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Erinnerung und Gedächtnis

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1. Einleitung

In den Erinnerungskulturen vieler Gemeinschaften haben heroische Figuren einen großen Stellenwert.1 Wie kaum ein anderer Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses sind vergangene Helden dafür prädestiniert, die Selbstbeschreibung von Gemeinschaften zu informieren und kollektive Identitäten zu stiften. In historischen Narrativen erscheinen sie als Akteure, die mit ihrer agency das Geschehen prägen.2 Geschichte wird durch das Erinnern von Helden sinnhaft gestaltet und gemeinsam erfahrbar. Die Vergegenwärtigung der Taten und der Opfer, die Helden für ihre Gemeinschaften erbrachten, trägt maßgeblich zur Etablierung und Legitimierung von Norm- und Wertsystemen bei. Neben solchen „kulturautobiographischen“ Funktionen3 (A. Erll) für die interne Selbstverständigung von Gemeinschaften kann das Erinnern von Helden auch dem externen boundary work dienen, indem sich verschiedene Gemeinschaften anhand ihrer konkurrierenden Erinnerungskulturen des Heroischen voneinander abgrenzen.4

Zwischen der ⟶Heroisierung einer Figur und ihrer späteren Erinnerung besteht ein enger wechselseitiger Zusammenhang. Zum einen muss der heroische Status einer Figur im historischen Verlauf immer wieder neu begründet werden, weil sie andernfalls ihren Heldenstatus rasch einbüßen oder ganz vergessen werden kann. Eine erfolgreiche Heroisierung ist daher als ein Prozess zu denken, bei dem das Narrativ des Helden kontinuierlich erinnert, neu kontextualisiert und adaptiert wird. Zum anderen sind die sozialen Praktiken und die Medien, in denen sich das Heldenerinnern vollzieht, darauf ausgerichtet, den aktiven Prozess der Verehrung und Heroisierung einer Figur über lange Zeiträume hinweg zu perpetuieren. Dies gelingt nur unter der Bedingung, dass die Erinnerung an Helden stets im Hinblick auf die Situation der Erinnernden aktualisiert wird und dadurch fortdauernde Relevanz bewahrt. Heldenerinnerungen können folglich keine ‚originalgetreuen‘ Reproduktionen vorgängiger Heroisierungen sein. Vielmehr ist das Heldenerinnern – wie andere Phänomene des Erinnerns auch – ein von den Erinnernden geleisteter, rekonstruktiver Akt, der den Gegenwartsbezug von Heroisierungen immer wieder neu herstellt.5

Daneben existieren weitere Formen von Heldenerinnerungen, die nicht an die fortdauernde, aktive Heroisierung einer Person gebunden sind. Einen bedeutenden Bereich des Heldengedächtnisses bildet insbesondere das historiographische, nicht (mehr) affektbesetzte Wissen um Heldenfiguren früherer Epochen oder fremder Gemeinschaften. Auch narrative Modelle, Repräsentationsschemata, Gattungskonventionen, Verehrungsrituale und affektive Arrangements6 prägen das Erinnern von Helden und ihrer Geschichten und sind als „kulturprozedurales Wissen“7 (A. Erll) im kulturellen Gedächtnis von Gemeinschaften verankert.

2. Begriffsklärung: Erinnern, Gedächtnis, Gedenken, Erinnerung

Es bietet sich an, die differenzierte Terminologie der kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung für die Beschreibung von Heroisierungsprozessen zu adaptieren.8 Als das Erinnern von Helden sollen im Folgenden all jene Prozesse bezeichnet werden, durch die heroisierte Figuren im Wissensbestand einer Gemeinschaft aktualisiert und vor dem Vergessen bewahrt werden. Dazu zählen diffuse, spontane Ereignisse (etwa die individuelle Lektüre von Heldenerzählungen) ebenso wie geplante und kollektive Akte des Erinnerns (z. B. Zeremonien und Gedenktage). Im öffentlichen Diskurs wird häufig der Begriff des Heldengedenkens zur Benennung solcher sozialen Praktiken verwendet. Hier soll er allerdings nur solche Praktiken des Erinnerns bezeichnen, die durch einen besonders hohen Grad an Ritualisierung und Institutionalisierung gekennzeichnet sind.

Das Heldengedächtnis ist die Gesamtheit aller sozialen, mentalen und medialen Strukturen, die das Erinnern von Helden überhaupt erst ermöglichen. Analog zum Gedächtnisbegriff der Kulturwissenschaften kann auch das Heldengedächtnis weiter differenziert und auf verschiedenen Ebenen beschrieben werden. Jan Assmanns Unterscheidung von „individuellem Gedächtnis“, „kommunikativem Gedächtnis“ und „kulturellem Gedächtnis“ ist mühelos zu übertragen, weil das Heldengedächtnis ebenso an die kognitiv-mentalen Zuständen einzelner Personen gebunden sein kann wie an die flüchtige Alltagskommunikation spezifischer Gruppen oder an dauerhafte und normierende Institutionen.9

Astrid Erll schlägt dagegen vor, den abstrakten Begriff des Gedächtnisses um das konkretere Konzept der Erinnerungskulturen zu ergänzen. Das kollektive Heldengedächtnis, so lässt sich im Anschluss an Erll formulieren, findet seine Ausprägung in spezifischen Erinnerungskulturen des Heroischen, die – in Anlehnung an die kultursemiotische Begriffstrias von ‚Text‘, ‚Zeichenbenutzer‘ und ‚Code‘ – über eine materiale, eine soziale und eine mentale Dimension verfügen. Zur materialen Dimension zählen die kulturellen Objektivationen und Medien, in denen das (Helden-)Gedächtnis codiert wird. Unter der sozialen Dimension versteht Erll Personen, Praktiken, Institutionen und andere Träger des Gedächtnisses. Die mentale Dimension schließlich erfasst alle „kulturspezifischen Schemata und kollektiven Codes“, über welche die Mitglieder einer Gemeinschaft verfügen müssen, um Helden erinnern zu können oder ihre Erinnerungen in Medien zu codieren.10 (Siehe auch 4. Konkurrierende Erinnerungskulturen des Heroischen.)

Die Gedächtnisforschung sowohl Assmannscher als auch Erllscher Prägung betont die zentrale Rolle von Gedächtnismedien, in denen das Gedächtnis codiert ist.11 Auch für das Erinnern von Helden ist der mediale Aspekt von besonderer Bedeutung. Das Wissen um heroisierte Figuren kann sich sowohl in materiellen Medien (z. B. in Denkmälern) als auch immateriell (z. B. in mündlichen Erzählungen) manifestieren. Einen besonderen Fall stellen soziale Praktiken des Heldenerinnerns dar, die zugleich als Gedächtnismedien betrachtet werden können, weil im Prozess des Erinnerns auch ein spezifisches Wissen über die Helden vermittelt wird – dies betrifft vor allem performative Formen des Heldenerinnerns wie z. B. die schiitischen taʿziyeh-Aufführungen. Es liegen inzwischen Ansätze zu einer typologischen Beschreibung der Gedächtnismedien des Heroischen vor, die über die selektive Analyse bestimmter Einzelmedien – man denke etwa an das intensive Interesse der Gedächtnisforschung für Kriegsdenkmäler – hinausweisen. (Vgl. dazu 5. Gedächtnismedien des Heroischen.)

