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Adel (Frühe Neuzeit)

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1. Einleitung

Wer in der frühen Neuzeit eine heroische Reputation für sich in Anspruch nehmen oder wer eine Gestalt der Vergangenheit als Helden darstellen wollte, musste sich an den Normen der ständischen Gesellschaft orientieren. Nicht jede Person war in dieser Gesellschaft gleichermaßen heroisierbar. Bestimmte „Heldenrollen“ ließen sich nicht oder nur mit einem zusätzlichen Legitimationsaufwand mit Frauen besetzen; das Geschlecht war hier also ein wichtiger Faktor. Aber auch der soziale Status war von Bedeutung, denn der klassische militärische Held war in der Frühen Neuzeit ein adliger Krieger. Hier gab es sicherlich Ausnahmen; für den Krieg zur See galten andere Regeln als für den Krieg zu Land und es gab auch Gesellschaften, in denen die Grenzen zwischen den Ständen weniger klar gezogen waren, wie etwa in England mit der ländlichen Grundbesitzerschicht der gentry oder vielleicht auch in Kastilien mit seiner sehr zahlreichen hidalguía. Dennoch: Um überhaupt als heroisierbar zu gelten, musste ein potentieller Held in der Regel gewisse ständische Qualitäten besitzen, zu denen z. B. eine ‚edle‘ Geburt und ein adliger Lebensstil gehörten. Für den religiösen Bereich galt das freilich sehr viel weniger: ⟶Märtyrer und Märtyrinnen oder Propheten beiderlei Geschlechts konnten durchaus auch aus dem einfachen Volk stammen. Der ⟶militärische Held bürgerlicher oder gar unterbürgerlicher Herkunft setzte sich hingegen in den meisten europäischen Ländern erst nach der Französischen Revolution und zum Teil sogar erst im Laufe des 19. Jahrhunderts durch. Auf heroische Vorfahren oder eigene heroische Taten verweisen zu können, war somit im Europa der frühen Neuzeit auch ein Mittel der ständischen Distinktion. Die Prinzipien, die die ständische Ordnung prägten, wurden zumindest partiell in der Debatte über Helden und Heldentaten ausgehandelt, und daher ist die Figur des Helden für den Adel in dieser Epoche von zentraler Bedeutung, so wie umgekehrt die in dieser Zeit gängigen Vorstellungen des Heroischen nur vor dem Hintergrund des adligen Strebens nach kultureller Hegemonie zu verstehen sind.

2. Die europäischen Adelslandschaften und die Sprachen sozialer Distinktion

Dabei gilt es zu bedenken, dass die Adelslandschaften Europas in der frühen Neuzeit außerordentlich heterogen waren; das gilt nicht nur für die vielfältigen regionalen und nationalen Adelseliten, sondern auch für den Unterschied zwischen Hochadligen und einfachen Landadligen, zumal man zwischen Ländern mit relativ hoher Adelsdichte (deutlich mehr als 5 % der Bevölkerung, zum Teil bis zu 10 % etwa in Polen, Kastilien und Ungarn) und solchen mit relativ kleiner adliger Population (etwa Skandinavien oder Böhmen und Mähren) unterscheiden muss. Was hatte am Ende ein Mitglied des reichen böhmischen Herrenstandes mit einem kastilischen Hidalgo, der eine bescheidene Existenz in einer Stadt führte, gemein? Allgemeine Aussagen zum Selbstverständnis und zur Selbstinszenierung des Adels sind daher schwierig und das gilt auch für Leitbilder des Heroischen, an denen Adlige sich orientierten und die ihre Selbstdarstellung prägten.1

Allerdings gab es dennoch in der frühen Neuzeit soziale Sprachen, mit denen Adlige auch unterschiedlicher Herkunft sich darüber verständigen konnten, was und wer überhaupt als adlig galt. Dazu gehörte sicherlich ab dem späten 16. Jahrhundert zunehmend die Rhetorik der Hofmannskunst und der Politesse, die in der Renaissance in Italien entworfen worden war und später vor allem im Umkreis des französischen Hofes zum Ideal des honnête homme weiterentwickelt wurde2, aber eben auch ein Vokabular heroischer Tugend und Männlichkeit. Nicht überall in Europa definierten sich Adlige in gleicher Weise als Mitglied einer militärischen Elite, man denke etwa an den städtischen Adel Oberitaliens oder die noblesse de robe in Frankreich, aber der Verweis auf heroische Taten der eigenen Vorfahren war doch für die soziale und kulturelle Identität des Adels fast überall ein wichtiger Bezugspunkt, wenn man von Eliten absieht, die sich tatsächlich primär über den Besitz von Ämtern in der Zivilverwaltung oder die Zugehörigkeit zu ständischen Korporationen legitimierten. Dabei ging es immer auch um einen Diskurs der Abgrenzung; nur Adlige, so wurde betont, seien fähig – vor allem kriegerische – Heldentaten zu vollbringen, nur sie könnten sich auf Vorfahren berufen, die solche Taten vollbracht hätten.

