der Fehlleistung der virtus aestimativa oder eine Mischung dieser Ursachen – verstanden werden.

Noch ein weiterer Aspekt trat jüngst wieder stärker in den Vordergrund. Aurélien Robert hat eine Passage bei Gentile da Foligno (1280/1290–1348) in dessen Kommentar zu Avicennas Canon ausfindig gemacht, die darauf hindeutet, dass das Bedeutungsspektrum sich bei ihm auf Personen ausweitet, die genauso wie die Aristokratie aufgrund ihrer Lebensumstände viel Zeit zum Nachdenken und somit zur Ausbildung eines gesundheitsschädlichen Begehrens haben. Der spätmittelalterliche Mediziner nennt die Krankheit

„[…] hereos, id est passio herotica, id est divina, quia quidam putaverunt a deo fieri hanc passionem, ut primo Pronosticorum commento 7, vel quia isti sunt abstracti ab omnibus aliis negociationibus, sicut accidit in contemplatoribus divinorum.“36Comm. Canon III, 1, 4, 22, Hs. Biblioteca Apostolica Vaticana Vat. Lat. 4459, fol. 72rb, abgedruckt in: Robert, Aurélien: „Amour, imagination et poésie dans l’œuvre médicale de Gentile da Foligno“. In: Gubbini, Gaia (Hg.): Body and Spirit in the Middle Ages. Literature, Philosophy, Medicine. Berlin / Boston 2020: De Gruyter, 165-207, 177, Fn. 44.

(„[…] hereos, d. h. herotische Krankheit, d. h. göttliche, weil manche annahmen, dass diese Krankheit von Gott geschaffen wurde – wie es im siebten Kommentar [Galens] zum ersten Buch der Prognostica [des Hippokrates] heißt –, oder weil sie [d. h. die Kranken] von allen anderen Beschäftigungen befreit sind, wie das bei denjenigen geschieht, die die göttlichen Dinge erforschen.“ Übers. Ch. K.)

Robert selbst sieht in dem von Gentile geformten Neologismus „herotica“ mit der mitgegebenen Erklärung eine deutliche Anlehnung an die platonische Tradition des göttlichen Furor, der den Genius des Poeten auszeichne, und erkennt in dem Text eines der – zugegebenermaßen seltenen – Zeugnisse für die Plausibilität der These von der neuplatonisch-dämonologischen Herkunft und Konnotation des Begriffs Amor hereos, die wie oben erwähnt bereits Agamben vorgestellt hatte.37Vgl. Robert: „Amour, imagination et poésie“, 2020, 177, 204; vgl. Agamben: Stanzen, 2005, 164-165.

Vor diesem Hintergrund bleibt in den folgenden Jahrhunderten Amor hereos ein fester Bestandteil des medizinischen Diskurses. Zu den Medizinern, die sich in ihren Schriften mit ihm auseinandersetzen, zählen u. a. Francisco Lopez de Villalobos (1473–1549)38Vgl. Folger, Robert: Images in Mind. Lovesickness, Spanish Sentimental Fiction and Don Quijote. Chapel Hill 2002: Department of Romance Languages, The University of North Carolina, 43-46., Paracelsus (1493–1541) – seinerseits mit einer eigentümlichen, stark moralisierenden Interpretation39Vgl. dazu Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 533-534; Poma, Roberto: „Metamorfosi dell’hereos. Fonti medievali della psicofisiologia del mal d’amore in età moderna (XVI-XVII)“. In: Atti/Actes Eros Pharmakon, RiLUnE Revue des littératures européennes 7 (2007), 39-52, 48. –, Pieter van Foreest (1521–1597), Gerolamo Mercuriale (1530–1606)40Vgl. Poma: „Metamorfosi dell’hereos“, 2007, 47., Daniel Sennert (1572–1637), Johan van Beverwijck (1594–1647)41Vgl. Petterson, Einar: Amans Amanti Medicus. Das Genremotiv Der ärztliche Besuch in seinem kulturhistorischen Kontext. Berlin 2000: Gebr. Mann, 306-314. und Jacques Ferrand (1575–ca. 1630).42Vgl. Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 98-153; Altbauer-Rudnik, Michal: „Love, Madness and Social Order: Love Melancholy in France and England in the Late Sixteenth and Early Seventeenth Centuries“. In: Gesnerus 63 (2006), 33-45.