Als Heldenerinnerung schließlich bezeichnen wir das Ergebnis der Prozesse des Erinnerns, d. h. das auf Grundlage des Heldengedächtnisses aktualisierte Wissen und die Vorstellungen, die eine Gemeinschaft von einer (vergangenen) heroischen Figur hat. Da wir das Erinnern von Helden als eine Rekonstruktionsleistung mit starkem Gegenwartsbezug auffassen, ist auch die resultierende Heldenerinnerung an die historischen Umstände und an den situativen Kontext geknüpft, in denen sich die erinnernde Gemeinschaft befindet. Eine Heldenerinnerung ist folglich eine spezifische, kontextgebundene Konfiguration des gemeinschaftlichen Wissens über eine heroische Figur. Ebenso wie ihr historischer Moment ist die Heldenerinnerung vergänglich. Doch kann das Bild, das sich eine Gemeinschaft von einem vergangenen Helden macht, selbst Gegenstand des kollektiven Gedächtnisses werden und damit einen Bezugspunkt für nachfolgende Prozesse des Heldenerinnerns bilden.

3. Heldenerinnern als Wiederholungszyklus
3.1. Wiederholen und Vergessen

Im Sinne einer heuristischen Annäherung soll hier das Heldenerinnern als ein zyklischer Prozess mit drei distinkten Phasen modelliert werden: 1) Die erfolgreiche Heroisierung einer Figur wird 2) mithilfe eines der Systeme des kollektiven Gedächtnisses und seiner Medien an eine spätere Gemeinschaft tradiert, die 3) das überlieferte Heldennarrativ so rekonstruiert und adaptiert, dass es Relevanz für die gegenwärtige Situation der Gemeinschaft erhält. Das modifizierte Heldennarrativ kann dann die Grundlage für eine erneute, mehr oder weniger stark veränderte Heroisierung der Figur bilden und so einen neuen Zyklus des Erinnerns anstoßen. In einem solchen Prozessmodell erscheinen Heldenerinnerungen als ‚Wiederholungen‘ früherer Heroisierungen. Wiederholung ist dabei ausdrücklich nicht als identische Reproduktion zu verstehen, sondern im Sinne von ‚Iteration‘ (E. Husserl) als kontinuierliche Aktualisierung und Modifikation vorheriger Wiederholungsstufen.12

Die Heroisierung einer Figur führt nicht zwangsläufig zu einem Erinnerungszyklus. Da die Kapazität des kollektiven Gedächtnisses begrenzt ist, wird eine heroisierte Figur in vielen Fällen rasch wieder vergessen. Mit Aleida Assmann lassen sich zwei Typen des Vergessens unterscheiden: Im Regelfall handelt es sich um ein „passives“, nicht-intentionales Vergessen, bei dem die heroisierte Figur die Aufmerksamkeit der Gemeinschaft verliert, etwa weil sie nicht mehr auf eine Weise rekonstruiert werden kann, die gegenwärtige gesellschaftliche Relevanz verbürgt.13 Falls Zeugnisse des Helden materiell erhalten bleiben, kann es aber später zu einer Wiederentdeckung kommen. Darüber hinaus besteht die Gefahr des „aktiven“ Vergessens, d. h. von Zensur- oder Gewaltakten, die das Erinnern von Helden gezielt unterdrücken, Informationen löschen oder Gedächtnismedien unwiederbringlich zerstören.

3.2. Modi des kollektiven Gedächtnisses

Der ‚Wiederholungsprozess‘ des Heldenerinnerns setzt nur ein, wenn die Heroisierung den Selektionskriterien des kollektiven Gedächtnisses genügt. Mit Aleida Assmanns Unterscheidung von „Kanonisierung“ und „Archivierung“ lassen sich zwei Modi des kollektiven Gedächtnisses identifizieren, die wesentlich an der Selektion und Tradierung einer Heroisierungen beteiligt sind.14

3.2.1. Kanonisierung

Unter dem Kanon versteht Aleida Assmann „the active dimension of cultural memory [which] supports a collective identity and is defined by a notorious shortage of space“.15 Der Kanon umfasse die kleine Zahl von normativen und formativen Texten, Orten, Personen, Artefakten und Mythen, die von einer Gemeinschaft in einem rigorosen Selektionsprozess bestimmt werden und über Generationen hinweg zirkulieren.16 Im Anschluss an Assmann lässt sich thesenhaft zuspitzen, dass heroische Figuren aus mehreren Gründen ein verbreitetes und privilegiertes Element zahlreicher canones darstellen. Sie erfüllen die Selektionskriterien des Kanons insbesondere dann, wenn sie als Exempla für Werte und Normen fungieren, denen eine kontinuierliche gesellschaftliche Relevanz zukommt. Als Träger eine starken agency stehen sie nicht nur im Mittelpunkt kanonischer Narrative, Mythen und Erinnerungsorte, sondern verleihen diesen eine personale Gestalt und ein ‚Gesicht‘.

Vice versa wird ein in den Kanon aufgenommener Held von der Gemeinschaft deshalb aktiv erinnert, weil sie ihm Relevanz zuspricht und ihn als einen anschlussfähigen Referenzpunkt für gegenwärtige Diskurse identifiziert. Institutionelle Absicherungen, kulturelle Normen und symbolische Akte tragen dazu bei, kanonisierte Helden im Bewusstsein der Angehörigen einer Gemeinschaft präsent zu halten. Die Kanonisierung verbürgt somit einen kontinuierlichen Prozess der ‚Wiederholung‘, durch den die Heroisierung der Figur immer wieder affirmiert und ggf. an sich verändernde Umstände adaptiert wird. Erst auf dieser Grundlage kann ein Held und der ggf. mit ihm verbundene moralische Appell eine anhaltende Wirkung entfalten. Der Kanon als ‚Arbeitsspeicher‘ einer Gemeinschaft kann jedoch aufgrund seiner geringen Kapazität nur eine begrenzte Zahl von Helden aufnehmen.

3.2.2. Archivierung

Im Bereich zwischen dem aktiv gepflegten Kanon und dem Vergessen situiert Aleida Assmann die „institutions of passive cultural memory“. Die zentrale und paradigmatische Institution des passiven Gedächtnisses ist das Archiv: „What is stored in historical archives is materially preserved and cataloged; it becomes part of an organizational structure, which allows it to be easily sourced.“17 Auch das Wissen um heroische Figuren früherer Zeiten wird im Archiv konserviert und für eine spätere Reaktivierung verfügbar gehalten. Archivierten Helden sind also für die Gemeinschaft nicht verloren, sie tragen das Potential in sich, wieder in einen ‚Wiederholungszyklus der Heroisierung‘ einzutreten. Doch solange das Wissen über sie im Archiv aufbewahrt wird, erscheinen sie als ‚vergangene Helden‘, denen weder eine soziale Relevanz noch eine Wirkung in der Gegenwart zuerkannt wird – sie haben keinen Platz im kollektiven Bewusstsein einer Gemeinschaft. Das Wissen um die archivierten Helden und ihre materiellen Zeugnisse werden nur von einigen wenigen Spezialisten (Archivare, Bibliothekare, Forscher) gepflegt. Als Speichergedächtnis verfügt das Archiv zwar nicht über eine unbeschränkte, aber doch wesentlich größere Kapazität als der Kanon, die mit dem technologischen Fortschritt der Speichermedien stetig zunimmt.