3. „Heroisch“ als Synonym für adlig

Ende des 16. Jahrhunderts und im 17. Jahrhundert, war das Wort „heroisch“ oder „heroicus“ im Sprachgebrach daher in bestimmten Kontexten fast gleichbedeutend mit „adlig“. So konnte in Brüssel 1668 eine Abhandlung mit dem Titel „Iurisprudentia heroica“ erscheinen. Das Thema des Buches ergab sich aus dem Untertitel: „De Iure Belgarum circa nobilitatem et insignia“.3 Es ging also um das Adels- und Wappenrecht und auch sonst wurden die Heraldik und die Genealogie oft als „scientiae heroicae“ oder „sciences héroïques“ bezeichnet, weil sie sich mit Herkunft und Insignien des Adels beschäftigten.4 Gerechtfertigt wurde diese Wortwahl mit dem Hinweis darauf, dass die Wappen „ihrem Ursprung nach Zeichen heroischer Thaten und Verrichtungen gewesen“ seien, wie es in einer einschlägigen Abhandlung noch Ende des 18. Jahrhunderts hieß.5

Ein heroisches Selbstbild entsprach einem verbreiteten Adelsideal, das sich an Werten wie Mut, Ehre und seelischer Größe (magnanimitas, generosité – entsprechend dem aristotelischen Ideal der megalopsychia) orientierte und dem im Alltag noch im 16. Jahrhundert und zum Teil auch darüberhinaus oft ein gewisser Gewalthabitus entsprach, also die auch physisch zur Schau getragene Bereitschaft, die eigene Ehre und den eigenen Anspruch auf soziale Geltung und Überlegenheit mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.

Auch später noch, als höfische und urbane Verhaltensmuster im Sinne des honnête homme-Ideals diesen Gewalthabitus überlagerten und sublimierten6, galt die Bereitschaft für die Ehre etwa im ⟶Duell das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, zumindest unter adligen Offizieren noch als wesentliches, allerdings nicht exklusives Merkmal eines adligen Selbstverständnisses; anders zu handeln, hätte den Anspruch, zu einer Elite zu gehören, für die die heroische Selbstbehauptung wichtiger war als die Fähigkeit durch Kompromisse und berechnendes Taktieren die eigene Position zu verteidigen oder gar nur das eigene Überleben sicherzustellen, diskreditiert.7 Es gab sicherlich Adelsgruppierungen, die sich dieser Selbststilisierung entzogen, etwa den schon erwähnten französischen Amtsadel, dessen Söhne freilich seit dem späten 17. Jahrhundert dann doch oft über eine militärische Karriere den Anschluss an den Schwertadel suchten, aber sie stellten insgesamt eher die Ausnahme dar, jedenfalls vor dem 18. Jahrhundert, als der Adel sich stärker in ganz unterschiedliche Funktionseliten ausdifferenzierte.

Dort, wo das Ideal einer kriegerischen Existenz Leitbild blieb, beeinflusste es auch die adlige Erziehung, die gewissermaßen auf eine permanente imitatio heroica angelegt war. Eine gewisse Affinität zur Gewalt, zu scheinbar unkontrolliertem oder transgressivem Verhalten in bestimmten Situationen bildete einen Teil des (männlichen) adligen Habitus; solche Züge wurden durch die tatsächliche Teilnahme an kriegerischen Auseinandersetzungen und entsprechende Gewalterfahrungen verstärkt, wie der amerikanische Historiker Jonathan Dewald hervorgehoben hat: „Contemporaries were impressed by the special psychological impact of the experience of warfare and by the ways this experience separated nobles from other social groups. In combat as in other aspects of his life, the military nobleman was expected to regulate his passions in ways quite unlike other men. Passion was not to be entirely repressed.“ Der heroische Mut, den standesbewußte Adlige performativ demonstrieren mussten, hatte seinen psychologischen Preis, denn „both the duelist and the warrior were men who had stepped beyond the normal limits of social behaviour.“8