2.3. Medialität

Die Liebeskrankheit war und ist in der westlichen Kultur omnipräsent und mit ihr seit dem Mittelalter auch die Bezeichnung als „heroische Liebe“. Sie wurde nicht nur in der Medizin besprochen, sondern war über viele Jahrhunderte auch und vor allem in der bildenden, darstellenden und literarischen Kunst ein beliebtes Sujet. Es erscheint unmöglich, hier einen umfassenden und vollständigen Überblick über alle Bezugnahmen auf Amor hereos zu geben. Sie finden sich u. a. bei nahezu allen vormodernen Schriftstellern von Weltrang, die sich in irgendeiner Form mit der Liebe auseinandergesetzt haben. Zu den Autoren, die in einigen ihrer Schriften einen deutlichen, wenn nicht sogar expliziten Bezug zum medizinischen Diskurs über die heroische Liebe herstellten, der von der Forschung mittlerweile auch als solcher identifiziert und intensiv besprochen wurde, zählen neben etlichen Vertretern der mittelalterlichen lateinischen säkularen Lyrik43Vgl. Vollmann, Benedikt Konrad: „Liebe als Krankheit in der weltlichen Lyrik des lateinischen Mittelalters“. In: Stemmler, Theo (Hg.): Liebe als Krankheit. 3. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters. Mannheim 1990: Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters an der Universität Mannheim, 105-125. sowie des Minnesangs44Vgl. Philipowski, Katharina: „Minne als Krankheit“. In: Neophilologus 87 (2003), 411-433. auch bspw. Dante45Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 157-159, 162; Tonelli: Fisiologia della passione, 2015, 71-124., Petrarca46Vgl. Küpper, Joachim: „(H)er(e)os. Der Canzoniere und der medizinische Diskurs seiner Zeit“. In: Küpper, Joachim: Petrarca. Das Schweigen der Veritas und die Worte des Dichters. Berlin/New York 2002: De Gruyter, 115-161; Tonelli: Fisiologia della passione, 2015, 153-176., Boccaccio47Vgl. Ciavolella, Massimo: „La tradizione dellʼ aegritudo amoris nel Decameron“. In: Giornale Storico della Letteratura Italiana 147 (1970), 496-517; Tonelli: Fisiologia della passione, 2015, 201-221., Chaucer48Vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914., Ariosto49Vgl. De Angelis, Simone: „Die Liebeskrankheit und der Eros-Mythos. Zur Beziehung von medizinischen und poetischen Texten in der Renaissance“. In: Pethes, Nicolas / Richter, Sandra (Hg.): Medizinische Schreibweisen. Ausdifferenzierung und Transfer zwischen Medizin und Literatur (1600–1900). Tübingen 2008: Niemeyer, 73-97., Leone Ebreo50Vgl. Giovannozzi, Delfina: „Aegritudo amoris in Leone Ebreo“. In: Medicina nei secoli 24.3 (2012), 593-610., Cervantes51Vgl. Folger: Images in Mind, 2002, 239-248. sowie zahlreiche Autoren der niederländischen Dichtkunst des Spätmittelalters und der Renaissance.52Vgl. Petterson: Amans Amanti Medicus, 2000, 317-363. Der Begriff und das Konzept des Amor hereos fließen darüber hinaus vom medizinischen Schrifttum in theologische und philosophische Traktate als zentrale Argumentationspunkte ein, wie z. B. in De doctrina cordis von Hugo von Saint-Cher (ca. 1200–1263)53Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 24, 51-52., De amore von Marsilio Ficino (1433–1499)54Vgl. Ciavolella, Massimo: „Eros and the Phantasms of Hereos“. In: Beecher, Donald A. / Ciavolella, Massimo (Hg.): Eros and Anteros: The Medical Traditions of Love in the Renaissance. Ottawa 1992: Dovehouse, 75-85, 78., The Anatomy of Melancholy von Robert Burton (1577–1640)55Vgl. Ciavolella, Massimo: „Erotomania, Melancholy, Nostalgia: A Renaissance Perspective“. In: MLN 134 Supplement (2019), 215-223, 216; Altbauer-Rudnik: „Love, Madness and Social Order“, 2006, 37-39., aber auch in die autobiographische Selbstreflexion De propria vita von Gerolamo Cardano (1501–1576).56Vgl. Ciavolella: „Erotomania, Melancholy, Nostalgia“, 2019, 219-220.


Andererseits scheint auch die medizinische Fachliteratur selbst in ihren Erklärungen und Begrifflichkeiten von der zeitgenössischen Literatur und den sozialen Konventionen – etwa des Minnesangs bzw. der höfischen Liebe, wie oben erwähnt – beeinflusst worden zu sein.57Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 166-174. Kritisch hingegen Schnell: Causa amoris, 1985, 244-245, der zu mehr Vorsicht und größerer Detailkenntnis bei der Behauptung poetischer Einflüsse auf mittelalterliche Gelehrte bei der Beschreibung und Beurteilung der Liebeskrankheit rät. Wichtige Referenzpunkte zum Phänomen der Liebeskrankheit bieten die weitverbreiteten Bücher aus dem Themenbereich der Artes amandi, so etwa Ovids Ars amatoria und De amore von Andreas Capellanus (ca. 1174/1186).58Vgl. Jacquart / Thomasset: Sexualité et savoir médical, 1985, 135-152. Bei den Ärzten des 16. und 17. Jahrhunderts, die wie ihre Vorgänger die Herkunft des Namens der Krankheit erörtern, hält neben den traditionellen Deutungen, wie sie bei Arnaldus zu finden sind, schließlich auch der klassische Heldenbegriff vermehrt Einzug. Heroen oder Halbgötter seien oft von dieser Krankheit befallen gewesen – als Exempla werden etwa bei Foreest und Sennert u. a. Medea, David, Herkules, Samson, Salomon und Dido angeführt –, und so stellt für Ferrand der Ursprung der Bezeichnung in diesen Geschichten eine naheliegende Erklärung dar.59Vgl. Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914, 535-538.

Jacques Ferrand: De la maladie d’amour ou mélancolie érotique

„Avicenne, avec toute la famille Arabesque, appelle ceste maladie en sa langue alhasch et iliscus, Arnaud de Villanova, [Bernard de] Gordon, et leurs contemporanées la nomment amour heroïque ou seigneurial, soit que les anciens heros ou demy-dieux soient esté beaucoup travaillez de ce mal, comme les poëtes fabuleux recitent, ou bien que les grands seigneurs et dames soient plus enclins à ceste maladie que le peuple, ou finalement, dautant que l’amour seigneurie et maistrise les cœurs des amans.“

(„Avicenna und mit ihm alle Araber nennen diese Krankheit in ihrer Sprache alhasch und iliscus, Arnaldus de Villanova, Bernardus Gordonius und ihre Zeitgenossen bezeichnen sie als heroische oder herrschaftliche Liebe, entweder, weil die antiken Helden oder Halbgötter sehr von dieser Krankheit geplagt waren, wie die berühmten Dichter erzählen, oder weil die hohen Herren und Damen anfälliger für diese Krankheit sind als das Volk, oder schließlich, weil die Liebe die Herzen der Liebenden beherrscht und bezwingt.“ Übers. Ch. K.)


Quelle: Ferrand, Jacques: De la maladie d’amour ou mélancolie érotique. Hg. v. Donald Beecher u. Massimo Ciavolella. Paris 2010: Éditions Classiques Garnier, 203 (Cap. III: Du nom de l’amour, et de la melancholie erotique).