3.2.3. Latenz

Ein Nachteil der binären Konzeption von Kanon und Archiv ist, dass das all jene Phänomene des kollektiven Gedächtnisses unterbelichtet bleiben, die im breiten Bereich zwischen den beiden Polen angesiedelt sind. Nicht alle Varianten des Heldengedächtnisses lassen sich eindeutig dem aktiven oder dem passiven Gedächtnis einer Gemeinschaft zuordnen. So wirkte in einigen postkolonialen Gesellschaften die Erinnerung an die europäische Kolonialherren und -helden fort, obwohl diese im Zuge der ⟶Dekolonisation durch symbolische Akte des ‚aktiven Vergessens‘ wie z. B. das Stürzen von Statuen aus dem Kanon getilgt worden waren. Als sich das politische Klima seit den 1990er-Jahren wandelte, wurden einige der gestürzten Kolonialhelden schnell wiederbelebt und erneut kanonisiert. Dies war möglich, weil das Wissen um die ehemaligen Helden noch nicht ins Archiv transferiert war und mühsam reaktiviert werden musste, sondern in einem Zustand der Latenz im Bewusstsein mancher postkolonialen Gesellschaften fortwirkte.

Der Begriff der ‚Latenz‘ bietet sich zur Bezeichnung jener Formen des Erinnerns an, die zwischen die Funktionsmodi des Kanons und Archiv fallen.18 Die latente Erinnerung an eine heroische Figur entfaltet durchaus eine aktive Wirkung auf eine Gemeinschaft und ihre Vorstellung des Heroischen. Doch hat ein latent erinnerter Held nicht die ubiquitäre Präsenz und den normativen Status seines kanonisierten Gegenparts. Das latente Wissen um vergangene Helden ist weder verbindlich noch wird es zielgerichtet durch soziale Praktiken und Institutionen bewahrt. Im Gegenteil ist es manchmal – etwa im Falle der kollektiven ‚Verdrängung‘ (S. Freud)19, der ‚Normativen Inversion‘ (J. Assmann)20 oder der Heterodoxie – gerade der Ausschluss aus dem Kanon, der latente Helden hervorbringt. Latent erinnerte Helden bewahren ihre soziale und kommunikative Anschlussfähigkeit. Sie bergen daher das Potential, rasch wieder Präsenz zu erlangen und (ggf. erneut) kanonisiert zu werden. Prozesse der Latenz umfassen den weiten Bereich zwischen Kanon und Archiv und sind nicht auf eine spezifische Gedächtnispraxis zu reduzieren: Das latente Wissen um Helden kann z. B. im kommunikativen Gedächtnis einer Gemeinschaft tradiert, von einer kleinen Gruppe innerhalb der Gemeinschaft gepflegt oder durch Aufstellung eines Gegenkanons bewahrt werden; es kann Eingang in populäre Narrative finden oder als Präfigurat ein Muster für neue Heroisierungen bieten.

4. Konkurrierende Erinnerungskulturen des Heroischen

Der Assmannsche Ansatz präsupponiert eine mehr oder weniger homogene Gemeinschaft, deren Mitglieder an einem gemeinsamen Gedächtnis partizipieren. Kritiker haben daher gegen den Begriff des kollektiven Gedächtnisses eingewandt, dass er unzureichend die Machtinteressen verschiedener sozialer Gruppen reflektiere, die bei der Konstruktion einer verbindlichen Vergangenheit miteinander konkurrieren.21 Dies könne dazu führen, dass hegemoniale Erinnerungskulturen legitimiert und andere Erinnerungsgemeinschaften marginalisiert würden – ein methodologisches Problem, das bis zu den Anfängen der Gedächtnisforschung zurückreicht und einflussreiche Konzepte wie Maurice Halbwachs’ mémoire collective ebenso wie Pierre Noras lieux de mémoire durchzieht.22

Nicht zuletzt in Reaktion auf dieses Problem entwarfen um die Jahrtausendwende Astrid Erll und der Gießener Sonderforschungsbereich 434 ein Modell pluraler Erinnerungskulturen.23 Es geht von der Prämisse aus, dass „es in jeder Gesellschaft eine Vielzahl koexistenter, häufig konkurrierender Erinnerungsgemeinschaften“ gebe.24 Das kollektive Gedächtnis finde seine Ausprägung in den spezifischen Erinnerungskulturen dieser Gemeinschaften25, die – so Erlls Vorschlag – sich mithilfe eines kultursemiotischen Modells differenzieren und beschreiben lassen: Jede der vielen Erinnerungskulturen in einer Gesellschaft sei charakterisiert durch eine bestimmte Konfiguration von Trägerinstitutionen des Gedächtnisses („soziale Dimension“), Gedächtnismedien und -artefakten („materiale Dimension“) sowie erinnerungskulturellen Schemata und Codes („mentale Dimension“).26

Gerade heroische Figuren, die für Gemeinschaften starke identitätsstiftende Funktionen erfüllen, sind häufig Gegenstand von Konkurrenzen zwischen Erinnerungskulturen. Eine Person kann von einer Gruppe als ‚ihr‘ Held erinnert werden, während sie von einer anderen Gemeinschaft aus dem Gedächtnis ausgeschlossen oder nur als Antagonist zu einer eigenen heroischen Figur im Bewusstsein gehalten wird.27 Anders als mit dem Assmannschen Modell von Kanon und Archiv lässt sich mit dem Konzept pluraler Erinnerungskulturen erfassen, dass heroische Figuren polarisieren, dass sie von verschiedenen Gruppen auf unterschiedliche Weise erinnert werden und dass solche divergierenden Tradierungsmodi das Resultat von Aushandlungsprozessen und Interessenkämpfen sind. Damit rückt in den Blick, dass die dem Helden zugeschriebene agonale Leistung ihre Entsprechung in den Konkurrenzen zwischen Erinnerungskulturen hat: Ebenso wie der Held sich gegen einen Antagonisten behaupten musste, bemüht sich seine Verehrergemeinschaft darum, ihre Erinnerung des Helden gegen andere Gemeinschaften durchzusetzen.

Mit Erll lassen sich zwei Grundvarianten von Erinnerungskonkurrenzen beschrieben. Zum einen führt die synchrone Pluralität von Erinnerungskulturen häufig zu einer Auseinandersetzung zwischen koexistierenden Gemeinschaften, wer die Deutungshoheit über die Vergangenheit beanspruchen kann: „Trotz der grundsätzlichen Annahme synchroner Pluralität muss jedoch davon ausgegangen werden, dass zur Erinnerung im Modus des kulturellen Gedächtnisses eine Tendenz gehört, die so produzierte Vergangenheitsversion als allein gültige darzustellen. Kulturelles Gedächtnis zielt auf Hegemonie ab, denn durch Erinnerung im Rahmen der kulturellen Gedächtnisses werden zentrale Fragen von für die Gesellschaft vitalem Interesse und mit weitreichenden politischen Folgen verhandelt.“28

Zum anderen resultieren soziale Wandlungsprozesse in einer diachronen Pluralität zwischen Erinnerungskulturen. Da das (Helden-)Erinnern in Bezug zu gegenwärtigen Herausforderungen einer Gemeinschaft steht, verändern sich die Gegenstände, Intentionen, Praktiken und Medien des Erinnerns mit der Zeit. Nicht selten bedürfen solche Veränderungen einer diskursiven Auseinandersetzung und Legitimierung innerhalb der Gemeinschaft, etwa wenn ein Held aus dem ‚Kanon‘ entfernt oder althergebrachte Rituale des Erinnerns ersetzt werden. Doch können vergangene und überholte Erinnerungskulturen auch als Folie dienen, von der man sich bewusst absetzt und die eigene Perspektive auf die Vergangenheit profiliert. Nach politischem Umbrüchen, aber auch im einfachen Wechsel der Generationen sind diachrone Konkurrenzen zwischen Erinnerungskulturen des Heroischen nicht selten zu beobachten.29

