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Verrat

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1. Einführung

Als Verrat wird eine aktive Handlung eines oder mehrerer Akteure dann bezeichnet, wenn eine Gemeinschaft die entsprechende Handlung entweder moralisch als Vertrauensmissbrauch interpretiert oder als Treuebruch normiert hat.1 Als soziokulturelles Zuschreibungsphänomen markiert Verrat folglich nicht nur die Grenzen des Norm- und Wertgefüges einer Gemeinschaft, sondern auch die Zugehörigkeit zu dieser Gemeinschaft selbst. Damit tritt die Figur des Verräters in jenes Feld der Erinnerung an ⟶heroische Figuren, ⟶Märtyrer, Opfer und Schurken ein, in welchem sich diese in ständigen Aushandlungsprozessen und Konkurrenzbeziehungen befinden.2 Entsprechend bildet die Figur des Verräters nicht nur eine Spielart der Negation des Heroischen; vielmehr birgt der Vorwurf des Verrats auch ein kaum zu unterschätzendes Potenzial zur Dekonstruktion heroischer Figuren.

2. Heuristische Bestimmung des Verrats

Wenngleich auch alltägliche Formen des Verrats wie das Hintergehen eines Partners oder das Verpetzen von Schulkameraden in qualitativer Opposition3 zum Norm- und Wertgefüge einer Gemeinschaft stehen, so konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf außeralltägliche Varianten des Verrats.

Erzählungen von Verrat und Treue prägen raum- und epochenübergreifend das ⟶kollektive Gedächtnis von Gemeinschaften4 und verweisen auf das ambivalente Wechselverhältnis zwischen dem Heroischen und dessen Negationen. Wird Verrat als einer der kommunikativen Mechanismen betrachtet, die das ⟶imaginäre Feld des Heroischen strukturieren, so lässt er sich konzeptuell als Gegenstück zur ⟶Heldentat bestimmen.5 In diesem Sinne ist Verrat als exzeptionell zu charakterisieren, weil ein Vertrauensbruch kaum als alltäglicher Akt wahrgenommen wird. Das Verletzen sozialer, kultureller oder politischer Normen offenbart den transgressiven Charakter dieser Handlung, die in Folge der Überschreitung kollektiv anerkannter Normen emotional und moralisch hochgradig aufgeladen ist. Jedoch provoziert Verrat im Gegensatz zur Heldentat in dem Augenblick negative Reaktionen, in dem er von einer Gemeinschaft als Vertrauensmissbrauch oder Treuebruch wahrgenommen wird.6

Wie die Heldentat bedarf auch der Verrat stets der Einbettung in ein Kohärenz suggerierendes Narrativ, um Bestandteil individueller und kollektiver Wirklichkeitsdeutungen werden zu können. Dieses ist durch einen dreipoligen Aufbau charakterisiert: Der oder die Ausführenden der Verratshandlung, die ‚Verräter‘, hintergehen den oder die ‚Verratenen‘. Für eine glaubhafte Vermittlung eines Verrats bedarf es darüber hinaus eines Objektes, um dessen Willen er begangen wurde. Dieses kann eine weitere Person wie ein Freund, ein physischer Gegenstand wie etwa ein Schatz oder auch eine abstrakte Idee wie die Nation sein.7 Der Verräter muss dabei nicht zwangsläufig den Schaden seiner Gemeinschaft im Sinn haben, wenn er für sich in Anspruch nehmen kann, einem höheren Zweck zu dienen.8

Ob ein Verrat vorliegt, hängt folglich von den moralischen, politischen und juristischen Vorstellungen der Gemeinschaft und nicht zuletzt vom konkreten historischen Bewertungskontext ab. Wandelt sich dieser, öffnen sich auch potenziell neue Interpretationsräume, in denen der Verrat einer Neubewertung unterzogen werden kann. Verräter sind, ebenso wie Helden, darüber hinaus stets Umdeutungsprozessen ausgesetzt, sodass sie gleichzeitig auch innerhalb derselben Gemeinschaft unterschiedlich bewertet werden können. In diesem Spannungsfeld zwischen temporaler Vielschichtigkeit und gesellschaftlicher Vieldeutigkeit des imaginären Feldes des Heroischen entfalten sich folglich verschiedene Beurteilungsszenarien transgressiver Handlungen. Aus diesen lassen sich wiederum Rückschlüsse auf soziokulturelle und politische Ordnungsvorstellungen einer Gemeinschaft ziehen.