4. Das Nachleben ritterlicher Traditionen

Bis weit ins 16. Jahrhundert hinein waren die maßgeblichen Vorstellungen von adliger Ehre und heroischer Tugend dabei durch die Traditionen des Rittertums bestimmt; diese Traditionen wurden keineswegs so rasch obsolet wie die ältere Forschung angenommen hat.9 Auf dem Schlachtfeld behielt der berittene adlige Kämpfer im späten 16. Jahrhundert zumindest auf einigen Kriegsschauplätzen noch seinen Platz, wie die französischen Religionskriege zeigten10; der Habitus des ritterlichen Kriegers überdauerte aber ohnehin den Wandel der Kriegführung selber. Auch die Kriegsunternehmer des Dreißigjährigen Krieges wie der freilich umstrittene Ernst von Mansfeld (1580–1626)11 oder Bernhard von Weimar (1604–1639)12 verstanden es noch, sich als ritterliche Helden zu inszenieren oder wurden von Anhängern und Verehrern so inszeniert, ja sie mussten dies tun, denn das kulturelle Kapital, das ihnen ihr sorgfältig in Szene gesetztes heroisches Charisma verschaffte, war wichtig, um Truppen zu rekrutieren und zu motivieren. In dem Maße, wie etwa in der spanischen Armee in Flandern seit den 1630er-Jahren verstärkt hohe Adlige Kommandopositionen übernahmen, wurde auch hier eine entsprechende Selbstdarstellung immer wichtiger. Dazu gehörte auch ein stärkerer Respekt vor dem Gegner – nur im Kampf gegen einen ehrenvollen Feind konnten Heldentaten vollbracht werden –, den die Berufssoldaten des späten 16. Jahrhunderts, die zum Teil mit äußerster Brutalität gegen die „Rebellen“ in den Niederlanden vorgegangen waren, eher selten gezeigt hatten.13 Im Übrigen war schon der spanische Generalkapitän Ambrogio Spinola (1569–1630) von Velazquez in seiner berühmten „Übergabe von Breda“ (1635) vor allem als ritterlicher Krieger dargestellt worden, obwohl Spinola, der aus einer Familie von adligen genuesischen Finanziers stammte, ebenso sehr Bankier der spanischen Krone wie Heerführer war.14 Velazquez’ Bild war aber nur ein herausragendes Beispiel einer ganzen Reihe von künstlerischen Darstellungen der Epoche, die den heroischen Feldherren aristokratischer Herkunft in den Mittelpunkt rückten und das übrige Schlachtgeschehen nur als Kulisse behandelten.15

Auf französischer Seite stand diesen spanischen Kommandeuren der Prinz von Condé (1621–1686) gegenüber, dessen Sieg bei Rocroi (1643), der sich nicht zuletzt dem Einsatz der französischen Kavallerie verdankte, beim französischen Adel die Hoffnung weckte, die Epoche des heroischen ritterlichen Kämpfers nach dem Vorbild eines Chevalier Bayard sei zurückgekehrt.16 Diese Hoffnung sollte sich so nicht erfüllen; Condé selber wurde nach 1648 in die Wirren der Fronde verwickelt, einer Rebellion, die auch deshalb scheiterte, weil die auch von den Ritterromanen der Epoche inspirierte und dezidiert theatralische heroische Selbstinszenierung der adligen Akteure sich mit einem übersteigerten Individualismus verband. Ein durch heroischen Stolz geprägtes Beharren auf dem eigenen Prestige und dem Anspruch auf den eigenen Rang war keine gute Grundlage für die Zusammenarbeit einer Schar malkontenter Adliger, die keinen natürlichen Anführer besaßen.17

Überdies verlangten aber die stehenden Heere des späten 17. und des 18. Jahrhunderts von ihren Offizieren und Soldaten zunehmend strenge Disziplin und die Bereitschaft, das persönliche Streben nach Ruhm und Ehre dem Dienst für den Monarchen oder Fürsten ohne Vorbehalte unterzuordnen. Die ⟶heroische Tat genügte sich nicht mehr selber, sondern legitimierte sich durch ihren Stellenwert innerhalb eines kulturellen Koordinatensystems, das namentlich in Frankreich nach 1660 ganz auf den König ausgerichtet war, dessen eigene Heroisierung jeden Anspruch einzelner Adliger auf Ruhm begrenzte und in den Schatten stellte18, auch wenn dies wohl in dieser Zuspitzung als eine französische Sonderentwicklung gesehen werden muss, da etwa in der Habsburgermonarchie deutlich mehr Raum für selbständig agierende adlige Kriegshelden und ihre Selbstinszenierung blieb – man denke an den Prinzen Eugen.19 Unabhängig davon brauchte man auch in Frankreich weiterhin militärische Helden als Vorbild für das Offizierskorps und zur Motivation der Soldaten, trotz einer sich verändernden Kriegsführung, die auf den ersten Blick für spektakuläre heroische Taten eines Einzelnen weniger Raum ließ als in der Vergangenheit.