Warum nun stehen heroisierte Figuren so häufig im Zentrum erinnerungspolitischer Debatten? Erll unterscheidet verschiedene „Gedächtnissysteme“, in denen sich Akte des Erinnerns realisieren können. Relevant im Hinblick auf heroische Figuren erscheint insbesondere das „kulturautobiographische Gedächtnis“, worunter all jene Formen des Erinnerns zusammenfasst sind, die der Selbstbeschreibung von Gesellschaften dienen30: „Durch kulturautobiographische Erinnerungsakte werden kollektive Identitäten gestiftet, Zeiterfahrung sinnhaft gestaltet, Werte- und Normsysteme etabliert.“31 All diese Funktionen werden von heroischen Figuren im idealtypischen Fall erfüllt: Helden bilden einen „gestalthaften Fokus“ gesellschaftlicher Selbstverständigung32; sie erscheinen in historischen Narrativen als zentrale Akteure, die mit ihrer agency das Geschehen prägen und zur Identifikation einladen33; ihnen werden ⟶Taten und Opfer zugeschriebenen, die maßgeblich zur Etablierung und Legitimierung von Norm- und Wertsystemen beitragen. Über Erlls Funktionszuschreibungen hinaus ist auch das mit heroischen Figuren verbundene „boundary work“ – d. h. die Selbstdefinition einer Gemeinschaft durch die Konstruktion einer Außengrenze zu anderen Gemeinschaften mit distinkten Wertsystemen und Heldenfiguren – eine bedeutende gruppenkonstituierende Leistung. Heroische Figuren erscheinen damit als geradezu ideale Gegenstände des für Gemeinschaften so wichtigen und daher intensiv verhandelten ‚kulturautobiographischen‘ Gedächtnisses.

5. Gedächtnismedien des Heroischen

Das Heldenerinnern vollzieht sich auf allen von der Gedächtnisforschung unterschiedenen Ebenen der Wissenstradierung: Sie haben ihren Platz im ‚individuellen Gedächtnis‘ einzelner Menschen, im informellen und flüchtigen ‚kommunikativen Gedächtnis‘ sozialer Kollektive sowie im institutionalisierten, auf Dauerhaftigkeit ausgerichteten ‚kulturellen Gedächtnis‘ von Gemeinschaften.34 Mit den verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen korrespondiert eine Vielzahl medialer Realisationsformen. Diese reichen von individuellen, formlosen Konversationen und idiosynkratischen Riten bis hin zu formellen Zeremonien und formalisierten künstlerischen Repräsentationen in Bildender Kunst, Architektur, Literatur, Musik, Theater. Religiöse Praktiken wie die Pilgerreise und das Ausstellen von Reliquien35 können ebenso als Medien der Heldenerinnerns betrachtet werden wie bestimmte Formen von staatlichen Handelns, etwa die Benennung öffentlicher Orte36 und die Festlegung von Gedenk- und Feiertagen. In jüngerer Zeit vollzieht sich ein bedeutender Teil des Heldenerinnerns in massenkulturellen Medien wie Journalismus, Fotografie, Film und dem World Wide Web.

In der Forschung mangelt es bislang an umfassenden, systematischen Studien zum Phänomen des Heldenerinnerns. (Siehe 6. Forschungsstand und -perspektiven.) Doch gibt es in der Heldenforschung Versuche, die für das Heldenerinnern relevanten Praktiken und Medien typologisch zu erfassen und ihre spezifischen Funktionsweisen zu bestimmen. Produktiv erscheinen insbesondere die Ansätze von Bernhard Giesen und Laleh Khalili, die im Folgenden skizziert werden.

5.1. Place, face, voice (Giesen 2004)

Ausgangspunkt der von Bernhard Giesen (Triumph and Trauma, 2004) entwickelten Typologie ist die Beobachtung, dass es sich bei Heroisierungen um fragile Konstrukte handelt, für deren Perpetuierung abhängig vom sozialen und kulturellen Kontext verschiedene Arten von Erinnerungspraktiken notwendig sind.37 Giesen unterscheidet drei Typen solcher „Rituals of remembrance“, die der erinnernden Gemeinschaft jeweils einen bestimmten Aspekt des erinnerten Helden vergegenwärtigen.38

Rituale des Ortes (the place of the hero) markieren den Ort eines Helden in der Gemeinschaft. In der Regel nehmen lokale Praktiken des Erinnerns Bezug auf bedeutende biographische Stationen einer heroisierten Figur, etwa auf den Geburts-, Wohn- oder Sterbeort, auf den Raum seines Wirkens oder die Stelle seiner Heldentat. Nicht selten ist das Grab des Helden ein bedeutender Erinnerungsort, der durch die Ausstellung von Reliquien noch an Anziehungskraft gewinnt. Die Wirkung solcher Erinnerungsorte resultiert Giesen zufolge aus ihrer zeitlichen Kontinuität und räumlichen Konzentration sowie ggf. aus der körperlichen Präsenz und materiellen Erfahrbarkeit von Reliquien und anderen Objekten, die mit dem Helden in Verbindung stehen. Insbesondere in lokalen Gemeinschaften können Erinnerungsorte das sakrale Zentrum einer Gemeinschaft bilden. Sie büßen jedoch mit zunehmender geographischer Verteilung der Verehrergemeinschaft an Wirkmacht ein. In supralokalen Gesellschaften reichen ortsbezogene Formen der Heldenerinnerung allein nicht aus, um Heroisierungen fortzuschreiben und eine kollektive Identität zu stiften.39

Unter dem Typus the face of the hero fasst Giesen symbolische und figurative Repräsentationen von Helden, die von allen materiellen Überresten entkoppelt sind. Dazu zählt er vor allem heraldische Zeichen, Denkmäler, Skulpturen und bildliche Darstellungen des Helden. Solche Repräsentationen des Helden ermöglichten auch in größeren territorialen Ordnungen eine gemeinschaftsstiftende Erinnerungskultur, sie seien jedoch im Vergleich zu materiellen Überresten einer gesteigerten Gefahr der Veralltäglichung und Deheroisierung ausgesetzt. Damit ein Held im aktiven Kanon des kulturellen Gedächtnisses bewahrt werden könne, müsse er möglichst konkret dargestellt werden. Daher werde es notwendig, den Helden als menschlichen Akteur mit einem wiedererkennbaren „Gesicht“ zu zeigen. Der Held kann jedoch auch auf abstraktere Weise identifiziert werden, etwa indem öffentliche Straßen und Plätzen nach ihm benannt werden. In der Regel gelte jedoch: Je abstrakter die Referenz auf den Helden, desto schneller werde er in das passive Archiv des Gedächtnisses transferiert.40

Als einen dritten Typus von Erinnerungspraktiken (the voice of the hero) identifiziert Giesen das Erzählen der Geschichte des Helden, seiner Werke, seiner Worte und seiner Botschaften.41 Der Held werde dabei sowohl von seinen materiellen Überresten als auch von seiner bildlichen Repräsentation entkoppelt. Nach Giesen erfüllen Erinnerungsformen vom Typ voice mehrere Funktionen: Sie dienen dazu, der Gemeinschaft bereits bekannte Erzählungen und Mythen erneut zu vergegenwärtigen und die kollektive Aufmerksamkeit zu steuern; sie modifizieren und re-interpretieren Heldennarrative, um sie an gegenwärtige Herausforderungen der Gemeinschaft zu adaptieren; sie erweitern den narrativen Bestand durch Ergänzung neuer Elemente und ganzer Erzählungen im Umfeld des Helden. Besondere Aufmerksamkeit widmet Giesen der Konstruktion von ‚Klassikern‘, d. h. den im kollektiven Gedächtnis verankerten Ideen und Werken von Kulturhelden.42