3. Das Verhältnis von Verrat und Heroischem

Verräterische ebenso wie heroische Figuren überschreiten das gültige Norm- und Wertgefüge einer Gemeinschaft. Ihre soziokulturelle Konstruktion lässt sich als boundary work verstehen, durch welche die gesellschaftliche Ordnung konstant verhandelt und aktualisiert wird.9 Doch im Gegensatz zu einer Heldentat können gesellschaftliche Grenzen durch Verrat nicht dauerhaft verschoben werden. Im Gegenteil: Durch die Illoyalität der Figur des Verräters treten die verletzten moralischen Grenzen der Gemeinschaft ins Bewusstsein. Der Verräter symbolisiert in besonderer Weise, welche Normbrüche nicht akzeptiert werden. Er steht zwischen der Gemeinschaft und ‚den anderen‘ und erscheint in der Narration als derjenige, der seine eigene Gruppe hinter sich gelassen und sich einem anderen Norm- und Wertgefüge angeschlossen hat. Die ⟶Grenzüberschreitung des Verräters ist in diesem Sinne oft auch physischer Natur, da sie mit dem Übertritt zu einer anderen Gemeinschaft einhergeht. Idealtypisch gesprochen endet die eigene Gemeinschaft dort, wo der Verrat nicht mehr als solcher bewertet wird.10 Wer den Verrat akzeptiert, offenbart ebenfalls seine Abweichung von der Gruppe und riskiert, gleichfalls aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Der Figur des Verräters kommt dabei als gesellschaftlicher Sündenbock eine komplexitätsreduzierende und sinnstiftende Funktion zu, da sie kollektive Schuldzuweisungen bündelt und von einer Gemeinschaft als negativ bewertete Eigenschaften personifiziert.11 Verrat übernimmt daher eine wichtige integrierende Funktion, denn nicht zuletzt stärkt die Ächtung und die Bestrafung des Verräters den Zusammenhalt einer Gemeinschaft und festigt deren moralisches Wertgefüge. Zugleich mahnt der ausgestoßene Verräter an, dass Gruppenzugehörigkeit nicht allein durch Herkunft gegeben, sondern an ein einzuhaltendes Wertesystem gebunden ist.12

Verrat und das Heroische stehen folglich im umkämpften imaginären Feld des Heroischen in einem engen dialektischen Wechselverhältnis zueinander. Die heroische und die verräterische Figur markieren Grenzziehungsprozesse durch eine in ihnen verkörperte dichotome Polarisierung. Sie sorgen dafür, dass sich aus einer komplexen sozialen Konstellation eine simple Opposition herauskristallisiert, an der Kollektive ihre Identität und vor allem ihre Affekte orientieren können.13

Doch was geschieht, wenn eine heroische Figur mit Verratsvorwürfen konfrontiert und diese sinnstiftende Dichotomie aufgebrochen wird? Dieser Prozess stellt eine Gemeinschaft besonders in Momenten dynamischer Umbruchserfahrungen vor besondere Herausforderungen. Werden heroische Figuren als Personifikationen gesellschaftlich anerkannter Normen betrachtet, dann stellt deren Umdeutung zu einem Verräter nicht nur eine unmittelbare ⟶Deheroisierung dar, sondern es wird auch das vom Helden verkörperte gesellschaftliche Norm- und Wertgefüge abrupt zur Disposition gestellt.

Gerade bei heroisierten Akteuren wiegen Verratsvorwürfe und der darin implizierte Vertrauensbruch schwer, da davon ausgegangen werden kann, dass heroischen Figuren ein besonders hohes Maß an Vertrauen entgegengebracht wird. Ihre kontingenzreduzierende Funktion lässt sich nicht zuletzt auf diese soziale Ressource zurückführen, die essentiell für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist.14 Bei einem heroisierten Akteur basiert das empfundene Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seiner Anhängerschaft auf der außerordentlichen Bedeutung für die Gemeinschaft, die dem Helden aus Sicht seiner Verehrer zugesprochen wird. Das zwischen dem Helden und seiner Anhängerschaft bestehende emotionale Band suggeriert darüber hinaus ein enges wechselseitiges Treueverhältnis, das durch die Heroisierung konstant beglaubigt wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese Treue real ist. Durch den Glauben der Anhänger wird sie zum konstitutiven Bestandteil ihrer Wirklichkeitsdeutung.

Durch Vertrauen und der darauf basierenden Treue hilft die heroische Figur dabei, Kontingenzerfahrungen zu bewältigen und Unsicherheiten zu reduzieren. Zugleich strukturieren diese beiden sozialen Ressourcen die an den Helden herangetragene Erwartungshaltung und zwingen ihn wiederum dazu, sich dieser entsprechend zu verhalten. Von einem heroisierten Akteur wird erwartet, dass er das Vertrauen seiner Gemeinschaft nicht hintergeht und sich dieser gegenüber treu verhält. Wird diese Erwartung nicht erfüllt, werden Enttäuschungen provoziert, die allerdings nicht zwangsweise in einem Verratsvorwurf münden müssen. Dazu bedarf es einer aktiven Tat und einer weiteren Grenzüberschreitung, die von Teilen seiner Anhängerschaft nicht mehr positiv gedeutet wird. Tritt dies ein, wird ein Verratsvorwurf gegen den heroisierten Akteur erhoben und seine Deutung als heroische Figur kippt. Durch den Verrat wird der Held zum Täter, und es setzen Deheroisierungsprozesse ein, die den Vertrauens- und Treuebruch sinnhaft einordnen und das kollektive Norm- und Wertgefüge stabilisieren sollen. Zuvor als sicher geltende Normen müssen in Folge neuverhandelt und gegebenenfalls modifiziert werden. Das Urteil des Verrats markiert in diesem Aushandlungsprozess den gemeinschaftlichen Versuch, die Gültigkeit des von der vormals heroisierten Figur überschrittenen Wertgefüges normativ zu bestätigen.

