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Debunking

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1. Helden-Debunking

Für das englische Wort to debunk gibt es keine direkte deutsche Entsprechung; es lässt sich übersetzen als ‚den Nimbus nehmen‘ und bezeichnet den Prozess, in dem Personen und Konzepte nicht nur kritisch hinterfragt, sondern in ihren (angeblichen) Defiziten entlarvt oder gar diffamiert werden. Bei einem debunking heroischer Figuren handelt es sich um eine Form der bewussten De-Heroisierung mit dem Ziel, eine bestehende heroische Reputation zu zerstören. Mittel des Debunking kann dabei die direkte Enthüllung von Eigenschaften oder Taten sein, die der heroischen Reputation einer Figur widersprechen (etwa in einer Biographie), das debunking kann sich aber auch der Satire bedienen, d. h. es weist u. U. Berührungspunkte zur Heldensatire und -parodie auf (ohne aber damit identisch zu sein).

Ein debunking zielt in der Regel darauf ab, nicht nur die einzelne heroische Figur in ihren Schwächen und Fehlern zu exponieren, sondern auch ihr ideologisches Umfeld, d. h. die zugrundeliegende Konzeption des Heroischen sowie im weiteren Sinne das Denk- und Wertesystem, aus der die Heroisierung hervorging. Dahinter steht die Annahme, dass Helden immer kontextgebunden figuriert sind. Sie sind, wie etwa der Historiker Max Jones formuliert, Projektionsflächen, die die Werte, Begehren und Bedürfnisse der Zeit erkennbar werden lassen, in der sie bewundert werden.1 Oder, wie es Geoffrey Cubitt ausdrückt: Helden wird von denen, die sie zu Helden machen oder als solche bewundern, nicht nur ein hohes Maß an Ruhm und Ehre zugeschrieben, sondern auch eine bestimmte Bedeutung und symbolische Signifikanz.2 Zum Objekt des debunking werden besonders solche Heldenfigurationen, die als exemplarisch bewundert werden oder es einmal wurden. Tendenziell hat das Phänomen des debunking daher Konjunktur, wenn die mit Heldenfiguren konnotierten Wertvorstellungen in neuen Kontexten brüchig oder obsolet werden, wenn tradierte Heldenfiguren mit einem neuen zeitlichen und/oder gesellschaftlichen Kontext nicht mehr kompatibel sind, oder wenn sich generell eine postheroische Gestimmtheit ausgebildet hat. Bernard Bergonzi hat dies in einer lange einflussreichen Studie zur Literatur des Ersten Weltkriegs postuliert. In Heroes’ Twilight beobachtet er für viele britische und amerikanische Romane der Zwischenkriegszeit „a savage debunking of the whole concept of heroism“ und sieht hierin das Symptom eines generellen Kollapses heroischer Ideale3, insbesondere solcher Heldenkonzepte, die aus dem 19. Jahrhundert tradiert worden waren. Diese sowie die mit ihnen assoziierten Werte und Ideologien wurden nach dem Ersten Weltkrieg gezielt hinterfragt und ihrer Strahlkraft beraubt, und keineswegs nur in direktem Bezug auf den Krieg. Die ikonoklastischen Biographien in Lytton Stracheys Eminent Victorians (1918) etwa holten nicht nur General Gordon als (tragischen) Helden des Britischen Empire vom Sockel (Gordon scheiterte 1885 im Sudan bei der Verteidigung von Khartum und wurde von den Truppen des Mahdi getötet); sie kritisierten auch andere viktorianische Ikonen wie Florence Nightingale, Cardinal Manning und den Erzieher Thomas Arnold. Wie Max Jones für General Gordon zeigt, ist das debunking seiner heroischen Reputation im Kontext moderner Empire-Kritik allerdings nur eine Linie der Rezeption und steht parallel zu fortgeführter Akzeptanz heroischer Züge seines Charakters und seiner Handlungen.4 In diesem Sinne ist auch Bergonzis These eines pauschalen Helden-debunking nach dem Ersten Weltkrieg in jüngerer Zeit relativiert worden.5