Eine Stärke der Typologie Giesens liegt darin, dass sie die Affinitäten von Gedächtnismedien, spezifischen Perspektivierungen des Helden und ihrer jeweiligen Leistung für die Konstruktion kollektiver Identitäten herausstellt: Verschiedene Praktiken des Erinnerns bergen in bestimmten sozialen Kontexten Vor- und Nachteile, die sie für die Perpetuierung heroischer Figuren besser disponieren als andere. Die von Giesen gewählten anthropomorphen Typenbezeichnungen place, face und voice stellen nicht nur generische Kategorien dar – wie z. B. die Unterscheidung materieller, visueller und narrativer Gedächtnismedien –, sondern verweisen auf den personalen, menschlichen Helden als Erinnerungsobjekt. Allerdings bietet Giesens Typologie nur ein recht grobes Raster, das jene Fälle schlecht erfasst, die von Giesens Typen erheblich abweichen – so z. B. rituell-performative Formen des Gedenkens, die das Erzählen (voice), das Zeigen (face) und die materielle Erfahrbarkeit (place) des Helden überblenden. Auch erwähnt Giesen die Bedeutung zeitlich-kalendarischer Gedächtnisformen43, integriert diese jedoch nicht seine Typologie. Eine mögliche Erweiterung von Giesens Typologie bestünde daher in der Ergänzung eine Kategorie time (analog zu place).

5.2. Formen und Inhalte des Heldenerinnerns (Khalili 2007)

Laleh Khalili (Heroes and Martyrs of Palestine, 2007) entwickelt in Ihrer Untersuchung der Erinnerungspraktiken in palästinensischen Flüchtlingslagern eine Typologie, die zwischen ‚Formen‘ und ‚Inhalten‘ des kollektiven Erinnerns unterscheidet und diese jeweils weiter differenziert.44 Khalili entwirft jedoch kein generalisiertes Modell, sondern basiert ihre Typologie auf den spezifischen, nationalistischen Erinnerungspraktiken vertriebener Palästinenser. Auch sind die von ihr unterschiedenen Praktiken des Erinnerns nicht ausschließlich auf Helden- und Märtyrerfiguren bezogen – die gleichwohl eine zentrale Rolle spielen –, sondern ebenso auf andere Objekte der nationalen Identifikation. Auf dieser Datengrundlage konstatiert Khalili, dass die Formen des Erinnerns in den vergangenen Jahrzehnten recht konstant geblieben seien, während sich die Inhalte schneller verändert hätten.45

Zu den Formen des Gedenkens zählt Khalili das mündliche Erzählen von Geschichte(n) (history-telling), Bilder (images), Schulbildung (pedagogy), schriftliche und elektronische Medien wie Zeitschriften, Fernsehen und SMS (paper and electronic media), die Namen von Orten und Personen (naming), die Organisation der Zeit in Kalendern und Feiertagen (organization of time), die Organisation von Orten des Erinnerns wie Museen und Denkmäler (organization of spaces) sowie zeremonielle Versammlungen (ceremonial gatherings).46 Khalili betont, dass all diese Formen des Gedenkens soziale Praktiken darstellten und durch ihre Narrativität charakterisiert seien: In ihnen würde historisches Geschehen narrativ organisiert und mit gesellschaftlicher oder politischer Bedeutung aufgeladen.47

In Bezug auf den Inhalt unterscheidet Khalili zwischen Narrativen des Heroischen, des Tragischen und der Standhaftigkeit (heroic, tragic, steadfastness). Heroische Narrative erinnern das Kollektiv an seine (zumindest behauptete) triumphale und ruhmreiche Vergangenheit, um die Mitglieder zum aktiven und mutigen Kampf für den finalen Sieg zu mobilisieren. Narrative der Standhaftigkeit stellen die Vergangenheit als eine Zeit des passiven Widerstands, des Durchhaltens und der Hoffnung dar. Tragische Narrative blenden Siege oder Episoden erfolgreichen Widerstands aus, fokussieren allein das vergangene Leid und lassen die Gemeinschaft als Opfer ohne agency erscheinen.48

Khalilis induktiv entwickelte Klassifikation bietet trotz ihrer Orientierung an einem sehr spezifischen Untersuchungsobjekt Chancen für eine generalisierte Typologie der Gedächtnismedien des Heroischen. Unklar bleiben jedoch die Funktionen, welche die Kombinationen aus bestimmten Medien und den in ihnen vermittelten Inhalten für eine Gemeinschaft erfüllen. Auch die Interdependenzen und Konjunkturen von Erinnerungspraktiken in verschiedenen gesellschaftlich-historischen Kontexten kann das Modell nicht erfassen.

5.3. Meta-Gedächtnismedien und selbstreflexives Heldenerinnern

In Gedächtnismedien wird häufig nicht nur ein Wissen über eine heroische Figur vermittelt und der Gemeinschaft ein materieller oder symbolischer Erfahrungsraum gestiftet. Auch der Prozess des Heldenerinnerns kann in ihnen selbstreflexiv thematisiert werden. Zugespitzt ließe sich von ‚Meta-Gedächtnismedien‘ sprechen, die ihr eigenes Funktionieren, ihre Darstellungsverfahren und ihre Intentionen aufdecken und ggf. problematisieren. Gegenstand der medialen Repräsentation ist dann nicht mehr nur der erinnerte Held in seinem spezifischen historischen Kontext, sondern das Relationengefüge aus vergangenem Helden, gegenwärtig Erinnernden, Publikum und Gegnern der Heroisierung. Auch die Praktiken des Erinnerns und der Umgang mit Gedächtnismedien werden häufig im Medium selbst gezeigt und reflektiert. Solche Autothematisierungen des Erinnerungsprozesses finden sich in graduellen Abstufungen in zahlreichen Gedächtnismedien des Heroischen: Erzählungen, Dichtungen, Bildende Kunst u. a. m. präsentieren heroische Figuren eingebettet in eine komplexe Erinnerungs- und Verehrungskultur. In der Regel sind es die Erinnernden selbst, die solche Gedächtnismedien des Heroischen erschaffen, um darin ihr besonderes Verhältnis zum erinnerten Helden zu profilieren. Ein instruktives Beispiel dafür bildet etwa die Ode an Napoleon Il cinque maggio (1821), die Alessandro Manzoni in Reaktion auf den Tod des französischen Kaisers verfasste und die von zahlreichen Dichtern (u. a. von Goethe, Friedrich de la Motte Fouqué und Paul Heyse) ins Deutsche übertragen wurde.49

Solche ‚Meta-Gedächtnismedien‘ sind für die Heldenforschung von besonderem Interesse, weil sich durch das Studium ihrer selbstreflexiven und selbstreferentiellen Repräsentationsverfahren Erkenntnisse über die Konstruktions- und Tradierungsprozesse von Heroisierungen in spezifischen historischen Kontexten gewinnen lassen. Dazu bedarf es jedoch der analytischen Aufschlüsselung der Gedächtnismedien. Als ein produktiver Ansatz soll hier eine ‚relationale Hermeneutik‘ vorgeschlagen werden, welche die Bedeutung und Funktion der Medien aus den Wechselbeziehungen zwischen Produzenten, Rezipienten, heroischer Figur und Darstellungsweisen erschließt. Dieses Deutungsmodell fragt insbesondere nach folgenden Aspekten von Gedächtnismedien des Heroischen:

Aus welchem Anlass wird der Held erinnert? Grundsätzlich unterscheiden lassen sich geplante Anlässe für die Heldenerinnerung (v.a. kalendarische Gedenktage, Jubiläen) von ungeplanten Anlässen. Zu letzteren kommt es in der Regel bei der Wiederentdeckung eines vergessenen Helden, bei der Reaktivierung eines Helden aus dem Gedächtnisarchiv oder bei der Manifestation einer bis dahin latenten Heroisierung.