Besonders prägend ist die Tradition der Exegese des Hoheliedes (Cantica canticorum), das als sakraler Text in üppiger und bildreicher Sprache Liebe und Erotik verbalisiert, jedoch schon seit der Spätantike durch überhöhende, allegorische Interpretationen vonseiten der Väter und Lehrer der Kirche eingehegt worden war. Auch die im Hohelied häufig zu Wort kommende Braut bezeichnet sich als krank vor Liebe („amore langueo“; Hld 2,5 und 5,8) und lieferte damit nicht nur das Vorbild für etliche Werke der mittellateinischen Liebeslyrik60Vgl. Vollmann: „Liebe als Krankheit“, 1990, 105-108., sondern sie zog auch weitergehende Erörterungen über das Verhältnis von Leid und Liebe zu Gott nach sich.61Vgl. Wack: Lovesickness, 1990, 21-24. Eine bestimmte Tradition der christlichen Mystik versteht die Hingabe an Gott in durchaus erotischer Affektion zum Höchsten als Liebeskrankheit, die unweigerlich zur Selbstaufgabe bis hin zum „Liebestod“ führen müsse. Diese Form der Selbstopferung um des höchsten Liebesobjekts willen wird mitunter als „heroische Liebe“ (amor heroicus) bezeichnet, die dahinterstehende individuelle Haltung als „⟶heroische Tugend“ (virtus heroica) verstanden, so bspw. in der Beschreibung der Eigenschaften von Teresa von Ávila (1515–1582) im Zuge ihres Selig- bzw. Heiligsprechungsprozesses.62Vgl. Niedermeier, Nina: „Heroische Tugend (Katholizismus)“. In: Compendium heroicum. Hg. v. Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher u. Anna Schreurs-Morét, pub. vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 13.05.2019. DOI: 10.6094/heroicum/htkd1.0. Eine klare Differenzierung zwischen den diversen Traditionen scheint schwer möglich, denn die theologischen, spirituell-mystischen und literarischen Diskurse überlagern sich häufig.

Eine markante Position nimmt in diesem Kontext Giordano Bruno (1548–1600) ein, da er die medizinische und philosophische Dimension der heroischen Liebe miteinander verknüpft und sie zugleich gegen die zeitgenössische poetische Kultivierung der Liebeskrankheit in Stellung bringt. In seinem Dialog De gli eroici furori (1585) sind die namengebenden „heroischen Leidenschaften“ so beschrieben, dass ihre äußerlichen Erkennungsmerkmale mit denjenigen des pathologischen Amor hereos identisch sind, und auch der Ausdruck „amore eroico“ wird verwendet. Zugleich wird die damals bereits etablierte und weit ausufernde literarische Adaptation kritisiert, indem schon im Vorwort des Dialogs die (platonische) Unterscheidung zwischen einem niedrigen und einem hohen Liebesobjekt eingeführt wird: Das krankhafte Verlangen nach einem anderen Menschen – also das Thema der traditionellen Literatur – wird der triebhaften, vulgären Liebe zugerechnet. Sie wirkt angesichts der Sterblichkeit und der Vergänglichkeit all der Vorzüge, die am geliebten Objekt so begehrenswert erscheinen, als lächerlich oder mitleiderregend. Die Liebe zum Ewigen, Unvergänglichen und zur Wahrheit hingegen wird als göttliche und heroische Liebe emporgehoben.63Vgl. Bruno, Giordano: De gli eroici furori, Argomento. In: Bruno, Giordano: Opere italiane. Band 2. Hg. v. Giovanni Aquilecchia. Torino 2007: UTET.

Giordano Bruno: De gli eroici furori

„È cosa veramente […] da basso, bruto e sporco ingegno, d’essersi fatto constantemente studioso, et aver affisso un curioso pensiero circa o sopra la bellezza d’un corpo femenile. Che spettacolo (o Dio buono) più vile et ignobile può presentarsi ad un occhio di terso sentimento, che un uomo cogitabundo, afflitto, tormentato, triste, maninconioso: per dovenir or freddo, or caldo, or fervente, or tremante, or pallido, or rosso, or in mina di perplesso, or in atto di risoluto; un che spende il meglior intervallo di tempo, e gli più scelti frutti di sua via corrente, destillando l’elixir del cervello con mettere in concetto, scritto, e sigillar in publichi monumenti, quelle continue torture, que’ gravi tormenti, que’ razionali discorsi, que’ faticosi pensieri, e quelli amarissimi studi destinati sotto la tirannide d’una indegna, imbecille, stolta e sozza sporcaria? […] Voglio finalmente dire che questi furori eroici ottegnono suggetto e oggetto eroico: e però non ponno più cadere in stima d’amori volgari e naturaleschi, che veder si possano delfini su gli alberi de le selve, e porci cinghiali sotto gli marini scogli.“

(„Es zeugt in der Tat […] von niederer, grober und schmutziger Gesinnung, sich mit stetem Eifer der Schönheit eines weiblichen Körpers zu widmen und auf diese neugierige Gedanken zu verwenden. Was für ein Schauspiel, bei Gott, könnte niederträchtiger und unedler dem Auge eines Gebildeten erscheinen als ein vor sich hingrübelnder, leidender, gequälter, trauriger und melancholischer Mann; der abwechselnd kalt, heiß glühend, zitternd, bleich und rot wird, bald eine bestürzte Miene, bald Entschiedenheit zur Schau trägt; der seine beste Zeit und die erlesensten Früchte des Lebens damit verschwendet, tröpfchenweise seine Gehirnflüssigkeit von sich gebend, jene steten Peinigungen, schweren Qualen, Grübeleien, ermüdenden Gedanken, bitteren Mühen, die sämtlich unter der Tyrannenherrschaft einer unwürdigen, schwächlichen, dummen und schmierigen Geilheit stehen, in Worte zu fassen, aufzuschreiben und in öffentliche Denkmäler einzugravieren? […] Endlich will ich sagen, daß Subjekt und Objekt der heroischen Leidenschaften heroisch sind: deshalb können sie genausowenig in den Rang einer vulgären und triebhaften Liebe fallen, wie man Delphine auf den Bäumen der Wälder und Wildschweine unter den Meeresfelsen sehen kann.“)


Quelle: Bruno, Giordano: De gli eroici furori, Argomento. In: Bruno, Giordano: Opere italiane. Band 2. Hg. v. Giovanni Aquilecchia. Torino 2007: UTET, 487-494. (Deutsche Ausgabe: Bruno, Giordano: Von den heroischen Leidenschaften. Übers. u. hg. von Christiane Bacmeister. Hamburg 1989: Meiner, 3-6.)