5. Krise und Wandel heroischer Leitbilder im 18. Jahrhundert

Allerdings zeigte sich das aufgeklärte 18. Jahrhundert gegenüber dem traditionellen Ideal des heroischen Kriegers, an dem viele Adlige sich orientiert hatten, skeptischer als das Zeitalter barocker Heldenverehrung. Zum einen gerieten die transgressiven Züge dieses Ideals heroischer, gewalttätiger Männlichkeit zunehmend in den Fokus der Kritik, zum anderen erschienen nun stärker als in der Vergangenheit auch einfache Soldaten und Unteroffiziere als potentiell heroisierbar.20 Der Kampf des Garderegiments der Gardes Françaises bei Fontenoy 1745 z. B. löste in Frankreich eine intensive Debatte über die Neudefinition heroischen soldatischen Mutes auch jenseits des adligen Milieus aus.21 Man kann daher zumindest hier im 18. Jahrhundert von einer Krise der traditionellen Assoziation von kriegerischem Heldentum und Adelsstatus sprechen. Gerade diese Krise rief Adelsreformer auf den Plan, die dem Adel als Stand von Kriegern wieder einen sicheren Platz, wenn nicht gar eine kulturelle Hegemonie in der Gesellschaft verschaffen wollten. So argumentierte in Frankreich der Chevalier d’Arcq, die „bellizistische Disposition“ des Adels rechtfertige das Adelsmonopol bei der Besetzung von Offiziersstellen. Bürgerlichen bleibe das heroische Ethos des Adels fremd, denn der „esprit de calcul“ und die „amour de la gloire“ seien ebenso miteinander unvereinbar wie „honneur“ und „intérêt“.22

Die Reformen der französischen Armee nach 1763, die die Privilegien des Schwertadels verstärkten und ausbauten und die sich auch am Vorbild Preußens mit seinem fast rein adligen Offizierskorps orientierten, waren stark von solchen Plädoyers für einen erneuerten Militäradel beeinflusst.23 Anders verlief jedoch die Diskussion jenseits des Kanals in England, wo die adlige Elite – peerage und gentry – sich eigentlich um 1700 weniger stark als die noblesse d’epée in Frankreich über heroische Taten definierte, die auf dem Schlachtfeld vollbracht wurden, sondern eher über den Besitz von Ämtern, Reichtum und eine spezifische Standeskultur. Bezeichnend für die Entwicklung in England war aber der Umstand, dass der Held seit dem frühen 18. Jahrhundert, soweit er eine politisch relevante Figur war, eher als Patriot und als Verteidiger seines Landes und der Freiheit, weniger jedoch als treuer Diener des Monarchen dargestellt wurde. Das mag mit ein Grund dafür gewesen sein, dass es in England keine wirklich nachhaltige Abwertung militärischer Helden gab, denn diese ließen sich durchaus auch als Verteidiger der Freiheit präsentieren.24

Das heißt nicht, dass es nicht auch in England eine Kritik an der Figur des militärischen Helden gegeben hätte, sei es nun, dass diese ironisiert und ins Lächerliche gezogen wurde, wie Alexander Pope es in seinem Epos „The Rape of the Locke“ (1712) getan hatte (siehe auch mock-heroic)25, oder dass die transgressiven Elemente des Heroischen aus christlicher Perspektive kritisiert wurden. Aber die Kritik am Soldatischen und Heroischen konnte in England am Ende doch in ein Ethos des Patriotismus integriert werden, der den Kampf für das eigene Land zugleich als einen Kampf für Zivilisation und Humanität erschienen ließ.