Welche Rückschlüsse auf das Verhältnis von erinnerndem Subjekt und erinnertem Objekt können gezogen werden? Häufig werden in Gedächtnismedien die Affekte und Attitüden zwischen den Erinnernden und dem erinnerten Helden implizit oder explizit reflektiert. Das erinnernde Subjekt kann seine individuelle Einstellung zum Helden profilieren, indem es sie gegen die Erinnerungskulturen der Zeitgenossen (synchron) oder historische Verehrungspraktiken (diachron) kontrastiert. Die formale Gestaltung der Heldenerinnerung – wird der Held direkt adressiert? wird präsentisch oder retrospektiv berichtet? werden Verehrer und Publikum selbstreflexiv in die Darstellung einbezogen? – liefert Indizien, ob die Erinnernden sich in ein partizipatives oder ein distanzierendes Verhältnis zum Helden setzen.

Wie erfolgt die Objektdarstellung, d. h. wie wird der Held inhaltlich und formal präsentiert? Wie alle Formen der Heldendarstellung ist auch die erinnernde Rückschau zunächst von den formalen Möglichkeiten und Konventionen des gewählten Mediums abhängig – biographische Erzählungen bspw. setzen ein narratives Medium voraus, figurative Darstellungen des Helden hingegen ein visuelles. Inhaltlich eignet der Heldenerinnerung häufig ein selbstreflexives Element, so z. B. wenn die Trauer um einen verstorbenen Helden in die Erzählung seiner Geschichte eingeflochten wird. Zwei zentrale und medienübergreifende Aspekte der Repräsentation sind die Kontextualisierung und die Bewertung des Helden. Indem der Held in seinem historischen und sozialen Kontext gezeigt wird, tritt seine Bedeutung hervor – z. B. als Symptom oder Überwinder einer Krise, als Gestalter eines epochalen Moments oder als Wegbereiter eines neuen Zeitalters. Der Vergleich mit historischen und mythologischen Helden oder das Aufrufen von Präfiguraten kann darüber hinaus weitere Kontexte aktualisieren, welche die Deutung des Helden informieren. Eng verbunden mit der kontextualisierenden Deutung ist die Bewertung des erinnerten Helden, die grundsätzlich in einem Spannungsfeld von Individualisierung und Generalisierung erfolgt: Der Held erscheint als inkommensurables Individuum mit spezifischen Qualitäten oder als Vertreter eines generellen heroisch-messianischen Typus, aus dem sich seine Merkmale ableiten. Ambivalente Taten des Helden, seine Gewaltakte und Transgressionen müssen zunächst in einem ethischen oder metaphysischen Bezugsrahmen legitimiert werden, um als vorbildlich gewertet werden zu können. Die Wertungsunsicherheit kann ebenfalls selbstreflexiv im Medium zur Darstellung kommen.

Welche Funktionen erfüllt die Heldenerinnerung? Neben den allgemeinen sozialen Funktionen von Heroisierungen (z. B. moralischer Appell) und Gedächtnispraktiken (Stiftung von Kohäsion und kultureller Identität) erbringen Heldenerinnerungen spezifische Leistungen für die Gemeinschaft. Die Heldenerinnerung stabilisiert und perpetuiert die zugrundeliegende Heroisierung. Insofern neben einem Helden auch seine Antagonisten erinnert werden, sind manche Formen der Heldenerinnerung als kontinuierliches boundary work anzusehen, durch das eine Gemeinschaft ihr Wertesystem affirmiert und sich nach Außen abgrenzt. Heldenerinnerungen können aber auch kritisch-selbstreflexive Funktionen erfüllen, wenn der Held als personifizierte Kontrastrelation von Vergangenheit und Gegenwart zum Anker für Zeitkritik wird.

6. Forschungsstand und -perspektiven

Die Gedächtnisforschung hat in den letzten Jahrzehnten eine Vielzahl von exemplarischen und systematischen Studien zum kollektiven Gedächtnis hervorgebracht. Davon profitiert auch der Forschungsbereich des Heldenerinnerns. So liegen zahlreiche Fallstudien zur Erinnerung von Helden in bestimmten politischen oder geographischen Kontexten vor. Diese Untersuchungen gehören in der Regel einer von zwei Stoßrichtungen an: Eine erste Gruppe von Studien untersucht die Aufarbeitung traumatischer Ereignisse wie Kriege und den Umgang mit Gefallenen50, Genozide51 (Namibia52, Armenien53, Holocaust54, Ruanda55) oder den Umsturz politischer Systeme (das Ende des Sozialismus in Osteuropa56; die Dekolonisation afrikanischer und asiatischer Länder57). Eine zweite Gruppe von Studien zur Heldenerinnerung ist Bestandteil umfassender Werke, die sich – häufig nach dem Vorbild von Pierre Noras Lieux de mémoire – der Bestandsaufnahme, Katalogisierung und Archivierung nationaler Gedenkorte widmen und damit auch der Stabilisierung von kollektiven Identitäten dienen.58

Es mangelt jedoch, abgesehen von Ansätze im Werk Bernhard Giesens (Triumph and Trauma, 2004) und Laleh Khalilis (Heroes and Martyrs of Palestine, 2007) an systematisch-theoretischen Auseinandersetzungen mit dem Phänomen des Heldenerinnerns.