Heroisch sei diese letztere Liebe darum, weil sie nie erfüllt werden könne, sei doch das Unendliche und Unbegrenzte für den menschlichen Geist niemals fassbar, so dass der Liebende unweigerlich scheitern und an seinem Verlangen zugrunde gehen müsse. Darin, dass er diese Konsequenzen bewusst und willentlich um seiner göttlichen Liebe willen in Kauf nimmt, erweist sich sein Status als Philosoph, der zugleich ein übermenschlicher Heros ist.64Zu Brunos Konzeption des heroisch leidenschaftlichen Philosophen vgl. Klessinger, Hanna: „Heldenhaftes Philosophieren. Giordano Brunos De gli heroici furori“. In: Aurnhammer, Achim / Pfister, Manfred (Hg.): Heroen und Heroisierungen in der Renaissance. Wiesbaden 2013: Harrassowitz, 71-84. Vgl. auch Niedermeier, „Heroische Tugend (Katholizismus)“, 2019, 13. Bruno definiert also das Konzept der heroischen Liebe mit den Merkmalen der Liebeskrankheit unter den Vorzeichen des transzendentalen Sehnsuchtsobjekts und der Weltverachtung und stilisiert den Liebesleidenden nun als unvermeidlich tragischen Helden.65Vgl. Bruno: De gli eroici furori I,3.

Giordano Bruno: De gli eroici furori

„L’amor suo qua è a fatto eroico e divino, e per tale voglio intenderlo: benché per esso si dica suggetto a tanti martìri; perché ogni amante ch’è disunito e separato da la cosa amata (alla quale com’è congionto con l’affetto, vorrebbe essere con l’effetto) si trova in cordoglio e pena, si crucia e si tormenta: non già perché ami, atteso che degnissima e nobilissimamente sente impiegato l’amore; ma perché è privo di quella fruizione la quale ottenerebbe se fusse gionto a quel termine al qual tende: non dole per il desio che l’avvia, ma per la difficultà del studio ch’il martora. Stiminlo dumque altri a sua posta infelice per questa apparenza de rio destino, come che l’abbia condannato a cotai pene: perché egli non lasciarà per tanto de riconoscer l’obligo ch’have ad Amore, e rendergli grazie, perché gli abbia presentato avanti gli occhi de la mente una specie intelligibile, nella quale in questa terrena vita (rinchiuso in questa priggione de la carne, et avvinto da questi nervi, e confirmato da queste ossa) li sia lecito di contemplar più altamente la divinitade, che se altra specie e similitudine di quella si fusse offerta.“

(„Hier ist seine Liebe tatsächlich heroisch und göttlich; und als solche begreife ich sie, obwohl sie ihm soviele Qualen auferlegt; denn jeder Liebende, der von der geliebten Sache (der er wie im Gefühl auch in Wirklichkeit vereint sein möchte) entfernt und getrennt ist, empfindet Schmerz und Pein, er martert und quält sich. Und zwar nicht deshalb, weil er liebt, denn er fühlt, daß die Liebe eine sehr würdige und edle Aufgabe zu erfüllen hat, sondern weil er des Genusses beraubt ist, den er hätte, wenn er dem angestrebten Ziel vereint wäre. Er fühlt nicht Schmerz wegen der Sehnsucht, die ihn vielmehr belebt, sondern wegen der quälenden Schwierigkeit seiner Mühen. Mögen ihn also andere an seiner Stelle für unglücklich halten, weil sein Schicksal grausam scheint, das ihn zu solchen Qualen verurteilt hat. Er wird trotzdem nicht aufhören, seine Schuldigkeit gegenüber der Liebe anzuerkennen, und ihr Dank wissen. Sie hat ihm nämlich vor sein geistiges Auge eine mit dem Intellekt faßbare Erscheinung gestellt, die es ihm erlaubt, in diesem irdischen Leben, eingeschlossen in das Gefängnis des Fleisches, gefesselt mit den Nerven und festgehalten mit den Knochen, das Göttliche höher zu schauen, als jede andere ihm angebotene Erscheinung es gekonnt hätte.“)


Quelle: Bruno, Giordano: De gli eroici furori I,3. In: Bruno, Giordano: Opere italiane. Band 2. Hg. v. Giovanni Aquilecchia. Torino 2007: UTET, 563-564. (Deutsche Ausgabe: Bruno, Giordano: Von den heroischen Leidenschaften. Übers. u. hg. von Christiane Bacmeister. Hamburg 1989: Meiner, 56.)