Die englische Kultur des Heroischen war frei von den Hypotheken, die die grenzenlose Glorifizierung Ludwigs XIV. als roi de guerre in den Jahrzehnten vor 1715 hinterlassen hatte26, und vermochte sich auch deshalb im 18. Jahrhundert besser zu entfalten als in Frankreich. Im Kontext dieser Kultur konnte sich die traditionelle landbesitzende Führungsschicht, die sich gerade in den langen Kriegen gegen Frankreich seit den frühen 1790er-Jahren wieder deutlich stärker militarisierte, neue Legitimationsressourcen erschließen. Generell zeigte die englische Elite im 18. Jahrhundert ein bemerkenswertes Talent, sich an sich wandelnde Modelle des Heroischen anzupassen. Die Rückbesinnung auf die Traditionen des mittelalterlichen Rittertums, die in der Romantik ihre Vollendung fand, aber ältere Wurzeln besaß, erleichterte diese Neuformulierung eines Ideals des aristokratischen Heros in England sicherlich. Eine Elite, die sich an den Idealen von „patrician valour and self sacrifice“ (Linda Colley) orientierte27, oder ihr Leben doch zumindest in Übereinstimmung mit diesen Idealen inszenierte, behauptete sich auch in den Jahrzehnten nach 1790, während es dem französischen Adel schon vor der Revolution zunehmend schwer fiel, ein Selbstbild zu formulieren, das mit den neuen Idealen der Aufklärung zur Deckung gebracht werden konnte. Zu sehr war das wirkmächtige Ideal des grand homme als Gegenentwurf zum traditionellen adligen Heros konzipiert28, und zu laut waren die Stimmen, die verlangten, der ganzen Nation und ihren Bürgern einen Anteil an jenem Anspruch auf Ehre und Ruhm und damit an der diesem Anspruch entsprechenden heroischen Selbstinszenierung zu geben, der bislang dem Adel vorbehalten gewesen war.

Damit stellte Frankreich freilich im europäischen Kontext dann doch eher eine Ausnahme als die Regel dar, denn anderswo gelang es dem Adel reibungsloser, sich als patriotische Elite im Zeitalter des Nationalismus neu zu erfinden, begünstigt vielleicht auch durch eine Reheroisierung der maßgeblichen Vorstellungen von Männlichkeit, die allenthalben das Rittertum längst vergangener Epochen wieder zum Vorbild werden ließ. Das galt auch für den kolonialen Bereich, denn nicht umsonst führten manche britische Offiziere in Indien das Leben Bayards oder die Chroniken Froissarts stets in der Satteltasche mit sich. Diese Entwicklungen waren jedenfalls eine wesentliche Voraussetzung für das Überleben des Adels als sozialer Machtelite, wenn schon nicht als Stand im traditionellen Sinne, über die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert hinaus. Im Zeitalter des nationalen Machtstaates gingen viele adlige Eliten dann ein enges Bündnis mit den Kräften des Nationalismus und Imperialismus ein, und brachten ihre standesspezifischen Traditionen heroisch-kriegerischer Selbstinszenierung in dieses Bündnis als Kapital ein, oder wie der englische Historiker Chris Bayly es formuliert hat: „As supposed embodiments of chivalry, they also reinvested their inheritance of status, becoming among the most passionate proponents of the new nationalism and imperialism.“29