Der Verrat kann jedoch auch zu einem Wandel der Verehrergemeinschaft führen, wenn die dem Verratsvorwurf zugrundeliegende Handlung positiv gedeutet wird. Die Deutungsoffenheit des dreipoligen Narratives zwischen Verräter, Verratenen und Objekt des Verrats führt dazu, dass nicht jeder Betroffene den Verrat als solchen interpretiert. An einem Verrat treten in diesem Fall besonders eindrücklich Deutungskämpfe zu Tage, die aufschlussreich für gesellschaftliche Selbstdeutungen sind und die über das ambivalente Wechselverhältnis zwischen Heroischem und Verrat ausgetragen werden.

4. Historisches Fallbeispiel: Heroisierung und Verrat im Ersten Weltkrieg

Das hier angesprochene Verhältnis zwischen Heroisierung und Verrat offenbarte sich in besonderer Weise im Verlauf des Ersten Weltkriegs.15 Die Mobilisierung von Millionen von Menschen, die Anspannung der Kriegsgesellschaften im Zeichen des seit August 1914 immer neu betonten Zusammenhalts zwischen Front und Heimat im Zeichen massenhafter Opfer hatte von Anfang an zahlreiche Verratsnarrative hervorgebracht. Dahinter stand die Angst, dass die rhetorisch immer wieder gefeierten Burgfriedensschlüsse vom Sommer 1914 in der Realität des totalisierten Krieges zerbrechen könnten. Das Schlüsseljahr 1917 erwies in Russland dramatisch, welche Folgen eine innergesellschaftliche Polarisierung haben und wie die Heroisierung der Vaterlandsverteidiger an den militärischen Fronten in die innergesellschaftliche Konfliktkonstellation eines blutigen Bürgerkrieges umkippen konnte. So spitzte sich unter der Last des industrialisierten Massenkrieges die Frage nach der Loyalität jedes einzelnen zu.

Während viele überkommene Vorstellungen des militärischen Heldentums durch qualitativ und quantitativ neuartige Kriegserfahrungen, etwa das millionenhafte Sterben und die sichtbare Invalidität, infrage gestellt wurden, entwickelten sich in allen Kriegsgesellschaften Verratsvorstellungen – sei es durch Spione und Feindausländer, oder durch diejenigen, die sich den Kriegslasten zu entziehen suchten. Die omnipräsenten angeblichen „Drückeberger“ und „Profiteure“ standen im Gegensatz zur heroisierten Kriegsleistung der nationalen Gemeinschaften. Die Heroisierung der Kämpfer an der militärischen Front oder der Arbeiter und Frauen an der Heimatfront erhielt durch den Verweis auf die angeblichen Verräter an der Heimatfront einen besonders suggestiven Kontext.

Ein besonders eindrückliches Beispiel für die Wirkung des Verratsmotivs stellte die Vorstellung des französischen Regierungsprogramms durch Premierminister Georges Clemenceau am 20. November 1917 in der Nationalversammlung dar.16 Dabei verwies er auf die Verbindung zwischen der Heimat und den kämpfenden Soldaten als Kern der heroischen Nation im Krieg: „Eine einzige und einfache Pflicht: dem Soldaten beistehen, leben, leiden, mit ihm kämpfen. Auf all das verzichten, was nicht zum Vaterland gehört“. Mit dieser exemplarischen Identifikation der ganzen Nation mit dem heroisierten normalen Soldaten, dem „poilus“, reagierte Clemenceau auf die Krisenerfahrungen vom Frühjahr 1917, als es zu massenhaften Meutereien an der Westfront und gleichzeitig zu Streikbewegungen an der Heimatfront Frankreichs gekommen war. Nun bekannte sich Clemenceau demonstrativ zu den französischen Rekruten, den Arbeitern in den Fabriken, den Bauern auf den Feldern, aber ebenso zu den Frauen und Kindern. Vor allem wandte er sich gegen jede pazifistische Äußerung. Bereits der Verdacht des Defätismus erschien als Verrat an den Opfern und Lasten des Krieges: „Keine pazifistischen Kampagnen, keine deutschen Intrigen mehr. Weder Verrat noch Halb-Verrat: Krieg, nur noch Krieg.“17

Als der Krieg im Spätsommer 1918 in seine entscheidende Phase trat, verloren solche Verratsnarrative in den Siegernationen zunächst an Bedeutung, während in Deutschland die Dolchstoß-Metapher zur wichtigsten Erklärung für Niederlage und Revolution wurde (vgl. Abb. 1). Ein Jahr nach dem dramatischen Umbruch von Niederlage und Revolution, am 18. November 1919, beglaubigte Paul von Hindenburg als ehemaliger Chef der Dritten Obersten Heeresleitung vor dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss des Reichstags, der die Umstände des Zusammenbruchs im Herbst 1918 klären sollte, das Narrativ des inneren Verrats an den militärisch nicht besiegten Helden der Front durch eine nach dem Vorbild der russischen Bolschewiki unterwanderten Heimatgesellschaft. Dabei griff Hindenburg auf eine dem britischen General Frederick Maurice zugeschriebene Aussage zurück, die in einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom Dezember 1918 wiedergegeben worden war und wie eine besondere Beglaubigung wirkte: „Ein englischer General sagt mit Recht: ‚Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden.‘ […] Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen. Bedürfte es noch eines Beweises, so liegt er in dem angeführten Ausspruch des englischen Generals und in dem maßlosen Staunen unserer Feinde über ihren Sieg.“18

Philipp Scheidemann und Matthias Erzberger als Dolchstößler
Philipp Scheidemann und Matthias Erzberger als Dolchstößler