Ebenso wie in Literatur, Theologie und Philosophie finden sich auch in den darstellenden und bildenden Künsten stetig wiederkehrende Bezüge zur krankhaften Liebe. Es muss für den vorliegenden Kontext genügen, nur zwei der vielfältigen Motive aufzugreifen und zu skizzieren. Das erste Sujet ist die Antiochos-Geschichte, die ein beliebter Anknüpfungspunkt sowohl in der medizinischen Fachliteratur als auch in der Kunst war – neben der Malerei ist hier auch das Theater und die Oper zu nennen66Vgl. Stechow, Wolfgang: „‚The Love of Antiochus with Faire Stratonica‘ in Art“. In: The Art Bulletin 27.4 (1945), 221-237, 225-227. – und als die am häufigsten zitierte Fallschilderung gilt.67Vgl. Giedke: Die Liebeskrankheit, 1983, 175. Sie wurde über Valerius Maximus (Facta et dicta V,vii,1), Appian (Syriake 59-61) und Plutarch (Vita Demetri XXXVIII, 2-3) vermittelt und in den nachfolgenden Epochen überaus häufig rezipiert, darunter auch von dem wohl berühmtesten der römischen Ärzte, Galenos von Pergamon. Antiochos (324–261 v. Chr.), der junge Sohn des Königs Seleukos I., war nach dieser Erzählung insgeheim so sehr in Stratonike, die junge Frau seines Vaters, verliebt, dass er sehr krank wurde. Ein zu Rate gezogener Arzt – meist wird er als der berühmte Erasistratos identifiziert – deckte durch äußere Anzeichen wie z. B. der Variation des Pulsschlags den Zusammenhang von körperlichem Siechtum und der unerfüllten Liebe zur Stiefmutter auf. Nach dieser Diagnose gab Seleukos seinem Sohn die Königin Stratonike unverzüglich zur Frau, woraufhin Antiochos genas. Die Episode zeigt bereits skizzenhaft die von den späteren Ärzten geübte Betrachtungsweise des unerfüllten Begehrens als eines krankhaften bzw. krankheitsähnlichen Zustands, seiner Diagnose und eines der bevorzugten Mittel zur Therapie, nämlich die Vereinigung mit dem geliebten Menschen.

Galen berichtet nun in seiner Schrift Über die Prognose von dem Fall der Frau des Iustus, die bei ihm in Behandlung war und an Schlaflosigkeit litt. In expliziter Anlehnung an die berühmte Erasistratos-Geschichte beschreibt er, wie es ihm durch das Fühlen des Pulsschlags gelang, zu erkennen, dass die Frau in den Tänzer Pylades verliebt und dies der Grund für die Insomnie, aber auch für ihr sonstiges melancholisch anmutendes Verhalten war. Denn immer nur dann, wenn ein Bote von Pylades’ Auftritten berichtete, veränderte sich ihr Pulsschlag plötzlich und deutlich. Für Galen ist Liebe selbst aber keine Krankheit, und daher gebe es auch keinen von Liebe bewegten Pulsschlag. Vielmehr würden mentale Störungen wie innere Konflikte und Ängste den Körper beeinflussen.68Vgl. Galen: De praecognitione 6. In: Galen: On Prognosis. Hg. u. engl. Übers. von Vivian Nutton. Corpus Medicorum Graecorum V 8,1. Berlin 1979: Teubner, 100/101-104/105.

Auch wenn die Quellen die Liebeskrankheit nicht direkt ansprachen, waren gerade die Geschichte von Antiochos und Stratonike und ihre Weiterverschriftlichung in der Pylades-Anekdote von Galen für die Nachwelt – insbesondere seit der Renaissance69Vgl. Schneck, Jerome M.: „The Love-Sick Patient in the History of Medicine“. In: Journal of the History of Medicine and Allied Sciences 12 (1957), 266-267. – prägnante Exempel für das mittlerweile etablierte Konzept des Amor hereos.70Vgl. Giedke: Die Liebeskrankheit, 1983, 175. Die eigenartige symptomatische Funktion des irregulären Pulses des bzw. der krankhaft Verliebten war nicht zuletzt durch Galens wiederholtes Selbstlob hinsichtlich seiner diagnostischen Fähigkeiten wohl der berühmteste Topos im Themenfeld der Liebeskrankheit.71Vgl. Biesterfeldt / Gutas: „The Malady of Love“, 1984, 22. Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war die Ausstrahlung dieses Stoffes vom medizinischen Text auf die bildende Kunst – und von dieser bisweilen wieder zurück auf den literarischen Text –72Vgl. De Angelis: „Die Liebeskrankheit und der Eros-Mythos“, 2008, 82-83, wo die Verwendung des Antiochos-Motivs in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre angeführt wird, an Goethe vermittelt durch Winckelmanns Beschreibung des Bildes von Gérard de Lairesse: König Seleukos übergibt dem Sohn Antiochos die Königsherrschaft und seine zweite Gemahlin Stratonike, ca. 1673; Staatliche Kunsthalle Karlsruhe. deutlich greifbar. Zahlreiche Maler widmeten sich der Visualisierung der Antiochos-Erzählung.73Vgl. dazu ausführlich Stechow: „The Love of Antiochus“, 1945, 227-237; Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990, 48-50. Exemplarisch sei hier eines der berühmteren Gemälde angeführt, Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike (Abb. 1) von Jacques-Louis David (1748–1825), mit dem dieser 1774 den Prix de Rome der Académie royale de peinture et de sculpture gewann und das wiederum viele Nachahmer anregte.74Zu den beiden Versionen des Gemäldes – der Vorbereitungsstudie und der finalen Fassung – und dem Erfolg des Bildes vgl. Stechow: „The Love of Antiochus“, 1945, 231-232. Im Zentrum des abgebildeten Geschehens stehen zwar der liebeskranke Königssohn und das hell erstrahlende Objekt seiner Begierde, im linken Vordergrund ist aber der Arzt auch sehr prominent in Szene gesetzt: Während er mit der linken Hand noch den Puls des Patienten fühlt, erkennt er die wahre Ursache für dessen Leiden und deckt sie den Umstehenden auf, indem er mit dem ausgestreckten rechten Arm emphatisch auf Stratonike zeigt.

Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache …“
Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike“
Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike“
Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike“
1774, Öl auf Leinwand, 120 cm x 155 cm, École nationale supérieure des Beaux-Arts (ENSBA), Paris.
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Zitat nach § 51 UrhG

Quelle

Monneret, Sophie: David et le néoclassicisme, Paris 1998: Terrail, 29; via Prometheus Bildarchiv

Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike“
1774, Öl auf Leinwand, 120 cm x 155 cm, École nationale supérieure des Beaux-Arts (ENSBA), Paris.
Quelle: Monneret, Sophie: David et le néoclassicisme, Paris 1998: Terrail, 29; via Prometheus Bildarchiv
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Die Galen’sche Episode zur Frau des Iustus und Pylades wiederum fanden die Drucker der Galen-Gesamtausgabe aus dem Jahr 1541 (Venedig, Erben des Lucantonio Giunta) derart aussagekräftig, dass sie sie auf dem Titelblatt, das die wichtigsten Stationen im Leben Galens darstellt (Abb. 2), stellvertretend für die medizinische Kunstfertigkeit der Aufdeckung der Liebenden („amantis dignotio“) abbildeten (Abb. 3). Zu sehen ist Galen, wie er der im Krankenbett liegenden Frau des danebenstehenden Iustus den Puls fühlt, als der Bote („nuntius“) mit der Nachricht über Pylades hinzutritt.

