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Gewalt und Heldentum

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1. Gegenstand

Das Phänomen der Gewalt ist in vielen Facetten in zahlreichen Heldenerzählungen präsent: Die Bewährung in Krieg und Kampf etwa kann den Ausgangspunkt für Heroisierungsprozesse darstellen, der Schutz Wehrloser vor der Gewalt anderer kann in Begriffen und Narrativen des Heldentums erzählt werden, der Einsatz des eigenen Körpers im Angesicht der Drohung zu erwartender Gewalt kann mit dem Heldenstatus belohnt werden. Gewalthandeln, verstanden als der vorsätzliche Übergriff auf den Körper eines anderen gegen dessen Willen, ist zwar keine konstituierende Bedingung für Heroisierungsprozesse, gleichwohl aber deren häufiger Begleiter. Ebenso ist die Bereitschaft, sich der Gewalt anderer bewusst auszusetzen, sie passiv zu ertragen oder sich ihr aktiv entgegenzustellen, ein prominenter Anlass für Konstruktionsprozesse des Heroischen.1

Gewalt und Heldentum ist keine ontologische Verbundenheit zu eigen, aber aufgrund spezifischer Ähnlichkeiten – etwa in Bezug auf ihr transgressives Moment, ihre affektive Wirkung, ihr ambiges Verhältnis zur Ordnung sowie ihren Fokus auf eine identifizierbare Tat – lassen sie sich als Phänomene verstehen, die über zahlreiche theoretische Schnittstellen miteinander verbunden sind. Die Gewalt einer Handlung kann als Heldentat verschleiert oder der heroische Akt der Gründung einer neuen Gesellschaftsform von jener Gewalt begleitet werden, die Karl Marx als „Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht“ bezeichnet.2 Aus dieser möglichen Verbindung von Gewalt und Heldentum ergeben sich zwei zentrale Denkrichtungen: Zum einen rufen sowohl Gewalt als auch das Heroische nach ihren Legitimierungen und finden diese häufig in Bezugnahmen aufeinander. Das Heroische tritt so zu den Begriffen ‚Gewalt‘ und ‚Legitimität‘ hinzu und bildet mit ihnen ein Spannungsfeld, in welchem sich Fragen nach den wechselseitigen Abhängigkeiten der Phänomene stellen. Zum anderen kann der Blick auf die an der Gewalt Beteiligten – Täter, Opfer und Publikum – gerichtet und der Frage nachgegangen werden, welche Akteure aufgrund welchen Verhaltens von wem heroisiert werden und überhaupt heroisiert werden können. Dies trägt auch der Feststellung Rechnung, dass sowohl Heroisierungsprozesse als auch Gewalterfahrungen als historisch und kulturell kontingente Phänomene zu verstehen sind und sich so eine Vielzahl von Konstellationen von Gewalt und Heldentum denken lassen.

2. Gewaltbegriff

Für den Kontext des Heroischen ist ein Gewaltbegriff maßgeblich, der danach fragt, wer was wem antut und somit sowohl auf der Subjekt- als auch auf der Objektstelle Menschen einsetzt.3

Zwar ist der menschliche Kampf gegen Naturgewalten oder eine Auseinandersetzung mit der Staatsgewalt denkbar und auch heroisierbar, wie etwa im ersteren Falle die Erstbesteigung des Mount Everest und die Seefahrerexpeditionen europäischer ⟶Entdecker in der Neuzeit, oder im zweiten Fall der juristische Kampf der Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi (geb. 1947) gegen die Institutionen der iranischen Staatsgewalt. In diesen Fällen jedoch verliert der Gewaltbegriff seinen Fokus auf die Tat (des Bergsteigers, der Widerstandskämpferin, des Märtyrers); die Heroisierung bezieht sich auf die Auseinandersetzung mit einer abstrakten Macht, hier als Natur- oder Staatsgewalt.4 Nach dem Gegenüber der (Natur- bzw. Staats-) Gewalt zu fragen, ist zwar mit Blick auf physische Gewalt möglich und wichtig, der Gewaltbegriff selbst verliert für die Analyse des Heroischen jedoch seinen heuristischen Nutzen, wenn er letztlich durch den Begriff ‚fremde Macht‘ ersetzt werden könnte.

Um die Schnittstellen von Gewalt und Heldentum offenzulegen, ist daher unter Verweis auf den „häufig hergestellten Konnex der Verbindung von Macht und Gewalt“5 der Gewaltbegriff weiter einzugrenzen und eine auf die ‚physische Gewalt‘ konzentrierte Definition zu wählen.6 Diese setzt sich zudem von den Formen ‚struktureller Gewalt‘7 oder des ‚sozialen Zwangs‘ ab – die etwa durch die Androhung physischer Eingriffe oder bestimmter Erzwingungsmittel charakterisiert werden können8 – und stellt auf ihren Charakter als unmittelbare Machtaktion ab. Hier ist die Definition des Gewaltbegriffs von Heinrich Popitz instruktiv, der Gewalt als „eine Machtaktion“ bezeichnet, die „zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt, gleichgültig, ob sie für den Agierenden ihren Sinn im Vollzug selbst hat (als bloße Aktionsmacht) oder, in Drohungen umgesetzt, zu einer dauerhaften Unterwerfung (als bindende Aktionsmacht) führen soll“.9

Die Konzentration auf die eine spezifizierbare Tat – den körperlichen Übergriff eines Menschen auf einen anderen Menschen gegen dessen Willen also – bringt die Gewalt nicht nur begrifflich in die Nähe der ⟶Heldentat, die als Bezugspunkt für ⟶Heroisierungsprozesse regelmäßig ausschlaggebend ist, sondern scheint durch ihren Charakter als „verletzende Aktionsmacht“10 auch theoretische Ähnlichkeiten zu Heuristiken des Heroischen aufzuweisen. Das gilt etwa dann, wenn Held und Heldentum über die Begriffe Autonomie und Transgressivität, moralische und affektive Aufgeladenheit, Agonalitiät oder starke Agency verhandelt werden (vgl. ⟶Konstitutionsprozesse heroischer Figuren).11 Insbesondere der Aspekt der Grenzüberschreitung, als welche Gewalt- und Heldentat auch qualifiziert werden können, wirft die Frage auf, welche Symbolisierungskraft eine Gewalttat für Phänomene des Heroischen haben kann. Art und Weise, auch die jeweiligen Umstände einer Gewalttat können Zuschreibungen des Heroischen eine besondere Gestalt geben.

3. Schnittstellen von Gewalt und Heldentum

Über einen engen Gewaltbegriff kann ein Fragenkatalog an das Zusammenspiel von Gewalt und Heldentum formuliert werden, mit dem sich die unterschiedlichen Schnittstellen der beiden Phänomene herausarbeiten lassen. Produktiv sind dabei zunächst Fragen an die Gewalt selbst. Peter Imbusch schlägt vor, die Gewalt über sieben Fragen zu erschließen: Wer übt Gewalt aus? Was geschieht, wenn Gewalt ausgeübt wird? Wie wird Gewalt ausgeübt? Wem gilt die Gewalt? Warum wird Gewalt ausgeübt? Wozu wird Gewalt ausgeübt? Weshalb wird Gewalt ausgeübt?12 Spezifisch für die Konstruktion des Heroischen sind darüber hinaus Fragen nach dem Dritten, denn erst durch einen „Bezüge schaffenden Dritten werden beide Aspekte, die Konstituierung und die Destruktion eines sozialen Verhältnisses, Vergesellschaftung und Entgesellschaftung, als Einheit der Gewalttat selbst erfassbar“, wie Jan Philipp Reemtsma für die Gewalttat konstatiert.13 Über jenen Dritten, der die Gewalttat – als Heldentat – erzählt und bestätigt, wird „die sinn- oder vielleicht nur signalhafte Verbindung dieser Manifestation von Gewalt zu ihrer Umwelt“14 gesellschaftlich relevant. Wer also sind die Dritten der Gewalt? Wie werden sie einbezogen? Wer erzählt die Gewalt? Und vor allem: Wie werden die von Imbusch gestellten Fragen durch die Dritten in Bezug zum Heroischen gesetzt? Wird unter Berücksichtigung der „Bezüge schaffenden Dritten“ jede der Fragen zur Gewalt mit Blick auf die Phänomene des Heroischen gestellt, dann lassen sich drei Themenkomplexe identifizieren, in welchen die Schnittstellen von Gewalt und Heldentum angesiedelt sind.