Karikatur, 1924. Beschriftung: „Das bist Du! Du schuft! / Deutsch: Deutsche, denkt daran!“
Quelle: User:Before_My_Ken / Wikimedia Commons; publiziert in: Gold, Helmut / Heuberger, Georg (Hg.): Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten. Auf der Grundlage der Sammlung Wolfgang Haney. Heidelberg 1999: Umschau/Braus, 268.
Lizenz: Gemeinfrei

Schon im Frühjahr 1919, vor dem Hintergrund der in Paris laufenden Friedenskonferenz und der anhaltenden Instabilität der neuen demokratischen Republik in Deutschland durch einen drohenden Bürgerkrieg, entwickelte dieses Dolchstoßmotiv als Verratserzählung eine enorme Dynamik. Sie kontrastierte mit dem unterstellten Heroismus der in die Heimat zurückkehrenden Frontkämpfer und ließ sich zugleich über das Kriegsende hinaus gegen die Vertreter der jungen Republik instrumentalisieren. Im März 1919 thematisierte der Theologe und Publizist Ernst Troeltsch den besonderen Mechanismus des Verrats für die Polarisierung der politischen Kultur: „Es muss moralisch gegen die Mehrheit gehetzt werden, gegen die Sozialdemokratie mit der Anklage der Vernichtung des Reiches, gegen die Demokratie mit dem Vorwurf, jüdisch, mammonistisch, undeutsch und international zu sein, gegen beide mit dem Stichwort ‚antinational‘.“19

Aber auch in den Gesellschaften der Sieger dienten Verratsnarrative nach dem Krieg der umso deutlicheren Unterscheidung zwischen Heroisierung und Deheroisierung. So kam es in Belgien, das seit Beginn des Krieges eine deutsche Besatzung mit allen Varianten der Kollaboration zwischen Besatzern und Besetzten erfahren hatte, zu einer kollektiven „épuration“. In ihr ging es um die symbolische Säuberung der belgischen Nation von all denjenigen, denen man den Verrat an der Nation im Krieg vorwarf.20 Diese Gewalt richtete sich gegen echte oder vermeintliche Kriegsgewinnler, Spekulanten, aber immer wieder auch gegen diejenigen, denen man Kollaboration mit den deutschen Behörden oder Militärs vorwarf. Frauen, die im Verdacht standen, mit deutschen Soldaten sexuelle Verhältnisse unterhalten zu haben, rasierte man die Köpfe und trieb sie in aller Öffentlichkeit durch Städte und Dörfer – dem unterstellten Verrat korrespondierte das Ideal der treuen Ehefrau, die auf die Rückkehr des Ehemanns wartete.21

Die Sanktionierung des Verrats in der Phase der „épuration“ erlaubte zugleich eine besonders akzentuierte Heroisierung der Opfer. Während der Franzose Gaston Quien, den man anklagte, die Krankenschwester Edith Cavell den deutschen Behörden ausgeliefert zu haben und damit an ihrer Verurteilung und Hinrichtung schuldig zu sein, 1919 vor einem Pariser Militärgericht nur knapp der Verurteilung entging, kam es in Belgien zu mehreren Todesurteilen gegen Denunzianten. Angesichts der Kollaboration dienten diese emotional hoch aufgeladenen Prozesse dazu, das heroisierende Selbstbild einer belgischen Märtyrernation im Krieg zu beglaubigen. Der öffentlich gemachte und sanktionierte Verrat erschein als verwerfliche Ausnahme ganz weniger. So gehörte zum Mechanismus von Heroisierung und Verrat auch die Personalisierung von Schuld und die kollektiver Entlastung.22

Diese Mechanismen beförderten einen komplexen Formwandel des Nationalismus im Nachkrieg. Er ging mit verschärfter Exklusion und aggressivem Revisionismus einher und basierte immer wieder auf Kriegserfahrungen: auf der Herrschaft des Verdachts gegen „Feindausländer“, angebliche „Defätisten“, „Verräter“, „Drückeberger“ und „Profiteure“ sowie auf der Diffamierung jeder Konzession als Defätismus und Verrat an der heroisierten Nation und ihrer Opfer.23

5. Historisches Fallbeispiel: Vom Helden zum Verräter – Philippe Pétain

Das Wechselverhältnis zwischen Heroisierung und Verrat wird auch am Beispiel von Philippe Pétain (1856–1951) besonders erkennbar. Während des Ersten Weltkriegs war Pétain einer der Kommandanten der französischen Truppen in der Schlacht von Verdun 1916 und wurde seit dem Kriegsende in vielschichtigen Heroisierungsprozessen narrativ mit diesem emotional stark aufgeladenen Erinnerungsort verknüpft. Nach dem Krieg bekleidete er zentrale militärische Ämter und blieb als heroisierter Marschall latenter Bestandteil der französischen Erinnerungskultur an den Ersten Weltkrieg. Nach der Niederlage gegen das nationalsozialistische Deutschland war er ab Juli 1940 Staatschef (chef d’État) des Vichy-Regimes, was er bis zu dessen Ende im Spätsommer 1944 blieb. Im August 1945 wurde er als Verräter verurteilt und auf die Île d’Yeu verbannt, wo er die restlichen sechs Jahre seines Lebens verbrachte.24 Das deheroisierende sowie das delegitimierende Potenzial von den gegen Pétain seit Sommer 1940 erhobenen Verratsvorwürfen kann exemplarisch anhand des ihm zugeschriebenen Vertrauen nachvollzogen werden, das von besonderer Bedeutung sowohl für seine heroische als auch für seine verräterische Figur gewesen ist.