Die in diesen Geschichten reüssierende Pulsdiagnostik war bei den Ärzten der folgenden Jahrhunderte in der Praxis weiterhin das Mittel der Wahl zur Erkennung der Krankheit und wird als solches stets wiederkehrend in den Gemälden gezeigt. Sie ist dementsprechend auch ein integrales Element des zweiten Motivs, das hier angedeutet werden soll, um die mediale Verbreitung der Liebeskrankheit in der Malerei zu exemplifizieren. Es handelt sich um das in der Frühen Neuzeit äußerst beliebte Sujet „Der ärztliche Besuch“, das regelmäßig einen Arzt zeigt, wie er eine junge Frau untersucht, die an der Liebeskrankheit leidet.75Ausführlich behandelt wird dieses Thema bei Petterson: Amans Amanti Medicus, 2000, der mehr als 80 Gemälde hauptsächlich niederländischer Künstler aus dem 17. und 18. Jahrhundert präsentiert und in kunst- und kulturhistorischer Perspektive diskutiert. Vgl. auch Wack: „The Measure of Pleasure“, 1986, 194. Am häufigsten ist hier wieder das Fühlen des Pulses dargestellt, und so ähnelt die Szenerie oftmals stark dem Titelblatt der erwähnten Galen-Ausgabe von 1541, wie etwa in dem hier gewählten Beispiel (Abb. 4), dem Bild von Jan Steen (1626–1679), das zwischen 1661 und 1663 entstanden ist und eines der zahlreichen Bearbeitungen des Motivs allein durch diesen Künstler darstellt. Die Deutung wird erleichtert durch den Zettel in der Hand der jungen Patientin, auf dem steht: „Der helpt geen medesyn, want het is minne pyn“ („Hier hilft keine Medizin, denn es ist Liebesschmerz“), darüber hinaus richtet die Amor-Statuette links oben ihren Pfeil direkt auf sie. Während der Arzt sich darum kümmert ihre Krankheit festzustellen, steht ein junger Mann auf der Türschwelle, der höchstwahrscheinlich der Grund des Leidens ist76Vgl. Petterson: Amans Amanti Medicus, 2000, 73-74, 515, 534., wie ja auch ihr sehnsüchtiger Blick in seine Richtung schweift.

Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“
Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“
Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“
Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“
1661/63, Öl auf Leinwand, 61 cm x 52,1 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München, Inv.-Nr. 158.
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Quelle

Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München

Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“
1661/63, Öl auf Leinwand, 61 cm x 52,1 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München, Inv.-Nr. 158.

3. Forschungsstand und -perspektiven

Die historische Forschung zum Thema der Liebeskrankheit bzw. Amor hereos hat mittlerweile eine Vielzahl an Beiträgen hervorgebracht. Die klassische Arbeit von Lowes war dabei unumstritten der Wegbereiter – die zeitlich vorausgegangene Studie von Crohns war nicht annähernd so stark rezipiert worden77Crohns: „Zur Geschichte der Liebe als ‚Krankheit‘“, 1905. –, alle nachfolgenden Studien beziehen sich zurecht auf sie, weil sie nicht nur das Themenfeld in seiner ganzen Breite abgesteckt, sondern auch die meisten der einschlägigen Quellen präsentiert und diskutiert hatte.78Lowes: „The Loveres Maladye of Hereos“, 1914. Man kann nicht davon sprechen, dass der Gegenstand zu wenig beforscht sei, zumindest nicht für die Epochen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Insbesondere die Studien von Donald Beecher, Massimo Ciavolella, Michael McVaugh und Mary F. Wack haben mit viel Liebe zum Detail für eine exzellente Aufarbeitung und Kontextualisierung der Quellen gesorgt, die in ihren Aufsätzen und Büchern zum größten Teil sogar kritisch ediert sind.79Ciavolella: La „malattia d’amore“, 1976; McVaugh: „Introduction“, 1985; Wack: „The Measure of Pleasure“, 1986; Wack: „The Liber de heros morbo“, 1987; Beecher / Ciavolella: „Introduction“, 1990; Wack: Lovesickness, 1990; Beecher, Donald A. / Ciavolella, Massimo (Hg.): Eros and Anteros: The Medical Traditions of Love in the Renaissance. Ottawa 1992: Dovehouse. Durch diese Arbeiten ist zumindest der Mediävistik des 20. und 21. Jahrhunderts deutlich bewusst, dass der Amor hereos ein essentieller Bestandteil der vormodernen Kultur war. Und so verwundert es nicht, wenn etwa in Umberto Ecos historischen Romanen Baudolino und vor allem Il nome della rosa (Der Name der Rose) die Liebeskrankheit eine, wenn nicht sogar die zentrale Rolle spielt, und zwar ausdrücklich auch die mittelalterliche medizinische Fachdiskussion.80Vgl. dazu ausführlich Kaiser, Christian: „Speculum amoris: Liebeskrankheit und medizinische Wissenschaft in Umberto Ecos Mittelalter“. In: Medizinhistorisches Journal 56 (2021), im Erscheinen.