3.1. Die Gewalttat und ihre Beteiligten

Wer übt welche Gewalt wie gegenüber wem aus? Die Bündelung der ersten vier Fragen nimmt die Gewalttat selbst und die an ihr Beteiligten in den Fokus. Heroisiert werden im Zusammenhang mit Gewalttaten regelmäßig zunächst die Aktionsmächtigen, welche die Gewalt ausüben. In diesen Fällen handelt sich es um das klassische Zusammenfallen von Gewalttat und Heldentat, das sich über Epochen und Kulturen hinweg insbesondere im zur Männlichkeitsprobe überhöhten Kriegerethos ausdrückt und seine heroische Zuspitzung im ⟶Zweikampf findet. Hier erscheint das Gewalthandeln als konstitutive Bedingung für die nachfolgenden Heroisierungsprozesse durch die „Bezüge schaffenden Dritten“ – Verehrergemeinschaften und Publika in diesem Fall also. Beschränkt wird diese täterbezogene Sicht durch die Frage nach der Heroisierbarkeit der Gewalttat selbst. Ob eine Gewalttat heroisierbar ist, unterliegt Konjunkturen; der moralische Referenzrahmen, in welchem Gewalt verübt wird, ist kontextgebunden, d. h. veränderbar, und entsprechend sind auch die Herosierungsoptionen nur in dem jeweils spezifischen Rahmen denkbar, den ‚Räumen der Gewalt‘, wie Jörg Baberowski sie nennt. Er konstatiert zudem:

„Zwar entscheiden Situationen und die Möglichkeiten des Raumes darüber, wie Gewalt vollzogen und erlitten wird. Aber kein Mensch begibt sich voraussetzungslos in eine Gewaltsituation. Man weiß immer schon, was zu tun ist, denn Täter und Opfer, Angreifer wie Verteidiger greifen unwillkürlich auf eingespielte Gewohnheiten zurück, die in ihrem Kosmos einen Sinn ergeben.“15

Diese Sichtweise weist bereits auf das unten zu besprechende Beziehungsgeflecht von Gewalt, Legitimität und Heldentum hin. Baberowski deutet nicht nur an, dass es bekannte Muster gibt, die nahelegen, welche Gewaltformen heroisierbar sind, sondern verweist auch auf ein Spezifikum des Heroischen: Durch die der heroischen Figur immer auch eigene Vorbildfunktion sind es möglicherweise die Diskurse des Heroischen in jeweils spezifischen Kontexten selbst, über welche die „eingespielten Gewohnheiten“ nicht nur erkannt, sondern auch definiert werden. Das (den Beteiligten bekannte) Beispiel des Helden macht bestimmte Formen der Gewaltanwendung womöglich erst denkbar oder fordert sie gar ein, denn auch „Ritter hatten Angst, litten Qualen und fürchteten sich vor dem Tod, aber sie zogen in den Kampf, weil ihr Status sie darauf festlegte, das Schwert gegen ihre Feinde zu führen.“16

Es lässt sich auch denken, dass bestimmte Formen der Gewalt nicht oder nicht mehr heroisierbar sind und die entsprechenden Gewalttaten von vornherein aus dem Raster des Heroischen herausfallen könnten (diese Frage ist dem Problem der Legitimität untergeordnet). Dies würde sich jedoch nur auf den ‚Täter‘ als möglicher heroischer Figur beziehen und nicht auf sein Gegenüber – im Extremfall das Opfer von Gewalt, das ebenfalls heroisiert werden kann (jedenfalls dann, wenn der Begriff des ‚Opfers‘ sich nicht ausschließlich auf die Zuschreibungsprozesse bezieht, durch welche Menschen in diese Kategorie eingeordnet werden [vgl. ⟶Typologisches Feld des Heroischen], sondern allgemeiner auf Menschen verweist, die sich Gewalt ausgesetzt gesehen haben oder sich ihr bewusst ausgesetzt haben17). Die Öffnung der Fragen nach dem Wie der Gewalt und dem damit verbundenen An-Wem lädt dazu ein, nicht lediglich nach dem Täter zu fragen, sondern nach dem Verhältnis von Täter und Opfer. Die Prozesse der Heroisierung können sich in diesem Sinne im selben Maße auf diejenigen beziehen, die sich der Gewalt aussetzen, sei es, weil sie in Folge mit einem heroischen Opferstatus versehen werden – wie dies im Extremfall des Märtyrers der Fall sein kann –, sei es, weil der Einsatz des eigenen Lebens und der körperlichen Unversehrtheit im Angesicht der Gewalt der Anderen heroisiert wird – unabhängig davon , ob jemand als Opfer bezeichnet wird oder lediglich auf die Gewalterfahrung verwiesen wird.

Entscheidend für die Heroisierung ist der Einsatz des eigenen Körpers als höchstes Gut, sodass sich die Frage nach dem Antagonisten vom personifizierten Gegner löst und auf die abstrakte Ebene der Gewalt selbst – hier eben als Gefahr für Leib und Leben ihres Gegenübers – gehoben wird. Wenn etwa Journalisten heroisiert werden, weil sie ihre körperliche Unversehrtheit „für die Wahrheit“ aufs Spiel setzen, dann geschieht dies losgelöst von der Identifizierbarkeit des möglichen Täters. Mit Baberowski ließe sich sagen, sie betreten bewusst einen gewaltoffenen Raum und die Heroisierung erfolgt über den Verweis auf die dadurch implizierte Drohung der Gefahr selbst. Die Gewalterfahrung rückt in diesen und in anderen Fällen (etwa im Bereich der Fronterfahrungen) in den Mittelpunkt der Heroisierungsprozesse und überlagert die Gewalttat.

3.2. Spannungsfeld: Legitimität – Gewalt – Heldentum

Das Spannungsfeld, das sich aus den Begriffen Legitimität, Gewalt und Heldentum ergibt, ist durch die Fragen geprägt, weshalb und warum Gewalt ausgeübt wird. Die Frage nach dem Weshalb ist jene „nach den Rechtfertigungsmustern und Legitimationsstrategien von Gewalt“.18 Der Blick richtet sich in diesem Fall auf Art und Typ der Gewalttat selbst, ihre Bewertung erfolgt in Abhängigkeit zu den Werte- und Normvorstellungen der entsprechenden Gesellschaft. Jan Philipp Reemtsma schlägt in seiner Phänomenologie körperlicher Gewalt vor, zwischen lozierender, raptiver und autotelischer Gewalt zu differenzieren.19 Er verweist darauf, dass unterschiedliche Gewaltformen in unterschiedlichen Kulturen unterschiedlicher Legitimationen bedürfen.20 Es ist also von übergeordneten Normvorstellungen abgeleitet, „ob eine Gewaltausübung als legal oder illegal angesehen wird, ob sie als legitim oder illegitim erscheint“.21

Die Frage nach der Legitimität von physischer Gewalt wird auch deswegen immer zu stellen sein, da diese als eine Machtaktion wesensmäßig nach ihrer Legitimation strebt. Heldenerzählungen leisten einen maßgeblichen Anteil, wenn es darum geht, zu bestimmen, was denkbar und was unmöglich erscheint, welche Gewalt als ehrenhaft, gerecht oder gar erforderlich und welche Gewalt regelmäßig als jene des Täters, aber nicht eines Helden erscheint. Das Heroische kann der Überhöhung spezifischer Gewaltformen zum Sakralen dienen, wie dies etwa im Falle der Nothilfe zu beobachten ist, die als Zivilcourage gefeiert wird (und deren Ausbleiben zur Feigheit herabgesetzt wird). Popitz konstatiert zum Zusammenhang von Legitimierungsstrategien und dem Heroischen: „Die Legitimierung von Gewalt wird typischerweise gesteigert, überhöht durch Glorifizierung. Als heldenhaft wird die Gewalttat des einzelnen wie des Kollektivs gefeiert, die Verteidigung des eigenen Landes wie der Überfall auf ein fremdes, der Raub von Reichtümern wie die Vernichtung der Ungläubigen.“22

Das Spannungsfeld aus Legitimität, Gewalt und Heldentum erschließt sich jedoch nicht allein im Verweis auf die Rechtfertigungen spezifischer Gewaltformen als Heldentaten (Heldentum im Zusammenhang mit der Frage nach dem Weshalb der Gewalt also), die Perspektive ist auch umzukehren: Durch den transgressiven Charakter der Gewalt stellt sich die Frage, wie der Gewaltakteur selbst durch die Tat im sozialen Raum positioniert wird. Reemtsma stellt fest, dass dort wo Gewalt geboten ist, der Gewalttäter auf die „Dividende der Pflichterfüllung“, Ruhm und Tapferkeit also, hoffen darf, dort aber wo Gewalt nicht erlaubt ist, „zum Gesetzgeber in eigener Sache“ wird und die Kultur herausfordert, in der er lebt.23 Fragen von Heroisierung und Dämonisierung schließen sich hier unmittelbar an. Gewalt hat immer auch eine legitimierende oder delegitimierende Wirkung auf denjenigen, der sie verübt. In Bezug auf die Akteure wird daher immer auch die Frage gestellt: Warum wird die Gewalt verübt?