6. Einzelnachweise
  • 1 .
    Zur den Adelslandschaften Europas siehe Asch, Ronald G.: Europäischer Adel in der frühen Neuzeit. Eine Einführung. Köln 2008: Böhlau.
  • 2 .
    Montandon, Alain: „Politesse“. In: Montandon, Alain (Hg.): Dictionnaire raisonné de la politesse et du savoir-vivre, du moyen âge à nos jours. Paris 1995: Seuil, 711-729.
  • 3 .
    Christyn, Jean Baptiste: Jurisprudentia heroica sive de jure Belgarum circa nobilitatem et insignia. Brüssel 1668 (1. Aufl. 1663): Balthazar Vivien.
  • 4 .
    Vulson de La Colombière, Marc de: La science héroïque, traitant de la noblesse, de l’origine des armes, de leurs blasons et symboles, […] des reynes et enfans de France, et des officiers de la couronne et de la maison du roy […]. Paris 1644: Cramoisy.
  • 5 .
    [Siebenkees, Johann Christian:] Erläuterungen der Heraldik als ein Commentar über Herrn Hofrath Gatterer’s Abriß dieser Wissenschaft. Nürnberg 1789: Schneider, 26.
  • 6 .
    Chariatte, Isabelle: „Transfigurations du héros dans la culture mondaine du siècle classique. Madeleine de Scudéry, La Rochefoucauld, le chevalier de Méré“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 2.2 (2014), 37-47, besonders 39-44, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2014/02/04; vgl. Chariatte, Isabelle: La Rochefoucauld et la culture mondaine. Portraits du cœur de l’homme (Lire le XVIIe siècle; 7). Paris 2011: Classiques Garnier, 152-158.
  • 7 .
    Aus der Literatur zum Duell: Ludwig, Ulrike: Das Duell im Alten Reich. Transformation und Variationen frühneuzeitlicher Ehrkonflikte. Berlin 2016: Duncker & Humblot. Sowie Brioist, Pascal / Drévillon, Hervé / Serna, Pierre: Croiser le fer. Violence et culture de l’epée dans la France moderne (XVIe–XVIIIe siècle). Seyssel 2002: Champ Vallon.
  • 8 .
    Dewald, Jonathan: Aristocratic Experience and the Origins of Modern Culture. France, 1570–1715. Berkeley 1993: University of California Press, 65.
  • 9 .
    Davis, Alex: Chivalry and Romance in the English Renaissance. Woodbridge 2003: Brewer. Wrede, Martin: Ohne Furcht und Tadel – Für König und Vaterland. Frühneuzeitlicher Hochadel zwischen Familienehre, Ritterideal und Fürstendienst (Francia, Beihefte; 75). Ostfildern 2012: Thorbecke.
  • 10 .
    Love, Ronald S.: „‚All the King’s Horsemen‘: The Equestrian Army of Henri IV, 1585–1598“. In: Sixteenth Century Journal 22 (1991), 510-533.
  • 11 .
    Krüssmann, Walter: Ernst von Mansfeld, 1580–1626. Grafensohn, Söldnerführer, Kriegsunternehmer gegen Habsburg im Dreißigjährigen Krieg. Berlin 2010: Duncker & Humblot.
  • 12 .
    Siehe etwa Freinsheim, Johann: Teutscher Tugentspiegel. Gesang von dem Staunen und Thaten deß Alten und Newen Teutschen Hercules. An den Durchleuchtigen Hochgebornen Fürsten und Herren, Herren Bernharden, Hertzogen zu Sachsen […]. Straßburg 1639.
  • 13 .
    González de León, Fernando: „Soldados Platicos and Caballeros. The Social Dimension of Ethics in the Early Modern Spanish Army“. In: Trim, David J. B. (Hg.): The Chivalric Ethos and the Development of Military Professionalism. Leiden/Boston 2003: Brill, 235-268. Sowie González de León, Fernando: The Road to Rocroi. Class, Culture and Command in the Spanish Army of Flanders, 1567–1659. Leiden 2009: Brill, 185-213. De León spricht hier von einem „penchant for self-dramatization“, das sich auch in einer vermehrten Zahl von Duellen manifestierte (187).
  • 14 .
    Rivero Rodríguez, Manuel: La España de Don Quijote. Un viaje al Siglo de Oro. Madrid 2005: Alianza, 341; „Inmortalizado por Velásquez como general victorioso en La rendición de Breda, no podía escindir su personalidad de banquero-asentista y la de general-tesorero de los ejércitos de su majestad.“
  • 15 .
    González de León: The Road to Rocroi, 2009, 186, mit der Feststellung über die spanischen und flämischen Schlachtengemälde des zweiten Drittels des 17. Jahrhunderts: „In these canvasses the major focus is almost always on the spectacular, courtly or chivalric aspects of the command.“