Nun liegen die genannten Fachpublikationen allerdings bereits mehr als drei Jahrzehnte zurück. Seitdem sind zwar etliche Einzelstudien veröffentlicht worden, die in den Endnoten zur obigen Darstellung zum großen Teil auch zitiert wurden, aber diese behandeln fast ausschließlich die bereits in den achtziger und neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts besprochenen Texte, ohne sich um die Erschließung neuer Quellen zu bemühen. Insofern erscheint es berechtigt anzumerken, dass die geschichtswissenschaftliche Forschung zur heroischen Liebe nicht sehr kontinuierlich vonstattenging und überhaupt recht unorganisiert und unvollständig ist, wenn man die Relevanz des Themas für so viele wissenschaftliche und kulturelle Bereiche betrachtet und die Literatur dazu etwa mit derjenigen zur Melancholie vergleicht, die wesentlich intensiver reflektiert worden ist.81So die Einschätzung von Gazzaniga, Valentina: „Tra furore e consunzione: amore, anima e corpo nella tradizione medica e letteraria occidentale“. In: Medicina nei secoli 24.3 (2013), 537-546, 538. Insbesondere würde es lohnenswert erscheinen, die oben angedeuteten Verbindungen von (neu)platonischen philosophischen Konzepten der Luftdämonen bzw. Heroen und medizinischer Theoriebildung wesentlich intensiver zu erforschen, wie auch generell den Interferenzen zwischen medizinischen und philosophischen Ideen und deren wechselseitiger Beeinflussung noch nicht genügend Beachtung geschenkt wurde. Wünschenswert wäre insgesamt eine umfassende Darstellung, die nicht nur den aktuellen Forschungsstand abbildet, sondern explizit und in komparativer Absicht die entsprechenden antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Quellen zusammenführt, auch über den eng definierten westlichen Kulturkreis hinaus. Viel zu wenig wurden die byzantinische und arabische Literatur abseits der verfügbaren mittellateinischen Übersetzungen berücksichtigt, kaum bis gar nicht auch das jüdisch-hebräische Schrifttum zum Thema, von etwaigen ostasiatischen Konzepten ganz zu schweigen.

Darüber hinaus fällt angesichts der bis dato erreichten historischen Aufarbeitung der bisweilen mangelhafte Transfer der Erkenntnisse in andere Forschungsbereiche auf. Weite Teile der Literatur zu Heldentum bzw. Heroismus übergehen das jahrhundertelang omnipräsente Phänomen der heroischen Liebe. Das mag seine Ursache in der spezifischen Semantik des Begriffs Amor hereos haben, zumindest was den medizinischen Gebrauch betrifft. Fast immer wird der Terminus „hereos“ nicht weiter nach seinen Implikationen befragt, sondern lediglich der etymologische Ursprung vom griechischen „eros“ benannt, aus dem heraus sich dann die „barbarisierte“, „vulgärlateinische“ oder „hyperurbanistische“ Schreibweise etabliert habe.82So z. B. bei Haage: „,Amor hereos‘ als medizinischer Terminus technicus“, 1990, 33; Dinzelbacher: „Gesunder Sex im Mittelalter“, 2019, 53. Von denjenigen aber, die in der Vormoderne das Konzept verwendeten, wurde es unabhängig davon aber durchaus als dem „heros“ zugehörig interpretiert, nur dass das eben zum großen Teil nicht mit dem heute gängigen Definitionsspektrum des „Helden“83Vgl. z. B. Sonderforschungsbereich 948: „Held“. In: Compendium heroicum. Hg. v. Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher u. Anna Schreurs-Morét, pub. vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 01.02.2019. DOI: 10.6094/heroicum/hdd1.0. vereinbar zu sein scheint. Die „Heroen der Liebe“ sind für die Mediziner keine vorbildlichen und verehrungswürdigen Wesen, die eine übermenschliche agonale Leistung erbringen, sondern von krankhaften Affekten befallene Menschen der gehobenen sozialen Schichten, die Muße und Mittel zur Verfügung haben, die den Zustand des Krank-vor-Liebe-Seins stark begünstigen. Diese negativ konnotierte Bedeutung von „heroisch“ ist ein kulturelles Faktum und sollte dementsprechend von der Forschung zu Helden und Heroismen ernster genommen werden.

Es ist von den Expert*innen immer wieder hervorgehoben worden, wie sehr sich in der vormodernen Kultur der medizinische Blick von anderen Zugangsweisen zum Thema der unerfüllten bzw. unerreichbaren Liebe unterscheidet. Während in der Kultur der höfischen Liebe oder des Minnesangs Ideale des Liebesschmerzes und des „Liebestodes“ kultiviert wurden und geistlich-religiöse Allegorien die mitunter leidvolle Selbstaufgabe zugunsten der vermeintlich höheren Liebesziele verklärten, war diese Art von Liebe für die Ärzte in erster Linie eine psycho-physiologische Störung, die der Therapie bedurfte, die sie wiederum prinzipiell auch für möglich hielten.84Vgl. Wack: „The Liber de heros morbo“, 1987, 343; De Angelis: „Die Liebeskrankheit und der Eros-Mythos“, 2008, 92. Zugrunde liegt das humoralpathologische Paradigma Galenʼscher Prägung, wonach derjenige Zustand erstrebenswert ist, der die Ausübung der körperlichen und seelischen Funktionen gewährleistet. Ziel ist die ausgewogene Mitte in allen Belangen, seien es Mischungsverhältnisse der Körpersäfte, seien es Betätigungen oder Gedanken. Jeder Exzess, jedes Zuwenig oder Zuviel, stellt eine Bedrohung dar und kann zum Funktionsausfall führen. Man könnte den medizinischen Blick auf die „heroische Liebe“ somit guten Gewissens auf das gesamte Phänomen des „Heldentums“ ausweiten: Jene kommt je nach theoretischem Ansatz durch ein Zuviel an Samen oder schwarzer Galle oder durch exzessives Grübeln über das nicht erreichbare Liebesobjekt zustande, abgeholfen wird dem entweder durch Vereinigung mit dem bzw. der Geliebten oder durch Verdrängung bzw. Ersetzung des nicht erfüllbaren Wunsches – wer den geliebten Menschen nicht bekommt, soll sich eben anderen Sinnesgenüssen bzw. Sexualpartnern zuwenden. Dieser pragmatische Blick auf Liebesdinge, der das Begehren hinsichtlich seiner Konsequenzen bewertet und generell als regulier- und lenkbar erachtet, widerspricht allen Vorstellungen von „romantischer“ oder „schicksalhafter“ Liebe; Ideale von Selbstopferung und Liebestod erscheinen aus medizinischer Sicht völlig sinnlos. Weil nach dieser Anthropologie das physische und psychische Gleichgewicht des normalen Menschen als das erstrebenswerte Gute gilt, kann auch das klassisch verstandene Heroische, das ja als das Exzeptionelle, Übermenschliche definiert wird, das sich in großartigen Herausforderungen und leidvollen Entbehrungen beweist, nicht auf ärztliche Anerkennung hoffen. Die vormoderne Medizin ist in dieser Hinsicht entschieden anti-heroisch orientiert.