Die Legitimierung durch Gewalt steht also im reziproken Verhältnis zur Legitimierung von Gewalt; die Fragen nach dem Weshalb und dem Warum greifen ineinander über. Im Ergebnis mag jedenfalls die Verehrung eines Gewaltakteurs als Held aufgrund seines Gewalthandelns stehen, ebenso, wie die Gewalttat durch sein Vorbild erst legitimiert werden kann. Auch ⟶Deheroisierungsprozesse können entlang der Diskurse über das Gewalthandeln des entsprechenden Akteurs geführt werden, sei es, weil die Gewalttaten zu einem späteren Zeitpunkt eine Neubewertung erfahren, sei es, weil das Gewalthandeln selbst durch den „Bezüge schaffenden Dritten“ als illegitim verstanden wird. Diese Prozesse verweisen bereits auf jene Phänomene des Zusammendenkens von Gewalt und Heldentum, die sich um die gesellschaftliche Ordnung drehen.

3.3. Gesellschaftliche Ordnung

Offen ist noch Imbusch’ Frage nach dem Wozu der Gewalt. Sie richtet den Blick auf die intendierten oder nicht intendierten Folgen der Gewalt. Konzeptionell rückt der Gewaltbegriff auch dann in die Nähe der Phänomene des Heroischen, wenn ordnungsbegründende Prozesse der Gemeinschaftsbildung betrachtet werden. Gewalt ist, so Popitz, nicht bloß als „Betriebsunfall sozialer Beziehungen“ zu verstehen, sondern als einer der „Bestimmungsgründe der Struktur sozialen Zusammenlebens“.24 Auch Imbusch versteht Gewalt als ein komplexes Phänomen, dem „eine bedeutende Ambiguität zwischen Ordnungszerstörung und Ordnungsbegründung zukommt“.25 Gewalt wäre so nicht nur als Problem sozialer Beziehungen zu denken, sondern sogar konstitutiv für die Herausbildung von Gemeinschaften; etwa wenn sie als der revolutionäre Geburtshelfer für die Implementierung neuer Ordnungen auftritt – eine Position, die insbesondere auch von Frantz Fanon für den Kampf um die ⟶Dekolonisierung übernommen wurde.26 Hans-Georg Soeffner weist darauf hin, dass es ein ‚Charisma der Gewalt‘ gäbe, das auf eine Suggestion der Freiheit verweise und einen revolutionären Impetus in sich trage.27

Dies bringt die Gewalt, auf der sich neue Ordnungen begründen, in die Nähe des Heroischen. Einerseits muss über die Personalisierung der Erinnerungen an die Akteure zwangsläufig auf deren Gewalthandeln rekurriert werden, auf dem sich ja die neue Ordnung begründet; andererseits manifestiert sich die Gewalt selbst so als Form der Außeralltäglichkeit, deren exzeptioneller Charakter dem Faszinosum des Heroischen ähnelt oder gar nicht von ihm zu trennen ist. Soeffner führt entsprechend aus: „Gegenüber der Normalität (des Alltags) betont Gewalt das Außeralltägliche, in diesem Sinne Abnormale. Ihre Irrationalität beschwört die extremen Emotionen“.28 Die Außeralltäglichkeit ist nicht lediglich die über das Charisma der Gewalt zum Ausdruck gebrachte „Bewährung des Individuums“29, welche auf die Phänomene der Legitimierung durch Gewalt verweisen (s. o.), sie deutet darüber hinaus auf das extraordinäre und transgressive Wesen beider Phänomene, das zwar einen ordnungsbegründenden Charakter in sich trägt, zugleich aber den Helden ebenso wie die Gewalt in den Ordnungen selbst dann als Problem präsentiert.

4. Besonderheiten

Über die hier dargestellten theoretischen Schnittstellen von Gewalt und Heldentum hinaus lassen sich noch weitere Themenfelder identifizieren, in denen regelmäßig eine thematische Zusammenführung der beiden Phänomene vorzufinden ist. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit wird hier auf die geschlechtlich konnotierte Bewertung von Gewalt, insbesondere im Zusammenhang mit Maskulinitätskonfigurationen, und auf die Heldenerinnerung im Zusammenhang mit dem Gewaltgedächtnis von Gemeinschaften verwiesen.

4.1. Gewalt, Maskulinität und Heldentum

Über Epochen und Räume hinweg ist im überwiegenden Teil der Gesellschaften (wenn nicht sogar in allen) ein enger Zusammenhang von Gewalt und Vorstellungen von Männlichkeit zu beobachten. Dabei wird die männliche Gewalt aufgrund ihres Ausmaßes und der Ubiquität einerseits als Problem wahrgenommen und etwa festgestellt, dass die überwiegende Zahl der Gewaltverbrechen weltweit von Männern verübt wird und so insbesondere „die individuellen wie gesellschaftlichen Folgen der Gewalt gegen Frauen politisch sichtbar“ gemacht werden.30 Zugleich wird jedoch Gewalt als eine Option zur Lösung vor allem hierarchischer Konflikte – sei dies im Verhältnis zu Frauen, anderen Männern oder konkurrierenden Gemeinschaften – als männliches Vorrecht konstruiert, so dass etwa ein Akteur, der sich auf seine Männlichkeit beruft, nicht nur vorgibt, sein Gewalthandeln auf diese Weise legitimieren zu dürfen, sondern auch sich selbst in Relation zu anderen setzt. In diesem Sinne fragt Michael Meuser in Bezug auf Trutz von Trothas Feststellung, Gewalt sei eine „Jedermanns-Ressource“31:

„Ist sie auch eine ‚Jedefrau-Ressource‘? Angesichts der skizzierten Unterschiede des Stellenwertes weiblicher und männlicher Gewalt in der Geschlechterordnung muß relativierend – und mit Bezug auf diese Ordnung – ergänzt werden, daß Gewalt eine ‚legitime‘ ‚Jedermanns-Ressource‘, aber eine ‚illegitime‘ ‚Jedefrau-Ressource‘ ist. Die Geschlechtslogik von Gewalt hat zur Folge, daß das Potential der Gewalt vorwiegend von Männern realisiert wird. […] Die Geschlechterordnung macht sich in den Gewaltverhältnissen geltend. Männer und Frauen verfügen in unterschiedlichem Maße über die (Macht-)Ressource Gewalt.“32

Gewalt wird also durch den Verweis auf die Männlichkeit des Akteurs nicht nur legitimiert, sondern zugleich die Männlichkeit des Akteurs im Verhältnis zu seinen Opfern einerseits und zu den ‚Bezüge schaffenden Dritten‘ andererseits demonstriert und bestätigt. Die soziale Konstituierung von Maskulinität als einem Ort im relationalen Gefüge der Geschlechterordnung ist daher eng verbunden mit Gewaltpraxen, ihrer Regulierung und Bewertung.33 Im Spannungsfeld von Legitimität, Gewalt und Heldentum, in welchem Heldentum durch Gewaltformen legitimiert wird und zugleich über als legitim wahrgenommene Gewaltformen Heroisierungen stattfinden, wird das heroisierte Gewalthandeln regelmäßig männlich konnotiert. Über die Zusammenführung der Gewalt als Handlungsoption mit hegemonialen Formen von Männlichkeit, die diese Option affirmieren, öffnet sich somit explizit ein Bezug zum Heroischen.

Das Phänomen der männlich konnotierten Gewalt erscheint so nicht nur als ein hierarchischer Aushandlungsprozess über die normative Kraft der Gewalttat selbst – ein Sieger triumphiert über sein Opfer –, sondern es wirkt innerhalb der eigenen Gemeinschaft zudem als Faktor der Legitimierung oder Delegitimierung und im Idealfall als Anerkennungsressource, auf die sich die soziale Bewertung bis hin zur Heroisierung (oder im gegenteiligen Fall Dämonisierung) bezieht. Am Ende muss daher die kritische Frage stehen, ob über das Zusammendenken von Gewalt und Heldentum – und die in dieser Zusammenführung mitgedachte Fokussierung auf Männer – ein quasi-natürlicher Zusammenhang von Heldentum und Männlichkeit konstruiert wird. Frauen würde so von vornherein der legitime Zugriff auf eine zentrale Ressource für Heroisierungsprozesse verwehrt oder zumindest erschwert – nicht, weil sie nicht gewaltsam handeln können, sondern weil sie es nach dieser Logik nicht dürfen bzw. es von ihnen nicht erwartet wird. Danach bliebe Frauen nur die Rolle des Opfers oder der ‚Bezüge schaffenden Dritten‘, nicht jedoch jene des Helden – zumindest nicht über den Weg des Gewalthandelns.