7. Einzelnachweise
  • 1 .
    Der vorliegende Beitrag verdankt sich zu großen Teilen den Diskussionen und Anregungen des Sonderforschungsbereichs 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“, insbesondere im Rahmen der Verbundarbeitsgruppe „Synthesen“.
  • 2 .
    Vgl. Schlechtriemen, Tobias: „The Hero and a Thousand Actors. On the Constitution of Heroic Agency“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 4.1 (2016), 17-32. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2016/01/03
  • 3 .
    Vgl. Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart 32017: Metzler, 102.
  • 4 .
    Vgl. Schlechtriemen, Tobias: „Der Held als Effekt. Boundary work in Heroisierungsprozessen“. In: Berliner Debatte Initial 29.1 (2018), 106-119.
  • 5 .
    Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 6: „Erinnerungen sind keine objektiven Abbilder vergangener Wahrnehmungen, geschweige denn einer vergangenen Realität. Es sind subjektive, hochgradig selektive und von der Abrufsituation abhängige Rekonstruktionen. Erinnern ist eine sich in der Gegenwart vollziehende Operation des Zusammenstellens (re-member) verfügbarer Daten.“
  • 6 .
    Slaby, Jan / Mühlhoff, Rainer / Wüschner, Philipp: „Affective Arrangements“. In: Emotion Review (2017), 1-10. DOI: 10.1177/1754073917722214
  • 7 .
    Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 103.
  • 8 .
    Die hier vorgeschlagene Begriffsdifferenzierung folgt weitgehend der Unterscheidung zwischen Erinnern, Erinnerung und Gedächtnis bei Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 6.
  • 9 .
    Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Assmann, Jan / Hölscher, Tonio (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988: Suhrkamp, 9-19.
  • 10 .
    Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 98-100.
  • 11 .
    Wir folgen Aleida Assmanns weitem Begriff des Gedächtnismediums, der neben technischen Medien, Schriften und Bildern auch Körper, Orte und andere externalisierte Gedächtnisträger umfasst; vgl. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Wandlungen des kulturellen Gedächtnisses. München 42009: C. H. Beck, besonders 19-21 und 149-339. Zu den materialen, sozialen und historischen Dimensionen der „Medien des kulturellen Gedächtnisses“ vgl. auch Erll, Astrid: „Medium des kollektiven Gedächtnisses: Ein (erinnerung-)kulturwissenschaftlicher Kompaktbegriff“. In: Erll, Astrid / Nünning, Ansgar (Hg.): Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität, Historizität, Kulturspezifität. Berlin 2004: De Gruyter, 3-22.
  • 12 .
    Vgl. Husserl, Edmund: Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins. Halle a. d. S. 1928: Niemeyer, 451. Online unter: https://freidok.uni-freiburg.de/data/5974 (Zugriff am 01.06.2018). Popularisiert wurde der Begriff der Iteration in jüngerer Zeit von Derrida, vgl. Derrida, Jacques: Randgänge der Philosophie. Hg v. Peter Engelmann. Wien 1988: Passagen, Kapitel „Signatur Ereignis Kontext“, 291-314.
  • 13 .
    Vgl. Assmann, Aleida: „Canon and Archive“. In: Erll, Astrid / Nünning, Ansgar (Hg.): Cultural Memory Studies. An International and Interdisciplinary Handbook. Berlin / New York 2008: De Gruyter, 97-107, 98. Assmann unterscheidet zwischen passivem und aktivem Vergessen und erläutert: „The passive form of cultural forgetting is related to non-intentional acts such as losing, hiding, dispersing, neglecting, abandoning, or leaving something behind. In these cases the objects are not materially destroyed; they fall out of the frames of attention, valuation, and use.“
  • 14 .
    Vgl. Assmann: „Canon and Archive“, 2008.
  • 15 .
    Assmann: „Canon and Archive“, 2008, 100.
  • 16 .
    Vgl. Assmann: „Canon and Archive“, 2008, 100.
  • 17 .
    Assmann: „Canon and Archive“, 2008, 102.
  • 18 .
    Der hier verwendete Begriff der Latenz ist nicht deckungsgleich, doch informiert vom sozialpsychologischen Konzept der Latenz bei Freud, Sigmund: Der Mann Moses und die monotheistische Religion. Frankfurt 1970 [1939]: Suhrkamp, 87-94, sowie der Kritik an Freuds Konzept durch Assmann, Jan: Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur. Wien 1998: Carl Hanser, 277-282. Daneben gibt es weitere, recht uneinheitliche Latenz-Konzepte in verschiedenen kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, vgl. dazu die Sammelbände von Diekmann, Stefanie / Khurana, Thomas: Latenz. 40 Annäherungen an einen Begriff. Berlin 2007: Kadmos; sowie Gumbrecht, Hans Ulrich / Klinger, Florian: Latenz. Blinde Passagiere in den Geisteswissenschaften. Göttingen 2011: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • 19 .
    Vgl. Freud: Der Mann Moses und die monotheistische Religion, 1970, 87-94.
  • 20 .
    Vgl. Assmann: Moses der Ägypter, 1998, 279.
  • 21 .
    Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 115.
  • 22 .
    Vgl. Erll, Astrid / Rigney, Ann: „Introduction: Cultural Memory and Dynamics“. In: Erll, Astrid / Rigney, Ann (Hg.): Mediation, Remediation, and the Dynamics of Cultural Memory. Berlin / New York 2009: De Gruyter, 1-11, besonders 2; sowie Knigge, Volkhard: „Erinnerung oder Geschichtsbewusstsein? Warum Erinnerung allein in eine Sackgasse für historisch-politische Bildung führen muss.“ In: Gedenkstätten Rundbrief 172 (12/2013), 3-15, besonders 7: „[Es] erscheinen kollektive Erinnerung und kollektives Gedächtnis weniger als natürliche Gebilde a priori harmonierender, gleichgerichteter Erinnerungen sondern vielmehr als – und das ist mit Durchmachtung gemeint – soziale und politische Konstruktion und Rhetorik von tonangebenden Gruppen und Medien, die selbstverständlich auch aktuellen Hegemonie-, Macht- und Herrschaftsinteressen folgen.“
  • 23 .
    Siehe insbesondere Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017. Erlls Arbeiten gingen unter anderem aus dem DFG-geförderten Sonderforschungsbereich 434 „Erinnerungskulturen“ hervor, der von 1997 bis 2008 an der Universität Gießen eingerichtet war. Siehe http://www1.uni-giessen.de/erinnerungskulturen/home/index.html (Zugriff am 20.08.2018).
  • 24 .
    Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 100.
  • 25 .
    Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 98.
  • 26 .
    Vgl. Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 98-100.
  • 27 .
    Schlechtriemen: „Der Held als Effekt“, 2018, 112: „[D]er Held der einen Gruppe stellt aus Sicht der anderen einen Verräter dar.“ Vgl. auch Giesen, Bernhard: „Zur Phänomenologie der Ausnahme: Helden, Täter, Opfer.“ In: Giesen, Bernhard: Zwischenlagen. Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit. Weilerswist 2010: Velbrück, 87.
  • 28 .
    Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 115.
  • 29 .
    Ein instruktives Beispiel für diachrone Erinnerungskonkurrenzen des Heroischen bietet der Umgang mit früheren Kolonialhelden in einigen postkolonialen Gesellschaften Afrikas und Asiens. Vgl. dazu im Compendium heroicum den Beitrag von Johanna Pink zur Dekolonisation.
  • 30 .
    Vom „kulturautobiographischen Gedächtnis“ unterscheidet Erll als weitere Gedächtnissysteme das „kultursemantische Gedächtnis“, welches vor allem der Wissensorganisation und –Speicherung dient, sowie das „kulturprozedurale Gedächtnis“, welche auf nicht-intentionalen, ungesteuerten Prozesse der Wissenstradierung bezogen ist. Vgl. dazu Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 102-104.
  • 31 .
    Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2017, 102.
  • 32 .
    von den Hoff, Ralf et al.: „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1.1 (2013), 7-14, hier 8. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03.
  • 33 .
    Vgl. Schlechtriemen: „The Hero and a Thousand Actors“, 2016.
  • 34 .
    Vgl. z. B. Assmann: „Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität“, 1988.
  • 35 .
    Vgl. Bader, Olaf B.: Grab und Herrschaft. Politischer Totenkult von Alexander dem Großen bis Lenin. München 2003: C. H. Beck; Bader, Olaf B.: „Neuer Sinn aus alten Knochen. Zur Konstruktion kollektiver Erinnerungen durch Gräberkulte“. In: Totenkulte. Kulturelle und literarische Grenzgänge zwischen Leben und Tod. Frankfurt / New York 2006: Campus, 23-35.
  • 36 .
    Vgl. Jaworski, Rudolf / Stachel, Peter (Hg.): Die Besetzung des öffentlichen Raumes. Politische Plätze, Denkmäler und Straßennamen im europäischen Vergleich. Berlin 2007: Frank & Timme.
  • 37 .
    Vgl. Giesen, Bernhard: Triumph and Trauma. Boulder / London 2004: Paradigm, 19.
  • 38 .
    Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 25-42.
  • 39 .
    Vgl. Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 28-31.
  • 40 .
    Vgl. Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 31-34.
  • 41 .
    Vgl. Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 34-36.
  • 42 .
    Vgl. Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 36-40.
  • 43 .
    Vgl. Giesen: Triumph and Trauma, 2004, 27.
  • 44 .
    Khalili, Laleh: Heroes and Martyrs of Palestine. The Politics of National Commemoration. Cambridge et al. 2007: Cambridge University Press.
  • 45 .
    Vgl. Khalili: Heroes and Martyrs of Palestine, 2007, 65.
  • 46 .
    Vgl. Khalili: Heroes and Martyrs of Palestine, 2007, 65-89.
  • 47 .
    Vgl. Khalili: Heroes and Martyrs of Palestine, 2007, 5.
  • 48 .
    Vgl. Khalili: Heroes and Martyrs of Palestine, 2007, 90-112.
  • 49 .
    Vgl. Blank, Hugo: Manzonis Napoleon-Ode in deutschen Übertragungen mit einem Beitrag von Vito R. Giustiniani. Bonn 1995: Romanistischer Verlag; Aurnhammer, Achim: „Manzoni, Alessandro“. In: Witte, Bernd (Hg.): Goethe-Handbuch. Bd. 4,2: Personen, Sachen, Begriffe L–Z. Stuttgart 1998: Metzler, 685-686.
  • 50 .
    Z. B. Hütt, Michael et al. (Hg.): Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Leiden und Sterben in den Kriegsdenkmälern des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Marburg 1990: Jonas; Koselleck, Reinhart / Jeismann, Michael (Hg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne. München 1994: Fink; Behrenbeck, Sabine: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Rituale und Symbole. Vierow 1996: SH-Verlag; Schilling, René: „Kriegshelden“. Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813–1945. Paderborn u. a. 2002: Schöningh; Echternkamp, Jörg: „Von Opfern, Helden, Verbrechern. Anmerkungen zur Bedeutung des Zweiten Weltkriegs in den Erinnerungskulturen der Deutschen 1945–1955“. In: Hillmann, Jörg / Zimmermann, John: Kriegsende 1945 in Deutschland. München 2002: Oldenbourg, 301-316; Wegan, Katharina: Monument – Macht – Mythos. Frankreich und Österreich im Vergleich nach 1945. Innsbruck et al. 2005: Studienverlag; Konradova, Natalja / Ryleva, Anna: „Helden und Opfer. Denkmäler in Rußland und Deutschland“. In: Osteuropa 4-6.55 (2005), 347-365; Münkler, Herfried: „Militärisches Totengedenken in der postheroischen Gesellschaft“. In: Hettling, Manfred / Echternkampf, Jörg: Bedingt erinnerungsbereit. Soldatengedenken in der Bundesrepublik. Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht, 22-30; Kurilo, Olga / Herrmann, Gerd-Ulrich (Hg.): Täter, Opfer, Helden. Der Zweite Weltkrieg in der weißrussischen und deutschen Erinnerung. Berlin 2008: Metropol; Nicole Kramer, Volksgenossinnen an der Heimatfront. Mobilisierung, Verhalten, Erinnerung, Göttingen 2011: Vandenhoeck & Ruprecht, besonders Kapitel IV („Männertod. Frauen als Kriegshinterbliebene“), 181-245; Koch, Jörg: Von Helden und Opfern. Kulturgeschichte des deutschen Kriegsgedenkens. Darmstadt 2013: WBG.
  • 51 .
    Vgl. allgemein die Beiträge zu Retter- und Widerstandsfiguren verschiedener Genozide in Semelin, Jacques / Andrieu, Claire / Gensburger, Sarah: Resisting Genocide. The Multiple Forms of Rescue. New York 2011: Columbia University Press.
  • 52 .
    Z. B. Förster, Larissa: Postkoloniale Erinnerungslandschaften. Wie Deutsche und Herero in Namibia des Kriegs von 1904 gedenken. Frankfurt a. M. 2010: Campus, besonders Kapitel 3, 154-174; Hillebrecht, Werner: „Hendrik Witbooi and Samuel Maharero: The Ambiguity of Heroes“. In: Silvester, Jeremy (Hg.): Re-viewing Resistance in Namibian History. Windhoek 2015: University of Namibia Press, 38-54.
  • 53 .
    Z. B. Marchand, Laure / Perrier, Guillaume: La Turquie et le fantôme arménien : sur les traces du genocide. Arles 2013: Actes Sud.
  • 54 .
    Z. B. Meckl, Markus: Helden und Märtyrer. Der Warschauer Ghettoaufstand in der Erinnerung. Berlin 2000: Metropol; Hallama, Peter: Nationale Helden und jüdische Opfer. Tschechische Repräsentationen des Holocaust. Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht.
  • 55 .
    Z. B. Hankel, Gerd: Ruanda. Leben und Neuaufbau nach dem Völkermord: wie Geschichte gemacht und zur offiziellen Wahrheit wird. Springe 2016: zu Klampen, besonders Kapitel III.1 „Die Gesellschaft bekommt Helden“, 184-196.
  • 56 .
    Sabo, Klaudija: Ikonen der Nationen. Heldendarstellungen im ‚post‘-sozialistischen Kroatien und Serbien. Berlin / Boston 2017: de Gruyter.
  • 57 .
    Z. B. die Beiträge in Jones, Max et al. (Hg.): Decolonising Imperial Heroes. Cultural legacies of the British and French Empires. London / New York 2016: Routledge; Pink, Johanna: „Dekolonisation“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 26.04.2018. DOI: 10.6094/heroicum/dekolonisation.
  • 58 .
    Nora, Pierre (Hg.): Les lieux de mémoire. 3 Bde. Paris 1984–1992: Gallimard; für andere Länder vgl. François, Étienne / Schulze, Hagen (Hg.): Deutsche Erinnerungsorte; Isnenghi, Mario (Hg.): I luoghi della memoria. Personaggi e date dell’Italia unita. Rom ²2011: Biblioteca Universale Laterza; sowie Nivat, Georges (Hg.): Les sites de la mémoire russe. Noch spezifischer als Nora nimmt die französische Helden-Erinnerung in den Blick Amalvi, Christian: Les Héros des Français. Controverses autour de la mémoire nationale. Paris 2011: Larousse.
8. Ausgewählte Literatur
  • Assmann, Aleida: „Canon and Archive“. In: Erll, Astrid / Nünning, Ansgar (Hg.): Cultural Memory Studies. An International and Interdisciplinary Handbook. Berlin/New York 2008: De Gruyter, 97-107.