In der Forschung über Helden und Heroisierungen ist das Phänomen des debunking besonders prominent für die britische Kultur beobachtet worden. Dies mag damit zusammenhängen, dass für diese Kultur eine besondere Disposition ausgemacht wurde, auch im Scheitern und in der Niederlage noch heroische Größe zu attestieren6: Wenn die Basis einer heroischen Reputation prekär ist, kann ein debunking umso leichter ansetzen. Zudem hat in der britischen Kultur der satirische Blick auf das Heroische eine lange Tradition spätestens seit dem 18. Jahrhundert; sie manifestiert sich in der sogenannten mock-heroic poetry7 ebenso wie in populärer Geschichts-Comedy im Fernsehen (ein bekanntes Beispiele ist die Serie Blackadder8). Dass die 1960er- bis 80er-Jahre im Zeichen gegenkultureller Strömungen und Präferenz für antiheroische Figurationen (Rebellen, Underdogs u. a.)9 eine besonders fruchtbare Zeit für das Helden-debunking waren, lässt sich am Beispiel des Polarhelden Robert Falcon Scott demonstrieren.

2. Fallbeispiel: Das Debunking von ‚Scott of the Antarctic‘

Scott wurde im frühen 20. Jahrhundert zu einem großen, wenn auch tragischen Helden der britischen Kultur. Er stand am Ende einer langen Tradition von Entdeckerhelden, die zur Ausdehnung des britischen Weltreichs beitrugen (und damit zum Ruhm ihrer Nation), aber er konnte sein Ziel der Ersterreichung des Südpols nicht realisieren, da ihm der Norweger Roald Amundsen zuvorkam. Zwar standen Scott und vier Begleiter am 17. Januar 1912 am Südpol, aber der beschwerliche und von vielen Widrigkeiten geplagte Rückweg kostete alle fünf Männer das Leben. Den leidvollen Weg in den Tod schilderte Scott in seinem Tagebuch und knüpfte dabei an tradierte Vorstellungen vom heroischen Sterben an. Dank der kulturellen Disposition, Tod und Sterben als heroisch zu interpretieren, wurden Scott und seine Gefährten sogleich zu Helden deklariert, als ihr Schicksal in der Heimat bekannt wurde. Den Zeitgenossen schien sich in der tapferen und würdevollen Begegnung mit dem Tod nicht nur persönlicher, sondern nationaler Charakter zu beweisen und den Fortbestand überkommener Werte auch angesichts einer verunsichernden Moderne zu garantieren. Dies verhalf Scott zu außerordentlicher Resonanz10: ‚Scott of the Antarctic‘ wurde zur heroischen Ikone und zum Mythos, obwohl es immer auch Stimmen gab, die das tragische Scheitern der Unternehmung mit Scotts Organisations- und Führungsschwächen begründeten. Gleichwohl konnte sich Scotts heroische Reputation bis nach dem Zweiten Weltkrieg halten (eine letzte große heroisierende Darstellung war der Spielfilm Scott of the Antarctic, 1948), erfuhr dann aber, vor allem ab den 1970er-Jahren, ein eklatantes debunking. Wie Stephanie Barczewski prägnant zusammenfasst: „In 1912 many people saw Scott as a hero. Today many people see him as a bumbling idiot whose incompetence resulted in his own death as well as the deaths of his four companions.“11