Die Fähigkeit, Vertrauen herzustellen, wurde früh zu einer der wichtigsten Eigenschaften, die die heroische Figur Pétain auszeichneten25 und sollte dies bis in die 1940er Jahre bleiben. Mit diesem Attribut waren in der französischen Gesellschaft weitere Eigenschaften verknüpft, die vor allem auf einen herausragenden Charakter verwiesen: Nervenstärke, Entschlossenheit, Willenskraft, Fürsorge bildeten die Grundlage dafür, dass die französischen Soldaten und die gesamte Nation Pétain Vertrauen entgegenbrachten.26 Diese Zuschreibungen wurden Teil des staatlichen Führerkults, der um Pétain während seiner Herrschaft als chef d’État zwischen 1940 und 1944 betrieben wurde. Das fragile politische System erschuf eine staatstragende Ideologie, die im Wesentlichen auf der integrierenden Figur des Staatschefs basierte.27 Pétain selbst legitimierte seinen Herrschaftsanspruch mittels einer häufig gebrauchten Vertrauensrhetorik. So beschwor er bereits in der ersten Radioansprache, die er als Staatschef an die Nation richtete: „Um die immense Aufgabe zu bewältigen, die vor uns liegt, brauche ich euer Vertrauen. Eure Vertreter haben es mir in eurem Namen gegeben.“28 Entsprechend dieses kommunikativen Mechanismus der Herrschaftslegitimation forderten Vichy-konforme Biographen häufig dazu auf, dem Marschall Vertrauen entgegenzubringen.29 Dies war gleichbedeutend mit Vertrauen in das neue staatliche System und die Ideologie der révolution nationale. Vertrauen war eine bedeutsame soziokulturelle und politische Ressource im Vichy-Regime. Es erwies sich jedoch in sozialer wie politischer Hinsicht als vorgeschossenes Kapital, das schnell an Wert verlor, als die erweckten Erwartungen nicht erfüllt wurden.

Spätestens im Frühjahr 1942 war dieser Punkt für einen großen Teil der französischen Bevölkerung erreicht, weshalb seit Sommer 1940 nachweisbare Deheroisierungsprozesse eine neue Dynamik erhielten. Das Vertrauen in den Staatschef sank aufgrund der inhärenten politischen Machtlosigkeit des Regimes, der intensiveren Kollaborationspolitik und einer sich verschlechternden Versorgungslage.30 Der Widerstand gegen das neue Regime kristallisierte sich nicht nur um den im Londoner Exil befindlichen Charles de Gaulle, sondern formierte sich auf verschiedenen Ebenen und an verschiedenen Orten auch innerhalb Frankreichs.31 Ein immer wiederkehrendes argumentatives Grundmuster in den Deheroisierungs- und Delegitimierungsprozessen stellte dabei der gegen Pétain erhobene Vorwurf des Verrats dar, den er am französischen Volk begangen haben solle. Dieser Verrat wurde meist mit einer eklatanten Charakterschwäche des Staatschefs begründet, der wahlweise als defätistisch, machthungrig oder altersschwach dargestellt wurde. Parallel zur offiziösen Verehrung Pétain im Vichy-Regime entspannte sich ein dazu gegenläufiger, invektiver Diskurs um den Staatschef.32

Innerhalb Frankreichs klagten zahlreiche Untergrundzeitungen und Pamphlete Pétain des Verrats an Frankreich an. Dabei wurden drei Argumente ins Feld geführt: Zum einen die Unterzeichnung des Waffenstillstandes, durch die Frankreich nicht etwa besiegt, sondern von Pétain verraten und verkauft worden sei. In dem Moment, in dem andere besetzte Länder zum Widerstand übergegangen seien, habe er sich in Montoire vor Hitler verbeugt, jenem Mann, der französische Geiseln habe erschießen lassen.33 Der zweite Verratsmoment bezog sich auf die illegale Usurpation der staatlichen Macht:

„Die Regierung eines Pétain oder eines Laval, die alle Gesetze ignoriert, auf denen ihre Autorität beruht, ist illegal. Es ist eine usurpierte Macht. Kein Bürger hat die rechtliche oder gar moralische Pflicht, sich ihr zu unterwerfen.“34

Der dritte Verrats-Moment wurde von den Gegnern des Regimes in der Kollaboration mit den deutschen Besatzern erkannt.35 Gerade der letzte Punkt nahm teilweise den Charakter einer regelrechten Verschwörung Pétains an, der seit den 1930er Jahren auf die Niederwerfung der Dritten Republik hingearbeitet habe. Dieses Ziel habe er im Sommer 1940 erreicht:

„Und der Verrat geht unter der abscheulichen Diktatur der besiegten Militärs weiter. An ihrer Spitze steht der Marschall, er befiehlt den Franzosen, sich dem Gesetz des Siegers zu unterwerfen. Dem Marschall zu folgen, bedeutet, für immer Sklaverei zu akzeptieren.“36

Im letzten Punkt schwang eine deutliche politische Botschaft mit. Wer die Herrschaft des „Verräters“ akzeptiere, begäbe sich in die Sklaverei. Der Vorwurf des Verrats offenbart sich als ein mächtiges Instrument politischer und sozialer Kontrolle. Diese und ähnliche Gleichsetzungen Pétains mit dem Regime hatten zur Folge, dass die Deheroisierung des Staatschefs zu einer wesentlichen politischen Strategie wurde, um den État français zu delegitimieren und zu destabilisieren. Der Verratsvorwurf wurde zu einer der schärfsten Waffen im Propagandakampf um die Zukunft Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges.