  • Assmann, Jan: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Assmann, Jan / Hölscher, Tonio (Hg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt a. M. 1988: Suhrkamp, 9-19.

  • Assmann, Jan: Moses der Ägypter. Entzifferung einer Gedächtnisspur. Wien 1998: Carl Hanser, besonders 277-282.

  • Erll, Astrid: „Medium des kollektiven Gedächtnisses: Ein (erinnerung-)kulturwissenschaftlicher Kompaktbegriff“. In: Erll, Astrid / Nünning, Ansgar: Medien des kollektiven Gedächtnisses. Konstruktivität, Historizität, Kulturspezifität. Berlin 2004: De Gruyter, 3-22.

  • Erll, Astrid: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. Eine Einführung. Stuttgart 32017: Metzler.

  • Freud, Sigmund: Der Mann Moss und die monotheistische Religion. Frankfurt 1970 [1939]: Suhrkamp, besonders 87-94.

  • Giesen, Bernhard: Triumph and Trauma. Boulder/London 2004: Paradigm.

  • Khalili, Laleh: Heroes and Martyrs of Palestine. The Politics of National Commemoration. Cambridge et al. 2007: Cambridge University Press.

  • Nora, Pierre (Hg.): Les lieux de mémoire. 3 Bde. Paris 1984–1992: Gallimard.

  • Schlechtriemen, Tobias: „Der Held als Effekt. Boundary work in Heroisierungsprozessen“. In: Berliner Debatte Initial 29.1 (2018), 106-119.

9. Abbildungsnachweise

Teaserbild: Das Vietnam Veterans Memorial in Washington.
Quelle: User:Rabe! / de.wikipedia.org, 2005
Lizenz: Creative Commons BY-SA 3.0

Zitierweise

Feitscher, Georg: „Erinnerung und Gedächtnis“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 23.08.2018. DOI: 10.6094/heroicum/erinnerung