Hintergründe dieser Umwertung sind nicht nur eine generell anti-militärische (Scott war Captain der Royal Navy) und anti-imperiale Gestimmtheit, sondern auch konkrete Entwicklungen in Großbritannien: der ökonomische Niedergang in den 1970er-Jahren, die von der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher nach 1979 ausgerufene Rückbesinnung auf viktorianische Werte und der imperiale Habitus, mit dem 1982 der kurze Falklandkrieg geführt wurde. Im Prozess des Scott-debunking wurde das heroisierende (und affizierende) Potential des heroischen Sterbens zunehmend ausgeblendet; stattdessen wurde der Tod zum Bestandteil eines Narrativs, in dem Scott zum Stümper wurde, dessen Führungsschwäche ihn selbst und seine Gefährten zu vermeidbaren Opfern machte. Kritik am Scott-Mythos wurde vor allem von politisch anti-konservativ orientierten Kulturschaffenden geübt, wie im Sketch „Scott of the Sahara“ (1970)12 der Satirikertruppe Monty Python oder im Theaterstück Scott of the Antarctic (1971)13 des linken Dramatikers Howard Brenton, das als populäre Show konzipiert und für die Aufführung auf einer Eisbahn in der nordenglischen Arbeiterstadt Bradford geschrieben wurde. Das betont anti-elitär und anti-imperial orientierte Stück demontiert alle Versatzstücke des Mythos und lässt dessen Protagonisten am Ende als traurigen „heap of heroes“ zurück. Ende der 1970er-Jahre erlebte die Scott-Destruktion mit Roland Huntfords Doppelbiographie Scott and Amundsen (1979)14 einen Höhepunkt. Der Bestseller verbreitete die These, das Versagen Scotts habe den Zerfall des britischen Weltreichs und den Niedergang Großbritanniens präfiguriert, im Gegensatz zum viel kompetenteren und effizienteren Amundsen, der aus einer nicht-imperialen Nation stammte. Besonderen Einfluss erhielt Huntfords Sicht, als die Darstellung seiner Biographie durch eine populäre Fernseh-Miniserie noch weitere Verbreitung fand. Das Drehbuch für diese Serie, The Last Place on Earth (1985)15, verfasste Trevor Griffiths, wie Brenton ein links-kritischer Dramatiker, der in Scott einen „essentiell kleinen Mann“ sah, der die Schwächen des imperialen Britannien in seiner Spätphase verkörperte.16 Griffiths projizierte auf das Scott-Narrativ sehr deutlich seine Frustration über Thatcher und den Falklandkrieg. Max Jones charakterisiert Huntfords Buch als tendenziös, räumt aber ein, dass es die Scott-Rezeption sehr nachhaltig beeinflusste: „Debunking Captain Scott has become something of a national pastime since Huntford’s intervention.“17 Scotts Biograph (und Bewunderer) Ranulph Fiennes – der selbst die Antarktis durchquerte – sah sich 2003 berufen, diesem debunking und speziell Huntfords Verwandlung Scotts von einem Helden in einen Dummkopf („from hero to fool“) dezidiert zu widersprechen.18 Im 21. Jahrhundert scheint sich allerdings ein Wandel vom debunking zu einer neuen Würdigung Scotts anzudeuten. Zwar finden sich weiterhin satirische und ridikülisierende Darstellungen von ‚Scott of the Antarctic‘19, doch es gibt Anzeichen für eine positive Sicht Scotts. Ein relevanter Kontext ist hier der neue Konservatismus der Ära nach 9/11, die in Großbritannien allgemein zu einer neuen Wertschätzung von Helden und Heldentum in Gegenwart und Vergangenheit geführt hat. ‚Scott of the Antarctic‘ ist so ein deutlicher Beleg dafür, dass ein debunking von Helden ebenso Konjunkturen unterliegt wie die Heroisierung selbst.