Diese Vorwürfe verschwanden nach dem Ende des Vichy-Regimes keineswegs. Während des zwischen Juli und August 1945 geführten Hochverratsprozesses (Abb. 2) offenbarte sich die integrierende Funktion, die Philippe Pétain als verräterische Figur nach dem Ende des Krieges zukam.37 Die bereits während der Dritten Republik existierenden Streitigkeiten und Konfliktpunkte wurden in dem Moment überdeckt, in dem der Verräter ausgemacht und verurteilt wurde. Der ‚Verrat‘ Pétains wurde in diesem Fall zu einer Täuschung, die die vierjährige innere Zerrissenheit des Landes überbrücken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt der neuen Vierten Republik stärken sollte. Mit der Verurteilung Pétains wurden negative Leidenschaften und innere Konflikte gebündelt und in einem prominenten Akteur personalisiert, wodurch eine kritische Auseinandersetzung der französischen Gesellschaft mit ihrer eigenen Geschichte ausblieb.38

Philippe Pétain während seines Hochverratsprozesses
Philippe Pétain während seines Hochverratsprozesses

Paris, 30. Juli 1945. Anonyme Fotografie.
Quelle: User:Guise / Wikimedia Commons
Lizenz: Gemeinfrei / Urheberrecht erloschen gemäß § 66 UrhG

Wie in den einführenden Bemerkungen deutlich wurde, ist Vertrauen ein konstitutives Element des Verrats. Ein Bruch dieses Vertrauens führt, wenn dieser von einer Mehrheit der Gemeinschaft als solcher angesehen wird, zum Ausschluss des Verräters, der zu einer Projektionsfläche negativer Emotionen wird. Das Beispiel Philippe Pétains verdeutlicht, dass es keineswegs klar ist, wann ein solcher Punkt erreicht wird. Hätte die Mehrheit der französischen Gesellschaft in Pétains Handlungen von Juni 1940 einen Verrat erblickt, hätte er sich angesichts der Schwäche der französischen Armee nicht einmal mit militärischer Gewalt als Staatschef halten können. Auch zeugen Geheimdienstberichte von der Popularität des Marschalls in weiten Kreisen der Bevölkerung bis in das Jahr 1944 hinein. Es lässt sich nicht quantifizieren, wie viele Franzosen Pétain für einen Helden und wie viele ihn für einen Verräter hielten. Beide Figuren standen und stehen noch immer im kollektiven Gedächtnis der Franzosen in einer nicht eindeutig geklärten Beziehung zueinander. Der Verweis auf die heroische und auf die verräterische Figur Pétain dient noch immer der Aushandlung des moralischen wie des politischen Norm- und Wertgefüges der französischen Gesellschaft und hat auch im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts kaum an Relevanz für die Selbstthematisierung der französischen Gesellschaft eingebüßt.

6. Ausblick

Dieser Beitrag beschränkte sich im Wesentlichen auf eine Spielart des verräterischen Handelns, die dazu geeignet ist, das Verhältnis zwischen Verrat und dem Heroischen idealtypisch auszuleuchten. Ein von Idealtypen geleitetes Vorgehen stellt dabei immer nur einen Annäherungsversuch dar, der der Vielfältigkeit menschlicher Erfahrung niemals komplett gerecht werden kann. Vor diesem Hintergrund soll abschließend die vorgenommene Bestimmung von Verrat kritisch anhand einiger exemplarischer Figuren reflektiert werden.

Es gibt Formen von Verrat, die sich nicht im Feld des Heroischen verorten lassen. Der ‚alltägliche‘ Treuebruch steht im Widerspruch zum außerordentlichen Heroischen und dessen Negationen. Wenn ein Schüler den Ungehorsam einiger Klassenkameraden an den Lehrer weitergibt, so wird er vielleicht kurzzeitig aus der Klassengemeinschaft ausgeschlossen und wird als Verräter oder Petze gemieden, doch erfüllt er damit zugleich die an ihn herangetragene gesellschaftliche Erwartungshaltung an Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit. Die Annahme von der Transgressivität, Außerordentlichkeit und die implizite Handlungsmacht des ‚Verräters‘ wird durch dieses Beispiel kritisch beleuchtet.

Des Weiteren gibt es durchaus auch positiv konnotierte Formen verräterischen Handelns. Der politische Whistleblower des 21. Jahrhunderts verdeutlicht diese Ambivalenz. Bedroht er einerseits die nationale Sicherheit, repräsentiert er andererseits demokratische oder rechtsstaatliche Grundwerte. Das Beispiel des Whistleblowers veranschaulicht darüber hinaus, dass Verrat eine Konstante in der politischen Kommunikation ist.39 Ob und wann er als solcher angesehen oder gar sanktioniert werden muss, hängt wesentlich von der Deutung der Verratshandlung ab.