In ihrer organisierten Form findet die Gewalt im Krieg ihren Ort, jenen historischen Momenten also, die bis heute nicht nur als männliche Angelegenheiten erscheinen, sondern auch signifikant zur Herausbildung spezifischer Maskulinitäten beigetragen haben.34 Leo Braudy konstatiert: „Both war and masculintiy are ideas shaped by a long intervowen history.“35 Auch die Paradigmen der Heldenproduktion zeigen sich im Krieg beheimatet: Hier, in der Zuspitzung der organisierten politischen Gewalt, bieten sich für das Individuum ebenso wie für das Kollektiv die Chancen, über die Gewalt, über Transgression, agonalen Erfolg, Zurschaustellung starker Agency, Überwindung innerer Widerstände, der Begegnung mit der Gewalt als Gefahr und der Möglichkeit, sich dieser Gefahr zu stellen, auf Diskurse des Heroischen zuzugreifen. Aus der Perspektive der kriegführenden Gesellschaften haben im (von Männern geführten) Krieg die Heroismen ihren Ort, auf dem Schlachtfeld werden Helden geboren. Der Zusammenhang zwischen heroischen Idealvorstellungen und militarisierten Maskulinitäten scheint dabei über alle Gesellschaften und Zeiten hinweg auffindbar, so dass etwa Ritter und Glaubenskrieger, Revolutionär und Freiheitskämpfer, Elitekämpfer oder treuer Soldat – Akteure der Gewalt also – je nach historischem Kontext nicht nur hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen prägten, sondern ihre Beispiele im selben Maße die Heroismen ihrer Zeit definierten.36 Aus dem Zusammendenken von Gewalt und Heldentum ist eine wesenseigene Verknüpfung von Männlichkeit und Heldentum zu konstruieren, worüber Frauen der Zugriff auf Konzepte des Heroischen erschwert oder sogar verwehrt werden kann.

Dieser Zusammenhang von Heldentum und Gewalt, dem Männlichkeit inhärent zu sein scheint, wird heute jedoch neu verhandelt. Frauen kämpfen (nachdem sie schon in der frühen Sowjetunion, im Spanischen Bürgerkrieg, in Befreiungsbewegungen kolonialisierter Länder zur Waffe gegriffen hatten) zunehmend in regulären Armeen als Soldatinnen; sie treiben Kampfsportarten und unterlaufen so konventionelle Kopplungen von gewaltaffinem Heldentum und Maskulinität. Mediale Darstellungen perpetuieren einerseits geschlechtsspezifische Zuordnungen von Täter- und Opferrollen, von ‚männlicher‘ Stärke und ‚weiblicher‘ Duldung, invertieren diese andererseits aber auch subversiv, gerade in Genres der populären Kultur. Schon seit den 1940er Jahren stilisieren Comics wie Wonder Woman, später Amazons Attack!37, Catwoman oder auch Filme wie Kill Bill die Gewaltkriegerin als überlegene Heldin; einige reaktualisieren bekannte Geschlechtsstereotype wie die heroisch kämpfenden Amazonen, die Walküren oder die Nationalheldin Jeanne d’Arc.38 Die für frühere Epochen vielfach selbstverständlich vorausgesetzte Verbindung zwischen dem Heroischen und männlicher Gewalt erscheint aus dieser Perspektive zumindest brüchig geworden zu sein – die genannten Beispiele bestätigen jedoch auch, dass weibliches Gewalthandeln erklärungsbedürftig ist und alternativer Legitimierungsdiskurse bedarf, sodass etwa ein Begriff wie ‚Anmut‘ im Kontext weiblichen Gewalthandelns bemüht werden kann.39

4.2. Gewalt, Gewaltgedächtnis und Heldenerinnerung

Die affektive Kraft der Gewalt zwingt nicht nur im Moment der Gewalttat selbst, sondern auch später, wenn diese erinnert wird, sich zu ihr zu verhalten und zu positionieren – Täter wie Opfer, Beteiligte wie Beistehende, Zeitgenossen wie Nachkommende. Das gilt auch dann, wenn Gewalt und Heldentum zusammengehen: Es gibt wohl in gesellschaftlichen Prozessen der Konstruktion von und der ⟶Erinnerung an Helden keine Gleichgültigkeit gegenüber der Gewalt, die diese als Kämpfer für eine Sache anderen Menschen angetan oder als Gewalt Erleidende selbst erfahren haben.

Das impliziert nicht, dass die gewaltsame Tat, dass Kampf oder Opferbereitschaft, für die ein Held von späteren Erinnerungsgemeinschaften gepriesen wird, explizit zur Darstellung kommen: „Körper werden angeschossen, verletzt, aufgeschlitzt, abgeschossen, vergewaltigt, verstümmelt, zerstückelt; Körper werden hingerichtet, gehängt, geköpft“.40 Von all dem ist in Repräsentationen des Helden und seiner Heldentat nicht zwangsläufig etwas zu hören, zu lesen oder zu sehen; Sag- und Zeigbarkeitsregeln der Darstellung gewaltförmiger Heldentaten variieren je nach Zeit und Ort. In der Ilias, der Geschichte des Helden Achill, erzählt Homer kenntnisreich von grausamen Gemetzeln aus dem Trojanischen Krieg (vgl. ⟶Homerische Helden), und im antiken Griechenland des späteren 8. Jhs. v. C. sind auf Grabgefäßen Schlachtszenen mit Leichenbergen zu sehen. Die Schilderungen von Gräueltaten in antiken Texten können als Verständigungen über die Grenzen guter und schlechter Gewalt verstanden werden, sie dienen vornehmlich der Dämonisierung des auszugrenzenden Anderen: „In den Affekten des Lesers oder Zuhörers, in der Überschreitung der individuellen Reizschwelle wurden die Regeln vermittelt, die gesellschaftlich festgelegt waren und die der Autor teilte und vermitteln wollte. Ziel und Ergebnis war zugleich die Ausgrenzung der Akteure aus der eigenen Gemeinschaft.“41 Der Zusammenhang von Gewalt und Heldentum findet sich hier im Paradigma des Ertragens und Erleidens ungerechter Gewalt, sodass ein Spannungsverhältnis zum Opfer aufgebaut wird. In diesem Sinne ersparen die Darstellungen der Kreuzigung Christi den Gläubigen im christianisierten Westeuropa nicht detailreiche Hinweise auf die Martern, die der Gottessohn für ihr Seelenheil erlitt, und auch Gemälde und Skulpturen aus dem Mittelalter und der Renaissance zeigen anschaulich, wie ⟶christliche Märtyrer gefoltert, gerädert, mit Pfeilen durchbohrt werden. Zugleich finden sich im Mittelalter des 14. Jahrhunderts auch Schriften, die die bis dahin übliche Darstellung von physischen Kampffähigkeiten und erlittenen Verwundungen des Helden ausblenden und stattdessen die Gleichgültigkeit des Ritters gegenüber Verletzungen und das Weiterkämpfen als heroisch preisen.42 Auch hier also richtet sich die Heroisierung des Gewaltakteurs weniger an seiner Tat selbst aus, als vielmehr an der Einstellung gegenüber den Gefahren der Gewalt.