  • 16 .
    Drévillon, Hervé: Batailles. Scènes de guerre de la Table Ronde aux Tranchées. Paris 2007: Seuil, 119–140; Bertière, Simone: Condé. Le héros fourvoyé. Paris 2011: Fallois.
  • 17 .
    Zur Fronde: Rubel, Alexander: Eine Frage der Ehre. Die Fronde im Spannungsfeld von Adelsethos und Literatur. In: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte 32.2 (2005), 31-57; Walther, Gerrit: „Protest als schöne Pose, Gehorsam als Event. Zur Formation des ludovizianischen Absolutismus aus dem Geiste der Fronde“. In: Schilling, Lothar (Hrsg.): Absolutismus, ein unersetzliches Forschungskonzept? Eine deutsch-französische Bilanz / L’absolutisme, un concept irremplaçable? Une mise au point franco-allemande. München 2008: Oldenbourg, 173-189. Zum Hintergrund der Fronde und zum Werthorizont der beteiligten Adligen auch Constant, Jean-Marie: La folle liberté des baroques 1600–1661. Paris 2007: Perrin.
  • 18 .
    Asch, Ronald G.: Herbst des Helden. Modelle des Heroischen und heroische Lebensentwürfe in England und Frankreich von den Religionskriegen bis zum Zeitalter der Aufklärung. Ein Essay. Würzburg 2015: Ergon, 87-94. Sowie Drévillon: Batailles, 2009, 164 und 167. Vgl. auch Wrede: „Ohne Furcht und Tadel“, 2012, 344-351.
  • 19 .
    Zum Prinzen Eugen: Großegger, Elisabeth: Mythos Prinz Eugen. Inszenierung und Gedächtnis. Wien 2014: Böhlau.
  • 20 .
    Dazu zusammenfassend Asch, Herbst des Helden, 2015, 119-122; Lilti, Antoine: Figures publiques. L’invention de la célébrité 1750–1850. Paris 2014: Fayard, 124-131; Bonnet, Jean-Claude: Naissance du Panthéon. Essai sur le culte des grands hommes, Paris 1998: Fayard.
  • 21 .
    Smith, Jay M.: Nobility Reimagined. The Patriotic Nation in Eighteenth-Century France. Ithaca 2005: Cornell University Press, 147-148; Drévillon, Hervé: L’Individu et la Guerre. Du chevalier Bayard au Soldat inconnu. Paris 2013: Belin, 133.
  • 22 .
    Wrede: Ohne Furcht und Tadel, 2012, 395; vgl. Sainte-Foy, Philippe-Auguste de (Chevalier d’Arcq): La Noblesse militaire ou le patriote français opposé à la noblesse commerçante, 1756.
  • 23 .
    Blaufarb, Rafe: The French Army 1750–1820. Careers, Talent, Merit. Manchester 2002: Manchester University Press, 12-45.
  • 24 .
    Asch: „Herbst des Helden“, 2015, 110-118.
  • 25 .
    Terry, Richard: Mock-Heroic from Butler to Cowper. An English Genre and Discourse. Burlington 2005: Taylor and Francis. Vgl. Williams, Carolyn D.: Pope, Homer and Manliness. Some Aspects of Eighteenth-Century Classical Learning. London 1993: Routledge.
  • 26 .
    Cornette, Joël: Le roi de guerre. Essai sur la souveraineté dans la France du Grand Siècle, Paris 2000: Payot; vgl. Wrede, Martin: „Des Königs Rock und der Rock des Königs. Monarch, Hof und Militär in Frankreich von Ludwig XIV. zu Ludwig XVI“. In: Wrede, Martin (Hg.): Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung (Historische Zeitschrift, Beihefte N.F.; 62). München 2014: De Gruyter Oldenbourg, 382-408.
  • 27 .
    Hoock, Holger: Empires of the Imagination. Politics, War, and the Arts in the British World, 1750–1850. London 2010: Profile Books, 181-182. Colley Linda: Britons. Forging the Nation 1707–1837. New Haven, London 1992: Yale University Press, 182.
  • 28 .
    Gaehtgens, Thomas W. / Wedekind, Gregor (Hg.): Le culte des grands hommes 1750–1850. Paris 2009: Maison des Sciences de l’Homme.
  • 29 .
    Bayly, Christopher Alan: The Birth of the Modern World, 1780–1914. Oxford 2004: John Wiley and Sons, 426. Vgl. zum Chevalier Bayard als Rollenmodell auch McKenzie, John: Heroic Myths of Empire. In: McKenzie, John (Hg.): Popular Imperialism and the Military 1850–1950. Manchester 1992: Manchester University Press, 109-139, hier 177.
7. Ausgewählte Literatur
  • Asch, Ronald G.: Europäischer Adel in der frühen Neuzeit. Eine Einführung. Köln 2008: Böhlau.