3. Einzelnachweise
  • 1 .
    Jones, Max: The Last Great Quest. Captain Scott’s Antarctic Sacrifice. Oxford 2003: Oxford University Press, 10.
  • 2 .
    Cubitt, Geoffrey: „Introduction“. In: Cubitt, Geoffrey / Warren, Allen (Hg.): Heroic Reputations and Exemplary Lives. Manchester 2000: Manchester University Press, 1-26, hier 3.
  • 3 .
    Bergonzi, Bernard: Heroes’ Twilight. A Study of the Literature of the Great War. London 1965: Constable, 173-174 und 17.
  • 4 .
    Jones, Max: „‚National Hero and Very Queer Fish‘. Empire, Sexuality and the British Remembrance of General Gordon, 1918–1972“. In: Twentieth Century British History 26.2 (2015), 175-202.
  • 5 .
    Siehe etwa Einhaus, Ann-Marie: „Death of the Hero? Heroism in British Fiction of the First World War“. In: Korte, Barbara / Lethbridge, Stefanie: Heroes and Heroism in British Fiction since 1800. Case Studies. Basingstoke 2017: Palgrave Macmillan, 85-100.
  • 6 .
    Barczewski, Stephanie: Heroic Failure and the British. New Haven 2016: Yale University Press.
  • 7 .
    Zu Formen der Heldensatire in der englischen Literatur siehe etwa Terry, Richard: Mock-Heroic from Butler to Cowper. Burlington 2005: Ashgate.
  • 8 .
    Siehe zur Satire von Geschichte und ihren Protagonisten in Blackadder (BBC 1983–1989) z. B. Korte, Barbara: „‚As cunning as a fox who’s just been appointed Professor of Cunning at Oxford University‘. ‚Blackadder‘ (1983–1989) as a Picaresque of the National Past“. In: Ehland, Christoph / Fajen, Robert (Hg.): Maskerade und Entlarvung (Beihefte der GRM). Heidelberg 2007: Winter, 375-388.
  • 9 .
    Siehe etwa Calder, Jenni: Heroes. From Byron to Guevara. London 1977: Hamish Hamilton, 173.
  • 10 .
    Zur Heroisierung Scotts vom Bekanntwerden seines Schicksals bis nach dem Zweiten Weltkrieg siehe im Detail Jones: The Last Great Quest, 2003.
  • 11 .
    Barczewski, Stephanie: Antarctic Destinies. Scott, Shackleton and the Changing Face of Heroism. London 2007: Hambledon Continuum, xvii-xviii. Barczewski gibt für die hier nur skizzierten Entwicklungen einen ausführlichen Überblick, bes. in Kapitel 11 und 12. Sie zeigt vor allem, wie die Abschätzung Scotts mit einer gegenläufigen Wertschätzung für seinen Konkurrenten Shackleton einherging, dessen Hintergrund und Unkonventionalität dem postheroischen Zeitgeist seit den 1960er-Jahren eher entgegenkam als Scott.
  • 12 .
    Monty Python, „Scott of the Sahara“, Monty Python’s Flying Circus, BBC 1970.
  • 13 .
    Brenton, Howard: Scott of the Antarctic. In: Plays for Public Places. London 1972: Eyre Methuen, 71–103.
  • 14 .
    Huntford, Roland: Scott and Amundsen. London 1979: Hodder and Stoughton.
  • 15 .
    The Last Place on Earth, Central Television 1985.
  • 16 .
    Siehe Jones, Max: „‚The Truth about Captain Scott‘. The Last Place on Earth, Debunking, Sexuality and Decline in the 1980s“. In: Journal of Imperial and Commonwealth History 42 (2014), 857-881, hier 863.
  • 17 .
    Jones: The Last Great Quest, 2003, 7.
  • 18 .
    Fiennes, Ranulph: Captain Scott. London 2003: Hodder and Stoughton, hier 404.
  • 19 .
    Siehe etwa die Comedy-Serie Horrible Histories, die in ihrer Fernsehfassung (BBC 2009) Scott in der Rubrik ‚Potty Pioneers‘ (Verrückte Pioniere) präsentierte.
4. Ausgewählte Literatur
  • Barczewski, Stephanie: Antarctic Destinies. Scott, Shackleton and the Changing Face of Heroism. London 2007: Hambledon Continuum.

  • Barczewski, Stephanie: Heroic Failure and the British. New Haven 2016: Yale University Press.

  • Bergonzi, Bernard: Heroes’ Twilight. A Study of the Literature of the Great War. London 1965: Constable.

  • Calder, Jenni: Heroes. From Byron to Guevara. London 1977: Hamish Hamilton.

  • Cubitt, Geoffrey: „Introduction“. In: Cubitt, Geoffrey / Warren, Allen (Hg.): Heroic Reputations and Exemplary Lives. Manchester 2000: Manchester University Press, 1-26.

  • Einhaus, Ann-Marie: „Death of the Hero? Heroism in British Fiction of the First World War“. In: Korte, Barbara / Lethbridge, Stefanie (Hg.): Heroes and Heroism in British Fiction since 1800. Case Studies. Basingstoke 2017: Palgrave Macmillan, 85-100.

  • Huntford, Roland: Scott and Amundsen. London 1979: Hodder and Stoughton.

  • Jones, Max: The Last Great Quest. Captain Scott’s Antarctic Sacrifice. Oxford 2003: Oxford University Press.

  • Jones, Max: „‚National Hero and Very Queer Fish‘. Empire, Sexuality and the British Remembrance of General Gordon, 1918–1972“. In: Twentieth Century British History 26.2 (2015), 175-202.

  • Korte, Barbara: „‚As cunning as a fox who’s just been appointed Professor of Cunning at Oxford University‘. ‚Blackadder‘ (1983–1989) as a Picaresque of the National Past“. In: Ehland, Christoph / Fajen, Robert (Hg.): Maskerade und Entlarvung. Heidelberg 2007: Winter, 375-388.

  • Spencer, Brenda: „Demythologizing Imperialist History. A Study of Trevor Griffiths’s ‚Judgement Over the Dead‘ and Howard Brenton’s ‚Scott of the Antarctic‘“. In: The English Academy Review 8 (1991), 35–46.

  • Strachey, Lytton: Eminent Victorians. London 1918: Chatto & Windus.

  • Terry, Richard: Mock-Heroic from Butler to Cowper. Burlington 2005: Ashgate.

Zitierweise

Korte, Barbara: „Debunking“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 11.04.2018. DOI: 10.6094/heroicum/debunking