Im säkularen 20. Jahrhundert (mit Vorläufern im 18. und 19. Jahrhundert) beschränken sich Kriegerdenkmäler und -friedhöfe, die der im Ersten und Zweiten Weltkrieg gefallenen soldatischen Helden gedenken, ganz überwiegend auf schlichte Grabkreuze, Namenslisten mit Geburts- und Todesdaten, knappe Inschriften („Es starben den Heldentod…“), oder sie greifen auf ältere Symbolsysteme zurück wie etwa die Figur des Hl. Georg, den Drachentöter.43 Viele Heldendenkmäler kommen ganz ohne die Namen der Gefallenen aus; sie sind dem ⟶„Unbekannten Soldaten“ gewidmet. Je mehr in Erinnerungsgemeinschaften säkularer Gesellschaften von den (Kriegs-)Helden die Rede ist, so scheint es, desto weniger Konkretes ist im Gedenken über die zugefügte oder erlittene Gewalt zu erfahren; allenfalls finden sich Spuren in symbolischen Hinweisen. Im NS-Heldenkult trug die Entscheidung für die Farbe Rot für Plakate und Fahnen die Konnotationen vom, wie Sabine Behrenbeck schreibt, „Opfer der toten Helden, aber auch den feurigen Mut der Kämpfer“.44 Der im Bild dargestellte Held scheint körperlos in dem Sinn, dass er als Wesen aus Blut und Knochen unsichtbar bleibt. Das gilt bis heute: Die eigenen getöteten Helden, die ihr Leben für die Nation, in jedem Fall für eine höhere Sache, aufs Spiel gesetzt haben, als zerfetzte Leiche im Bild zu zeigen, wird von allen kriegführenden Parteien möglichst vermieden45 – auch wenn insbesondere in den Ästhetisierungsformen des islamischen Märtyrers die Grenzen des Zeigbaren verschoben werden können.46 Umgekehrt, so ist zu vermuten, lässt sich die explizite Darstellung von Gewalttaten und ihren Folgen – ein Tötungsakt, verletzte, zerstückelte Körper – nicht mit der Heroisierung des Täters oder des tapfer für seine Überzeugungen kämpfenden heroischen Opfers verbinden. Auch wenn eine Gewalttat zur Voraussetzung der späteren Heroisierung werden kann (s. o.), ist damit nicht zwingend verbunden, dass die Verehrergemeinschaft die Heldentat als Akt der Gewalt selbst allzu konkret imaginieren will; ihre Bewunderung gilt dem Mut und der Selbstüberwindung des Helden, seinem Einsatz gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, nicht dagegen seiner blutigen Tat oder der heroischen Duldung grausamer Qualen. Indem sich die Verehrergemeinschaft in Gedenkfeiern oder mit Gedenkzeichen ausdrücklich zu den Werten bekennen, für die ihr Held sich eingesetzt hat, muss die Gewalttat, die ihm diesen Status verschafft hat (und mit der Verehrung durch Dritte bestätigt wird, auch wenn sie deren Werten widerspricht) unsichtbar bleiben. Orte, an denen an die toten Helden vergangener Kriege erinnert wird, sind nicht erst in der Gegenwart auch zu touristischen Zielen geworden, wie das Beispiel Verdun zeigt, wo an eine der verlustreichsten Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnert wird: „Durch mediale Inszenierungen, spektakuläre Angebote und Anekdoten werden aus Gedenkorten Erlebnisorte, deren Verweispotential auf historische Ereignisse überlagert wird von Aktualisierungsbestrebungen, welche auf das emotionale Miterleben heutiger Besucher_innen setzen“.47 Die konkrete Gewalttat, die am historischen Ort ausgeübt und erlitten wurde, erscheint hier in sublimierter Form: Das Fort de Vaux etwa, Teil der Gedenkstätte in Verdun, „bemüht sich, seinen Besucher_innen ein literarisches Empfinden der vom ‚Blut der Helden‘ zeugenden Stätte zu ermöglichen“.48 Die Ambivalenz der Gewaltaffinität kriegerischer Helden, so scheint es, ist in der Moderne nicht mehr auszuhalten49; die Art und Weise, ihrer in Denkmälern, Friedhöfen und Gedichten, auch an ehemaligen Schlachtorten zu erinnern, bestätigt die Unintegrierbarkeit des gewaltbereiten oder Gewalt erduldenden Helden in die zivilisierte Welt.50

5. Gewalt und Heldentum in der Perspektive der longue durée

Der Zusammenhang zwischen Heroisierungen und Gewalterfahrungen ist nur in der Perspektive der longue durée angemessen zu erfassen.51 Verschiedene bereits angesprochene Aspekte dieses Zusammenhangs finden sich über Epochen (und Kulturen) hinweg. Dazu zählt beispielsweise die symbolische Dimension von Gewalt im Blick auf die Konstitution von militärischen Herrscherhelden in der Spätantike und von nationalen Held(inn)en in Kriegen oder die Aktualisierung von (älteren) Ehrkonzepten in der Frühen Neuzeit. Auch die Spannung zwischen der historischen Wiederholung von Gewaltkonstellationen und der Einzigartigkeit von jeweils aktuellen Gewalterfahrungen gehört zu diesen Kennzeichen, die sich nicht auf das 20. Jahrhundert und die Gegenwart beschränken.

Heroische Gewalt wird bereits in den politischen Theorien wie auch in literarischen und künstlerischen Zeugnissen der Antike, des Mittelalters und der Frühen Neuzeit als ethisches Kernproblem verhandelt, Homers Achill-Figur gehört sicher zu den bekanntesten Beispielen. Im Fall des Herrschermords kann sowohl dem Attentäter wie auch dem ermordeten Fürsten heroische Qualität zugeschrieben werden, je nachdem, ob die Tat als Aufbegehren gegen einen Tyrannen oder als Angriff auf den legitimen Souverän verstanden wird.52 In den konträren Bewertungen von Gewalthandlungen zeigt sich das Heroisierungspotenzial politischer Ideologien und Weltdeutungen, die sich in ihrer Affinität zum Heroischen und in ihren Deutungsvorgaben für die heroische Tat indes unterscheiden. So führen etwa Prozesse der Verstaatlichung von Gewalt und Sozialdisziplinierung im Laufe der Frühen Neuzeit einerseits zu einer schrittweisen Zurückdrängung der Gewalt aus dem Alltag. Dynamiken der Entgrenzung von Gewalt treffen im 17. bis zum 19. Jahrhundert immer wieder auf Versuche ihrer Einhegung. Die Anwendung von Gewalt wird zunehmend an staatlich rekrutierte Expertengruppen (Militär, Polizei) delegiert und allein für diese legitimiert; für den Rest der Gesellschaft ist deren heroisches Selbstbild nicht mehr unmittelbar relevant. Andererseits etablieren sich gerade vor diesem Hintergrund seit der Französischen Revolution bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend Ideologien der Gewaltverherrlichung – etwa in der Heroisierung des kämpfenden Soldaten und der Ächtung des Gegners als Feind, dessen Vernichtung in einem totalisierten Krieg jegliche Gewalt legitimiert. Um die Vernichtung als heroischen Akt zu legitimieren, muss die Gefahr, die dem Gegner zugeschrieben wird, als besonders groß dargestellt werden. Die Ideologien des Nationalismus, später des Faschismus und Kommunismus oder auch des politischen Islam in Folge der Islamischen Revolution in Iran entfesseln mit ihren Programmen totaler Mobilmachung heroische Semantiken eines allgegenwärtigen Überlebenskampfs, der jedermann die Bereitschaft zur Selbstaufopferung abnötigt. Zugleich wird der Krieg seit dem späten 18. Jahrhundert, v. a. aber seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg als Ort der Selbsterfahrung und Selbstfindung ⟶sakralisiert. Appelle zu heroischem Handeln werden mittels ⟶Kriegspropaganda verallgemeinert und radikalisiert.

Mit dem Formwandel der Gewalt im Zeitalter totalisierter und schließlich totaler Kriege und radikaler Ideologien zwischen 1914 und 1945 geht ein Umbruch älterer Heroisierungskonzepte einher. Überkommene Vorstellungen von Kriegshelden verlieren angesichts der massenhaften Erfahrung von Kriegsopfern und Invalidität, aber auch vor dem Hintergrund erodierender Ordnungsmodelle wie Monarchie und bürgerlicher Gesellschaft an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft. Heroische Gewalt spielt eine Rolle in den Beschwörungen des Krieger-Arbeiters im Faschismus und Stalinismus nach dem Ersten Weltkrieg, die zwischen futuristischer Modernität und mythischer Archaik changieren, und nicht zuletzt im Nationalsozialismus. Die extremen Gewalterfahrungen und die totalitären Ideologien produzieren einen neuen ‚Held(inn)enbedarf‘. Im Nationalsozialismus gilt jeder Mann, der als Soldat kämpft und bereit ist, für ‚Führer, Volk und Vaterland‘ zu sterben, als potentieller Held. Aber nicht mehr nur ausgewählte gesellschaftliche Gruppen wie Soldaten, sondern letztlich die gesamte Bevölkerung wird zum heldenhaften Opfer im Namen von ‚Volksgemeinschaft‘ oder ‚Weltrevolution‘ verpflichtet. Nach dem Ende der Weltkriegsepoche sind solche Rekurse wie auch die ihnen zugrundeliegenden totalitären Ideologien delegitimiert. ⟶Affektivität, Attraktion und Appellwirkung des Helden werden in den Gewaltregimen des 20. Jahrhunderts gesteigert – nach dem Zweiten Weltkrieg konnte ihre Instrumentalisierung in die weitgehende Entwertung der Modelle führen, wie das etwa in Deutschland der Fall war.