  • Asch, Ronald G.: Herbst des Helden. Modelle des Heroischen und heroische Lebensentwürfe in England und Frankreich von den Religionskriegen bis zum Zeitalter der Aufklärung. Ein Essay. Würzburg 2015: Ergon.

  • Bayly, Christopher Alan: The Birth of the Modern World, 1780–1914. Oxford 2004: John Wiley and Sons.

  • Bertière, Simone: Condé. Le héros fourvoyé. Paris 2011: Fallois.

  • Blaufarb, Rafe: The French Army 1750–1820. Careers, Talent, Merit. Manchester 2002: Manchester University Press.

  • Bonnet, Jean-Claude: Naissance du Panthéon. Essai sur le culte des grands hommes. Paris 1998: Fayard.

  • Brioist, Pascal / Drévillon, Hervé / Serna, Pierre: Croiser le fer. Violence et culture de l’epée dans la France moderne (XVIe–XVIIIe siècle). Seyssel 2002: Champ Vallon.

  • Chariatte, Isabelle: La Rochefoucauld et la culture mondaine. Portraits du coeur de l’homme. Paris 2011: Classiques Garnier.

  • Chariatte, Isabelle: „Transfigurations du héros dans la culture mondaine du siècle classique. Madeleine de Scudéry, La Rochefoucauld, le chevalier de Méré“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 2.2 (2014), 37-47. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2014/02/04.

  • Colley Linda: Britons. Forging the Nation 1707–1837. New Haven, London 1992: Yale University Press.

  • Constant, Jean-Marie: La folle liberté des baroques 1600–1661. Paris 2007: Perrin.

  • Cornette, Joël: Le roi de guerre. Essai sur la souveraineté dans la France du Grand Siècle. Paris 2000.

  • Davis, Alex: Chivalry and Romance in the English Renaissance. Woodbridge 2003: Brewer.

  • Dewald, Jonathan: Aristocratic Experience and the Origins of Modern Culture. France, 1570–1715. Berkeley 1993: U of California P.

  • Drévillon, Hervé: Batailles. Scènes de guerre de la Table Ronde aux Tranchées. Paris 2007: Seuil.

  • Drévillon, Hervé: L’Individu et la Guerre. Du chevalier Bayard au Soldat inconnu. Paris 2013: Belin.

  • González de León, Fernando: „Soldados Platicos and Caballeros. The Social Dimension of Ethics in the Early Modern Spanish Army“. In: Trim, David J. B. (Hg.): The Chivalric Ethos and the Development of Military Professionalism. Leiden/Boston 2003: Brill, 235-268.

  • González de León, Fernando: The Road to Rocroi. Class, Culture and Command in the Spanish Army of Flanders, 1567–1659. Leiden 2009: Brill.

  • Großegger, Elisabeth: Mythos Prinz Eugen. Inszenierung und Gedächtnis. Wien 2014: Böhlau.

  • Hoock, Holger: Empires of the Imagination. Politics, War, and the Arts in the British World, 1750–1850. London 2010: Profile Books.

  • Krüssmann, Walter: Grafensohn, Söldnerführer, Kriegsunternehmer gegen Habsburg im Dreißigjährigen Krieg. Berlin 2010: Duncker & Humblot.

  • Lilti, Antoine: Figures publiques. L’invention de la célébrité 1750–1850. Paris 2014: Fayard.

  • Love, Ronald S.: „‚All the King's Horsemen‘. The Equestrian Army of Henri IV, 1585–1598“. In: Sixteenth Century Journal 22 (1991), 510-533.

  • Ludwig, Ulrike: Das Duell im Alten Reich. Transformation und Variationen frühneuzeitlicher Ehrkonflikte. Berlin 2016: Duncker & Humblot.

  • McKenzie, John: „Heroic Myths of Empire“. In: McKenzie, John (Hg.): Popular Imperialism and the Military 1850–1950. Manchester 1992: Manchester University Press.

  • Montandon, Alain: „Politesse“. In: Montandon, Alain (Hg.): Dictionnaire raisonné de la politesse et du savoir-vivre, du moyen âge à nos jours. Paris 1995: Seuil, 711-729.

  • Smith, Jay M.: Nobility Reimagined. The Patriotic Nation in Eighteenth-Century France. Ithaca 2005: Cornell University Press.

  • Rivero Rodríguez, Manuel: La España de Don Quijote. Un viaje al Siglo de Oro. Madrid 2005: Alianza.

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8. Abbildungsnachweise

Teaserbild: Jacob van Schuppen: Porträt von Prinz Eugen von Savoye, 1718, Öl auf Leinwand, 146 cm x 119 cm, Amsterdam, Rijksmuseum, Inv.-Nr. SK-A-373.
Quelle: Geheugen van Nederland / Wikimedia Commons (Zugriff am 08.02.2018)
Lizenz: Gemeinfrei

Zitierweise

Asch, Ronald G.: „Adel (Frühe Neuzeit)“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 08.02.2018. DOI: 10.6094/heroicum/adel-fnz