4. Einzelnachweise

5. Ausgewählte Literatur

  • Agamben, Giorgio: Stanzen. Wort und Phantasma in der abendländischen Kultur. Übers. von Eva Zwischenbrugger. Zürich 2005: diaphanes [it. Originalausgabe Torino 1977: Einaudi].
  • Arnaldus de Villanova: Opera Medica Omnia. Vol. III: De amore heroico. De dosi tyriacalium medicinarum. Hg. von Michael R. McVaugh. Barcelona 1985: Universitat de Barcelona.
  • Beecher, Donald A. / Ciavolella, Massimo: „Introduction“. In: Ferrand, Jacques: A Treatise on Lovesickness. Translated and Edited and with a Critical Introduction and Notes by Donald A. Beecher and Massimo Ciavolella. Syracuse, NY 1990: Syracuse University Press, 3-202.
  • Beecher, Donald A. / Ciavolella, Massimo (Hg.): Eros and Anteros. The Medical Traditions of Love in the Renaissance. Ottawa 1992: Dovehouse.
  • Ciavolella, Massimo: La „malattia d’amore“ dall’Antichità al Medioevo. Roma 1976: Bulzoni.
  • Crohns, Hjalmar: „Zur Geschichte der Liebe als ‚Krankheit‘“. In: Archiv für Kulturgeschichte 3 (1905), 66-86.
  • Giedke, Adelheid: Die Liebeskrankheit in der Geschichte der Medizin. Düsseldorf 1983: Diss. Universität Düsseldorf.
  • Jacquart, Danielle / Thomasset, Claude: Sexualité et savoir médical au Moyen Age. Paris 1985: Presses Universitaires de France.
  • Jacquart, Danielle / Thomasset, Claude: „L’amour ‚heroïque‘ à travers le traité d’Arnaud de Villeneuve“. In: Céard, Jean (Hg.): La folie et le corps. Paris 1985: Presses de l’École Normale Supérieure, 143-158.
  • Lowes, John Livingston: „The Loveres Maladye of Hereos“. In: Modern Philology 11 (1914), 491-546.
  • McVaugh, Michael: „Introduction“. In: Arnaldus de Villanova: Opera Medica Omnia. Vol. III: De amore heroico. De dosi tyriacalium medicinarum. Barcelona 1985: Universitat de Barcelona, 11-39.
  • Petterson, Einar: Amans Amanti Medicus. Das Genremotiv Der ärztliche Besuch in seinem kulturhistorischen Kontext. Berlin 2000: Gebr. Mann.
  • Poma, Roberto: „Metamorfosi dell’hereos. Fonti medievali della psicofisiologia del mal d’amore in età moderna (XVI-XVII)“. In: Atti/Actes Eros Pharmakon, RiLUnE Revue des littératures européennes 7 (2007), 39-52.
  • Stechow, Wolfgang: „‚The Love of Antiochus with Faire Stratonica‘ in Art“. In: The Art Bulletin 27.4 (1945), 221-237.
  • Stemmler, Theo (Hg.): Liebe als Krankheit. 3. Kolloquium der Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters. Mannheim 1990: Forschungsstelle für europäische Lyrik des Mittelalters an der Universität Mannheim.
  • Wack, Mary Frances: „The Measure of Pleasure: Peter of Spain on Men, Women, and Lovesickness“. In: Viator 17 (1986), 173-196.
  • Wack, Mary Frances: „The Liber de heros morbo of Johannes Afflacius and Its Implications for Medieval Love Conventions“. In: Speculum 62.2 (1987), 324-344.
  • Wack, Mary Frances: Lovesickness in the Middle Ages. The Viaticum and Its Commentaries. Philadelphia 1990: University of Pennsylvania Press.

6. Abbildungsnachweise

  • 1
    Jacques-Louis David: „Erasistratos entdeckt die Ursache der Krankheit des Antiochos in dessen Liebe zu Stratonike“, 1774, Öl auf Leinwand, 120 cm x 155 cm, École nationale supérieure des Beaux-Arts (ENSBA), Paris.
    Quelle: Monneret, Sophie: David et le néoclassicisme, Paris 1998: Terrail, 29; via Prometheus Bildarchiv
    Lizenz: Zitat nach § 51 UrhG
  • 2
    Titelblatt zu Galen: Opera omnia, Vol. II: Secunda classis medicinae partem [...]. Venedig 1541: Erben des Lucantonio Giunta. Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München, 2 A.gr.b. 568-1/2.
    Lizenz: NoC-NC 1.0
  • 3
    Detail aus Titelblatt zu Galen: Opera omnia, Vol. II: Secunda classis medicinae partem [...]. Venedig 1541: Erben des Lucantonio Giunta. Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek München, 2 A.gr.b. 568-1/2.
    Lizenz: NoC-NC 1.0
  • 4
    Jan Steen: „Der ärztliche Besuch“, 1661/63, Öl auf Leinwand, 61 cm x 52,1 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Alte Pinakothek München, Inv.-Nr. 158.

Zitierweise

Christian Kaiser: Amor hereos / heroische Liebe. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 03.11.2021. DOI: 10.6094/heroicum/amhd1.0.20211103