Zugleich werden seit dem Ende des 2. Weltkriegs die Opfer der Kriege medial zu Held(inn)en umgedeutet, das Heroische gegen die entfesselte Gewalt einer anonym gewordenen Kriegsmaschinerie in Stellung gebracht. Erfahrungen kollektiver Gewalt in ‚heroischen Gemeinschaften‘ wie dem Faschismus, aber auch unter kolonialer Herrschaft rufen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Programme der Gewaltlosigkeit und pazifistische Bewegungen auf den Plan, die den gewaltlosen Kampf ihrer charismatischen Führungsfiguren heroisieren (bspw. Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela). Solche Modelle eines heroischen Gewaltverzichts, die an Traditionen des religiösen Märtyrertums anknüpfen, gewinnen dessen scheinbarer Passivität eine aktive, heroische Dimension ab. Diese Programme des Gewaltverzichts ersetzen indes nicht Ideen heroischen Gewalthandelns, sondern treten als eine (Heroisierungs-)Option neben sie. Die Prozesse der Dekolonisierung, die Implementierungen neuer Ordnungen oder die Hoffnung auf neue Gesellschaftsformen werden auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von der Heroisierung revolutionärer Gewalt oder des Freiheitskampfes bis hin zum Terrorismus aller politischen und ideologischen Schattierungen begleitet. Gerade das 20. und das 21. Jahrhundert kennen daher eine enorme Bandbreite von heroischen Gewaltkonzepten, die gegenwärtig neu aktiviert werden.

Grundlegend für die Reaktivierung oder Perpetuierung der Verbindung von Heroischem und Gewalt sind jetzt Medien wie Massenpresse, Fotografien, Fernsehserien und Filme. Gewalthelden sind in publikumswirksamen Blockbustern, Fernsehserien oder Computerspielen virtuell allgegenwärtig: Heroische Gewalt in den Massenmedien übt offensichtlich eine ästhetische Faszination aus – und stellt so die oft behauptete (tatsächlich aber nie faktische) Fundamentalpazifizierung zeitgenössischer westlicher Gesellschaften infrage. Dietmar Dath schreibt dazu: „Superheldinnen und Superhelden sind Nichtmenschen, die wir ‚wider die Natur‘, gegen Vernunft und Lebenserfahrung lieben, und die diese Liebe so rückhaltlos erwidern, dass in ihrem Namen gewaltige Taten getan, ungeheuerliche Leiden erlitten und ganze Gesellschaften zur Überprüfung ihrer obersten sittlichen Grundsätze gezwungen werden.“53

6. Forschungsüberblick

Der Zusammenhang von Gewalt und Heldentum wird in der Forschung bisher vor allem über Einzelfallstudien reflektiert, in denen der Zusammenhang zwischen Gewalt und Männlichkeit im Mittelpunkt steht und Heldentum als Folge dieses Zusammenhangs erscheint. Exemplarisch sei hier auf die historiografischen Studien Ute Freverts54 und Karen Hagemanns55 zum deutschen 18. und 19. Jahrhundert verwiesen, in denen der Begriff des Helden über den Weg militarisierter Maskulinitäten entwickelt wird. Die Verbindung zwischen militärischem Heldentum und idealisierter Männlichkeit ist zudem Gegenstand zahlreicher monographischer Abhandlungen, die sich um deren nationalgeschichtliche Erscheinungsformen drehen, etwa in Bezug auf Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert56, Großbritannien57 oder die USA.58 Grundlegend und mit einem globalgeschichtlichen Anspruch wurde das Spannungsfeld von Männlichkeit und Krieg mit seiner Zuspitzung auf militärisches Heldentum von Leo Braudy in From Chivalry to Terrorism: War and the Changing Nature of Masculinity (2005) bearbeitet.59 All diese Arbeiten verweisen aber zunächst auf den Zusammenhang von Männlichkeit und Gewalt, hier vor allem in ihrer organisierten Form der politischen Gewalt des Krieges – ein Forschungsfeld, das über unterschiedliche disziplinäre Zugänge umfassend betrachtet wird.

Ein theoretisierender Beitrag zum Zusammenhang von Gewalt und Heldentum, der auf den Umweg der Männlichkeitsforschung zunächst verzichtet und diesen Zusammenhang lediglich als eine Erscheinungsform der diskursiven Zusammenführung der beiden Phänomene diskutieren möchte, steht noch aus. In den zahlreichen und umfangreichen Handbüchern und Sammelwerken zur Gewaltforschung fehlt bisher ein Beitrag oder gar ein Lemma zum Helden oder zum Heroischen.60 Umgekehrt wird das Thema der Gewalt in der jüngeren Heldenforschung aufgegriffen, wie sowohl jüngere Publikationen61 als auch die Arbeiten des SFB 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ zeigen, die sich prominent dem Spannungsfeld von Gewalt und Heldentum widmen. Aus dieser Richtung sind in naher Zukunft einige Publikationen zu erwarten.62