Die Figur des ⟶Spions entzieht sich ebenfalls eindeutigen Zuordnungen im Spannungsfeld von Verrat und Heroischem. Es ist der dezidierte Auftrag des Spions, in anderen Gemeinschaften aufgenommen zu werden und deren Wissenshaushalt zum Vorteil für die eigene Gemeinschaft zugänglich zu machen. Gerade im Genre der Spionageerzählungen ist Verrat konstitutiver Bestandteil des heroisierten Protagonisten. Dabei sind Spione auch dann suspekt, wenn sie heroische Eigenschaften offenbaren. Selbst wenn sie Menschenleben, ihr Land oder gar die Welt retten, „operieren sie doch im Verborgenen und sind dabei nicht selten Täter in einem negativen Sinn“.40

Schließlich sei noch auf die Figur des juristisch definierten Deserteurs hingewiesen, der durch den Akt der Befehlsverweigerung oder der Fahnenflucht Landesverrat begeht und sich somit typologisch als ⟶Antiheld von seiner Gemeinschaft distanziert. Befehlsverweigerer können in der Regel nicht damit rechnen, dass sie sich einer anderen Gemeinschaft anschließen können, da die Last des ihnen zugesprochenen Verbrechens über ihre ehemalige Gruppe hinausstrahlt. Der Befehlsverweigerer markiert in diesem Sinne nicht die Grenzen zwischen ‚uns‘ und ‚den anderen‘, sondern zwischen ‚uns‘ und ‚sich selbst‘.

Durch diese und ähnliche Beispiele wird die Dichotomie zwischen Verrat und dem Heroischen aufgebrochen und um weitere Facetten erweitert. Die hier vorgeschlagene heuristische Bestimmung des Verrats und der Figur des Verräters stellt ein Instrumentarium bereit, mit dem diese Figuren analytisch erfasst und integriert werden können. Verrat als kommunikativen Mechanismus zu betrachten, der das imaginäre Feld des Heroischen mitstrukturiert, lenkt den Blick auf die diskursiven Aushandlungsprozesse und Deutungskämpfe, durch die das gesellschaftliche Norm- und Wertgefüge herausgefordert, expliziert und gegebenenfalls konfiguriert wird. Obgleich sich nicht jede verräterische Figur im imaginären Feld des Heroischen verorten lässt, hilft dieses Konzept doch dabei, die komplexen Beziehungs- und Bedingungsgeflechte gesellschaftlicher Wirklichkeitskonstruktion zu entschlüsseln, zu denen auch Heroisierungs- und Deheroisierungsprozesse gehören.