7. Einzelnachweise
  • 1 .
    Der vorliegende Beitrag verdankt sich zu großen Teilen den Diskussionen und Anregungen des Sonderforschungsbereichs 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“, insbesondere im Rahmen der Verbundarbeitsgruppe „Gewalt“.
  • 2 .
    Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie – Erster Band. In: Werke. Berlin/DDR 1962: Dietz, 779.
  • 3 .
    Nummer-Winkler, Gertrude: „Überlegungen zum Gewaltbegriff“. In: Heitmeyer, Wilhelm / Soeffner, Hans-Georg (Hg.): Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme. Frankfurt a. M. 2004: Suhrkamp, 21-61, 21.
  • 4 .
    Beachte: Imbusch stellt fest, dass die Zusammenführung von Phänomenen des körperlichen Übergriffes und der Staatsgewalt nur im deutschen Sprachgebrauch möglich ist. Imbusch, Peter: „Der Gewaltbegriff“. In: Heitmeyer, Wilhelm / Hagan, John (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2002: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 26-57, 39: „Nur im deutschsprachigen Raum steht das Wort Gewalt sowohl für den körperlichen Angriff wie auch für die behördliche Amts- bzw. Staatsgewalt. Diese besondere Ambivalenz wird in den anderen genannten Fallen heutzutage dadurch vermieden, dass mit violence/ violence / violencia und power / pouvoir / poder zwei klar voneinander abgetrennte Begrifflichkeiten bestehen, die entsprechend trennscharf sind. Der Gewaltbegriff reflektiert dort nämlich eindeutig die doppelte lateinische Wurzel vis/violentia und potentia/potestas. Die trotz aller Verschiedenheit bestehende Nähe der Begriffe begründet auch den häufig hergestellten Konnex von Macht und Gewalt.“
  • 5 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 39. Siehe auch ebd., 32: „Gewalt als kalkuliertes Erzwingen ist eine Form der Machtausübung und als solche ein sehr effektives Machtmittel, weil sie unmittelbar Gehorsam erzwingt und Widerstande überwindet. Umgekehrt wird man natürlich konzedieren müssen, dass nicht alle Macht Gewaltcharakter besitzt.“
  • 6 .
    T. Koloma Beck schlägt eine Erweiterung des engen Gewaltbegriffs – dem sie selbst lange gefolgt ist – um psychische Gewalt vor. Die Einschränkung auf den Körper nimmt sie als eurozentristisch wahr und spricht stattdessen von leiblichen Verletzungs- und Schmerzerfahrungen. Leib steht hier für den belebten Körper, d. h. er schließt das Bewusstsein mit ein. Im Zusammenhang mit Heldentum könnte die Schmerzerfahrung gerade für die Fragen des Entgegentretens eine Rolle spielen und damit für die Heroisierung jener, die bereit sind, sich den Gefahren der Gewalt (und hier eben diesen Schmerzen und dergleichen) auszusetzen. Vgl. Beck, Teresa Koloma: „Gewalt als leibliche Erfahrung. Ein Gespräch mit Teresa Koloma Beck“. In: Mittelweg 36 (2017/3), 52-73, 66.
  • 7 .
    Galtung, Johan: „Violence, Peace, and Peace Research“. In: Journal of Peace Research 6.3 (1969), 167-191, 168: „Violence is present when human beings are being influenced so that their actual somatic and mental realizations are below their potential realizations.“
  • 8 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 33: „Sozialer Zwang zielt […] auf gesellschaftliche Kontrolle von Menschen durch andere Menschen und ist somit mit einer Form von Machtausübung identisch, nicht jedoch unbedingt mit Gewalt. Im engeren Sinne versteht man unter Zwang die Androhung physischer Eingriffe bzw. bestimmter Erzwingungsmittel, so dass dieser eher eine Vorstufe zur Gewalt darstellt, die mit der drohenden oder als belastend wahrgenommenen Einwirkung auskommt und nicht selbst zur Gewalt greifen muss, um ein bestimmtes Verhalten zu erzielen. Allerdings werden in einem weiteren Sinne auch Unterdrückung und Nötigung zu Formen des sozialen Zwangs, also das, was Galtung u. a. als strukturelle Gewalt bezeichnet hat.“
  • 9 .
    Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht. Tübingen 1992: J.C.B. Mohr (P. Siebeck), 48.
  • 10 .
    Popitz: „Phänomene der Macht“, 1992, 24.
  • 11 .
    Siehe auch: Schlechtriemen, Tobias: „„Der ‚Held‘ als Effekt. Boundary work in Heroisierungsprozessen“. In: Berliner Debatte Initial 29.1 (2018), 106-119, 108-109.
  • 12 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 34-36.
  • 13 .
    Reemtsma, Jan Philipp: „Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie.“ In: Rehberg, Karl-Siegbert (Hg.): Die Natur der Gesellschaft: Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006. Frankfurt a. M./New York 2008: Campus, 42-64, 56.
  • 14 .
    Reemtsma: „Die Natur der Gewalt als Problem der Soziologie“, 2008, 56.
  • 15 .
    Baberowski, Jörg: Räume der Gewalt. Frankfurt a. M. 2015: S. Fischer, 42.
  • 16 .
    Baberowski: „Räume der Gewalt“, 2015, 66.
  • 17 .
    Beachte die kritische Auseinandersetzung über die Unmöglichkeit der Heroisierbarkeit des Opfers bei Goltermann, Svenja: Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne. Frankfurt a. M. 2017: S. Fischer.
  • 18 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 36.
  • 19 .
    Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg 2013: Hamburger Edition, 106. Siehe auch ebd., 110: „Lozierende Gewalt bedeutet ein brachiales Desinteresse am Körper des Anderen, raptive und autotelische Gewalt zeigen ein brachiales Interesse am Körper des Anderen, wobei raptive Gewalt nicht auf Verletzung oder Zerstörung zielt (wenn sie auch damit verbunden sein Kann) und autotelische Gewalt auf die Zerstörung des Körpers.“
  • 20 .
    Reemtsma: „Vertrauen und Gewalt“, 2013, 110.
  • 21 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 34-36.
  • 22 .
    Popitz: „Phänomene der Macht“, 1992, 66.
  • 23 .
    Reemtsma: „Vertrauen und Gewalt“, 2013, 132: „Jede Gewalttat ist auch eine soziale Positionierung. In den Zonen erlaubter Gewalt gibt es Gewinner und Verlierer, und meist wird der Gewinn prämiert, sei es materiell, sei es durch Ansehensgewinne. Wo Gewalt geboten ist, gewinnt der Gewalttäter die Dividende der Pflichterfüllung und oft, da derlei meist mit eigenem Risiko verbunden ist, den Ruf und Ruhm der Tapferkeit. Wer Gewalt ausübt, wo sie nicht erlaubt ist, ist Gesetzgeber in eigener Sache. Er bringt nicht nur den Menschen vor ihm zum Schreien, sondern fordert die Kultur, in der er lebt, heraus.“
  • 24 .
    Popitz: „Phänomene der Macht“, 1992, 57.
  • 25 .
    Imbusch: „Der Gewaltbegriff“, 2002, 26.
  • 26 .
    Fanon, Frantz: The Wretched of the Earth. New York 2004: Grove, 51-52: „At the individual level, violence is a cleansing force. It rids the colonized of their inferiority complex, of their passive and despairing attitude. It emboldens them, and restores their self-confidence. Even if the armed struggle has been symbolic, and even if they have been demobilized by rapid decolonization, the people have time to realize that liberation was the achievement of each and every one and no special merit should go to the leader. Violence hoists the people up to the level of the leader. Hence their aggressive tendency to distrust the system of protocol that young governments are quick to establish. When they have used violence to achieve national liberation, the masses allow nobody to come forward as ‚liberator.‘ They prove themselves to be jealous of their achievements and take care not to place their future, their destiny, and the fate of their homeland into the hands of a living god. Totally irresponsible yesterday, today they are bent on understanding everything and determining everything. Enlightened by violence, the people’s consciousness rebels against any pacification. The demagogues, the opportunists and the magicians now have a difficult task. The praxis which pitched them into a desperate man-to-man struggle has given the masses a ravenous taste for the tangible. Any attempt at mystification in the long term becomes virtually impossible.“
  • 27 .
    Soeffner, Hans-Georg: „Gewalt als Faszinosum“. In: Heitmeyer, Wilhelm / Soeffner, Hans-Georg (Hg.): Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme. Frankfurt a. M. 2004: Suhrkamp, 62–85, 72.
  • 28 .
    Soeffner: „Gewalt als Faszinosum“, 2004, 73.
  • 29 .
    Soeffner: „Gewalt als Faszinosum“, 2004, 74.
  • 30 .
    Dackweiler, Regina-Maria / Schäfer, Reinhild: „Gewalt, Macht, Geschlecht – Eine Einführung“. In: Dackweiler, Regina-Maria / Schäfer, Reinhild (Hg.): Gewalt-Verhältnisse. Feministische Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt. Frankfurt a. M. 2002: Campus, 9–26, 9.
  • 31 .
    Trotha, Trutz von: „Zur Soziologie der Gewalt.“ In: Trotha, Trutz von (Hg.): Soziologie der Gewalt. Opladen 1997: Westdeutscher Verlag, 9-56, 18.
  • 32 .
    Meuser, Michael: „‚Doing Masculinity‘ – Zur Geschlechtslogik männlichen Gewalthandelns“. In: Dackweiler, Regina-Maria / Schäfer, Reinhild (Hg.): Gewalt-Verhältnisse. Feministische Perspektiven auf Geschlecht und Gewalt. Frankfurt a. M. 2002: Campus, 53-79, 73.
  • 33 .
    Christensen, Ann-Dorte / Rasmussen, Palle: „War, Violence and Masculinities: Introduction and Perspectives“. In: NORMA. International Journal for Masculinity Studies 3-4.10 (2015), 189–202, 189: „The social constitution and historical development of masculinity are closely linked to violent practices in human relations and to the ‚civilising‘ regulation of such practices. Warfare constitutes an important arena for organised violence and as a type of practice almost exclusively undertaken by men it has contributed significantly to the shaping of masculinities embodied with the soldier as the main representation. This means that warfare and military institutions have been important in the making of masculinities and in many contexts militarised masculinity has been a crucial element in hegemonic forms of masculinity.“
  • 34 .
    Christensen / Rasmussen: „War, Violence and Masculinities“, 2015, 189.
  • 35 .
    Braudy, Leo: From Chivalry to Terrorism. War and the Changing Nature of Masculinity. New York 2005: Vintage Books, xvii.
  • 36 .
    Vgl. Braudy: From Chivalry to Terrorism, 2005, xx: „The fortunes of Western epic heroism are […] particularly tied to war, sometimes in a grand defeat and sometimes in victory, but always triumphs that are inevitably connected to the way war destroys men but makes their memories last.“
  • 37 .
    Vgl. Dath, Dietmar: Superhelden. Stuttgart 2016: Reclam, 62-71.
  • 38 .
    Watanabe-O’Kelly, Helen: Beauty or Beast? The Woman Warrior in the German Imagination from the Renaissance to the Present. Oxford 2010: Oxford University Press.
  • 39 .
    van Marwyck, Mareen: „Anmut als Heroismuskonzeption in der Literatur und Ästhetik um 1800“. Vortrag auf der Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 40 .
    Stahel, Urs: „Körper, Bilder, Macht und Gewalt. Einleitung“. In: Stahel, Urs: Dark Side II. Fotografische Macht und fotografierte Gewalt, Krankheit und Tod. Göttingen 2009: Steidl, 8-15, 9.
  • 41 .
    Zimmermann, Martin: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike. München 2013: Deutsche Verlangs-Anstalt, 39.
  • 42 .
    Mauntel, Christoph: „Der Charakter der Gewalt Mittelalterliche Perspektiven auf das Beziehungsgeflecht von Gewalt und Heldentum“. Vortrag auf der Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 43 .
    Koselleck, Reinhart / Jeismann, Michael: Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne. München 1994: Fink.
  • 44 .
    Behrenbeck, Sabine: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Rituale und Symbole. Vierow bei Greifswald 1996: SH-Verlag, 420.
  • 45 .
    Vgl. dazu die Beiträge in Brink, Cornelia / Falkenhayner, Nicole / von den Hoff, Ralf (Hg.): Helden müssen sterben. Würzburg 2019: Ergon. Das gilt v. a. für die offizielle, politische Bildpropaganda; der Kunst waren und sind dagegen oft eplizitere Darstellungen der Getöteten möglich.
  • 46 .
    Pannewick, Friederike: Opfer, Tod und Liebe. Visionen des Martyriums in der arabischen Literatur. München 2012: Fink; vgl. auch Pannewick, Friederike: „Gewalt ohne Heldentum. Zur Poetik des entheroisierten Todes in der arabischen Erzählliteratur des 21. Jahrhunderts“. Vortrag auf der Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 47 .
    Glöckler, Benjamin / Günther, Felix W. / Marstaller, Vera: „Helden und Gedenktourismus – Eine Reise nach Verdun im September 2017“. In: helden.heroes.héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 6.2 (2018): 17-21, 17. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2018/02/02.
  • 48 .
    Glöckler et al.: „Helden und Gedenktourismus“, 2018, 19.
  • 49 .
    Asch, Ronald G.: Einführungsvortrag zur Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 50 .
    Vgl. Reemtsma, Jan Philipp: „Dietrichs misslungene Brautwerbung. Der Held als Figur der klassischen Heldengeschichte: ein sonderbar vorzivilisatorischer Mann“. Vortrag auf der Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 51 .
    In diesem Abschnitt knüpfen wir an frühere Überlegungen aus dem Antrag für die 2. Förderphase des SFB an.
  • 52 .
    Zwierlein, Cornel: „Der Mörder als Held? Verehrung und Verdammung von Jacques Clément in Europa, 1589“. Vortrag auf der Tagung „Gewalt und Heldentum“, Freiburg 29.11.–01.12.2018.
  • 53 .
    Dath: Superhelden, 2016, 17.
  • 54 .
    Frevert, Ute: „Das Militär als Schule der Männlichkeiten“. In: Brunotte, Ulrike / Rainer, Herrn (Hg.): Männlichkeiten und Moderne. Geschlecht in den Wissenskulturen um 1900. Bielefeld 2008: Transcript, 57-75.
  • 55 .
    Hagemann, Karen: „Of ‚Manly Valor‘ and ‚German Honor‘: Nation, War, and Masculinity in the Age of the Prussian Uprising Against Napoleon“. In: Central European History 30.2 (1997), 187-220. DOI: 10.6094/10.1017/S0008938900014023.
  • 56 .
    Schilling, René: ‚Kriegshelden‘. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813–1945. Paderborn 2002: Schöningh.
  • 57 .
    Dawson, Graham: Soldier Heroes. British Adventure, Empire and the Imagining of Masculinities. London 1994: Routledge.
  • 58 .
    Adams, Jon Robert: Male Armor. The Soldier-Hero in Contemporary American Culture. Charlottesville 2008: University of Virginia Press; Wendt, Simon (Hg.): Warring over Valor. How Race and Gender Shaped American Military Heroism in the Twentieth and Twenty-First Centuries. New Brunswick 2019: Rutgers University Press.
  • 59 .
    Braudy: From Chivalry to Terrorism, 2005.
  • 60 .
    Vgl. Gudehus, Christian / Christ, Michaela (Hg.): Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2013: Metzler; Heitmeyer, Wilhelm / Hagan, John (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2002: VS Verlag für Sozialwissenschaften; Heitmeyer, Wilhelm / Soeffner, Hans-Georg (Hg.): Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme. Frankfurt a. M. 2004: Suhrkamp; Liell, Christoph (Hg.): Kultivierungen von Gewalt. Beiträge zur Soziologie von Gewalt und Ordnung. Kultur, Geschichte, Theorie. Band 2. Würzburg 2004: Ergon; Trotha, Trutz von (Hg.): Soziologie der Gewalt. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderhefte 37. Opladen 1997: Westdeutscher Verlag.
  • 61 .
    Vgl. Katschnig-Fasch, Elisabeth: „Zur Genese der Gewalt der Helden“. In: Rolshoven, Johanna / Krause, Toni Janosch / Winkler, Justin (Hg.): Heroes – Repräsentationen des Heroischen in Geschichte, Literatur und Alltag. Bielefeld 2018: Transcript, 21-40.
  • 62 .
    Ein Sammelband zum Thema „Gewalt und Heldentum“ ist in Vorbereitung.
8. Weiterführende Literatur
  • Adams, Jon Robert: Male Armor. The Soldier-Hero in Contemporary American Culture. Charlottesville 2008: University of Virginia Press.

  • Baberowski, Jörg: Räume der Gewalt. Frankfurt a. M. 2015: S. Fischer.

  • Beck, Teresa Koloma / Schlichte, Klaus: Theorien der Gewalt zur Einführung. Hamburg 2015: Junius.

  • Behrenbeck, Sabine: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Rituale und Symbole. Vierow bei Greifswald 1996: SH-Verlag.

  • Braudy, Leo: From Chivalry to Terrorism. War and the Changing Nature of Masculinity. New York 2005: Vintage Books.

  • Brink, Cornelia / Falkenhayner, Nicole / von den Hoff, Ralf (Hg.): Helden müssen sterben. Würzburg 2019: Ergon.

  • Dawson, Graham: Soldier Heroes. British Adventure, Empire and the Imagining of Masculinities. London 1994: Routledge.

  • Gestrich, Andreas (Hg.): Gewalt im Krieg. Ausübung, Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20. Jahrhunderts. Münster 1996: Lit.

  • Goltermann, Svenja: Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne. Frankfurt a. M. 2017: S. Fischer.

  • Gudehus, Christian / Christ, Michaela (Hg.): Gewalt. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2013: Metzler.

  • Heitmeyer, Wilhelm / Hagan, John (Hg.): Internationales Handbuch der Gewaltforschung. Wiesbaden 2002: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

  • Heitmeyer, Wilhelm / Soeffner, Hans-Georg (Hg.): Gewalt. Entwicklungen, Strukturen, Analyseprobleme. Frankfurt a. M. 2004: Suhrkamp.

  • Liell, Christoph (Hg.): Kultivierungen von Gewalt. Beiträge zur Soziologie von Gewalt und Ordnung. Kultur, Geschichte, Theorie. Band 2. Würzburg 2004: Ergon.

  • Popitz, Heinrich: Phänomene der Macht. Tübingen 1992: J.C.B. Mohr (P. Siebeck).

  • Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg 2013: Hamburger Edition, HIS.

  • Rolshoven, Johanna / Krause, Toni Janosch / Winkler, Justin (Hg.): Heroes – Repräsentationen des Heroischen in Geschichte, Literatur und Alltag. Bielefeld 2018: Transcript.

  • Trotha, Trutz von (Hg.): Soziologie der Gewalt. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie Sonderhefte 37. Opladen 1997: Westdeutscher Verlag.

  • Watanabe-O’Kelly, Helen: Beauty or Beast? The Woman Warrior in the German Imagination from the Renaissance to the Present. Oxford 2010: Oxford University Press.

  • Wendt, Simon (Hg.): Warring over Valor. How Race and Gender Shaped American Military Heroism in the Twentieth and Twenty-First Centuries. New Brunswick 2019: Rutgers University Press.

  • Zimmermann, Martin: Gewalt. Die dunkle Seite der Antike. München 2013: Deutsche Verlags-Anstalt.

9. Abbildungsnachweise

Teaserbild: Francisco de Goya: Los Desastres de la Guerra. Blatt 31: „Fuerte cosa es!“, ca. 1810–1813, Radierung, Aquatinta und Kaltnadelradierung, 155 x 204 mm, London, British Museum, Inv.-Nr. 1975,1025.421.33.
Quelle: Trustees of the British Museum
Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA 4.0

Zitierweise

Brink, Cornelia / Gölz, Olmo: „Gewalt und Heldentum“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 26.04.2019. DOI: 10.6094/heroicum/gewd1.0