7. Einzelnachweise
  • 1 .
    Javeau, Claude: Anatomie de la trahison. Paris 2007; Schehr, Sébastian: „La trahison. Une perspective sociohistorique sur la transgression en politique“. In: Parlement[s], Revue d’histoire politique 22 (2014), 21-35; Schlink, Bernhard: „Der Verrat“. In: Schröter, Michael (Hg.): Der willkommene Verrat. Beiträge zur Denunziationsforschung. Weilerswist 2007, 1-20; Krischer, André: „Von Judas bis zum Unwort des Jahres 2016. Verrat als Deutungsmuster und seine Deutungsrahmen im Wandel“. In: Frischer, André (Hg.): Verräter. Geschichte eines Deutungsmusters. Köln / Weimar / Wien 2019, 7-44.
  • 2 .
    Das Konzept des ‚imaginären Feld des Heroischen‘ ermöglicht es, Einblicke in die Konstruktionsprozesse außeralltäglicher, liminaler Figuren zu gewinnen und die dahinterstehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse zu analysieren, vgl. Gölz, Olmo: „The Imaginary Field of the Heroic. On the Contention between Heroes, Martyrs, Victims and Villains in Collective Memory“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen. Special Issue 5 (2019): Analyzing Processes of Heroization. Theories, Methods, Histories, 27-38. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2019/APH/04.
  • 3 .
    Bröckling, Ulrich: „Negationen des Heroischen – ein typologischer Versuch“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen, 3.1 (2015), 9-13. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros/2015/01/02.
  • 4 .
    Ben-Yehuda, Nachman: Betrayales and treason. Violations of trust and loyalty. London 2001; Queyrel-Bottineau, Anne: Trahison et Traîtres dans l’Antiquité: actes du colloque International. Paris 2012; Billore, Maïté: La trahison au Moyen Âge: de la monstruosité au crime politique. Rennes 2009; Tracy, Larissa: Treason: medieval and early modern adultery, betrayal, and shame. Boston / Leiden 2019; Irischer, André: Verräter: Geschichte eines Deutungsmusters. Köln/Weimar/Wien 2019; Javeau, Claude / Schehr, Sebastian: La trahison. De l’adultère au crime politique. Paris 2014.
  • 5 .
    Giesen, Bernhard: Zwischenlagen. Das Außerordentliche als Grund der sozialen Wirklichkeit. Weilerswist 2010.
  • 6 .
    Bröckling: „Negationen des Heroischen“, 2015.
  • 7 .
    Krischer: „Verrat als Deutungsmuster“, 2019, 10; Schehr, Sébastien: „Sociologie de la trahison“. In: Cahiers internationaux de sociologie 123 (2007), 313-323; Schlink: „Verrat“, 2007.
  • 8 .
    Javeau: „Anatomie de la trahison“, 2014; Schlink: „Verrat“, 2007.
  • 9 .
    Giesen, Bernhard: Triumph and Trauma. Boulder 2004, 1-4; Gölz: „Imaginary Field“, 2019.
  • 10 .
    In diesem Sinne erfüllt der Verräter, freilich unter umgekehrten Vorzeichen, eine ähnliche soziokulturelle Funktion wie der Märtyrer, der die Grenzen zwischen zwei Glaubensgemeinschaften symbolisiert und z. T. erst definiert. Der hier aufgegriffene Gedanke wurde von Olmo Gölz entwickelt, dem ich für die anregende Diskussion danken möchte. Vgl. Gölz, Olmo: „Martyrdom and the Struggle for Power. Interdisciplinary Perspectives on Martyrdom in the Modern Middle East”. In: Behemoth. A Journal on Civilisation 12.1 (2019), 2-13.
  • 11 .
    Girard, René: Der Sündenbock. Zürich 1988: Benziger; Viertmann, Christine / Schuppender, Bernd: Der Sündenbock in der öffentlichen Kommunikation. Schuldzuweisungsrituale in der Medienberichterstattung. Wiesbaden 2015: Springer, 35-88.
  • 12 .
    Mock, Steven: Symbols of Defeat in the Construction of National Identity. Cambridge 2012: Cambridge University Press, 215-223.
  • 13 .
    Schlechtriemen, Tobias: „Der Held als Effekt. Boundary Work in Heroisierungsprozessen“. In: Berliner Debatte Initial 29/1 (2018), 114.
  • 14 .
    Frevert, Ute: Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne. München 2013: Beck; Frevelt, Ute: „Vertrauen – eine historische Spurensuche“. In: Frevelt, Ute (Hg.): Vertrauen. Historische Annäherungen. Göttingen 2003: Vandenhoeck & Ruprecht, 7-66; Luhmann, Niklas: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart4 2000: Lucius und Lucius; Reemtsma, Jan Philipp: Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne. Hamburg 2008: Hamburger Edition.
  • 15 .
    Leonhard, Jörn: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. 2. Auflage. München 2019: C.H. Beck, 902-903.
  • 16 .
    Leonhard: Der überforderte Frieden, 2019, 381.
  • 17 .
    Clemenceau, Georges: Rede vom 20. November 1917. Zitiert nach: Becker, Jean-Jacques: Clemenceau, l’intraitable. Paris 1998: Levi, 134-135 und Winock, Michel: Clemenceau. Paris 2007: Perrin, 426-428; Dallas, Gregor: At the Heart of a Tiger. Clemenceau and His World 1841–1929. London 1993: Carroll & Graf, 501-502.
  • 18 .
    Zitiert nach: Janz, Oliver: 14. Der große Krieg. Frankfurt a. M. 2013: Campus, 323; Keil, Lars-Broder / Kellerhoff, Sven Felix: Deutsche Legenden. Vom „Dolchstoß“ und anderen Mythen der Geschichte. Berlin 2002: Links, 36; Lobenstein-Reichmann, Anja: „Die Dolchstoßlegende. Zur Konstruktion eines sprachlichen Mythos“. In: Muttersprache 112 (2002), 25-41.
  • 19 .
    Troeltsch, Ernst: „Links und Rechts (März 1919)“. In: Troeltsch, Ernst: Kritische Gesamtausgabe. Hg. von Friedrich Wilhelm Graf, Christian Albrecht und Gangolf Hübinger. Band 14: Spectator-Briefe und Berliner Briefe (1919–1922). Berlin 2015: de Gruyter, 72-78, 76-77.
  • 20 .
    Leonhard: Der überforderte Frieden, 2019, 591.
  • 21 .
    Benvindo, Bruno / Majerus, Benoît: „Belgien zwischen 1914 und 1918. Ein Labor für den totalen Krieg“. In: Bauerkämpfer, Arnd / Julien, Élise (Hg.): Durchhalten! Krieg und Gesellschaft im Vergleich 1914–1918. Göttingen 2010: Vandenhoeck & Ruprecht, 127–148, 145-146.
  • 22 .
    Rousseaux, Xavier / van Ypersele, Laurence: „Leaving the War. Popular Violence and Judicial Repression of ,Unpatriotic‘ Behaviour in Belgium (1918–1921)“. In: European Review of History / Revue européenne d’histoire 12 (2005), 3-22.
  • 23 .
    Leonhard: Der überforderte Frieden, 2019, 1269.
  • 24 .
    Ferro, Marc: Petain. Paris 1987: Fayard; Pedroncini, Guy: Pétain, le soldat 1914–1940. Paris 1998; Vergez-Chaignon, Bénédicte: Pétain. Paris 2014: Perrin. Teilaspekten der Heroisierung Pétains und dessen Bedeutung als politischer Mythos widmeten sich: Servent, Pierre: Le mythe Pétain. Verdun, ou, les tranchées de la mémoire. Paris 1992: Payot sowie Fischer, Didier: Le mythe Pétain. Paris 2002: Flammarion.
  • 25 .
    „La confiance du général Pétain“. In: Le Rappel vom 18.3.1916.
  • 26 .
    Le Petit Journal. Supplément du dimanche vom 16.2.1919: „Après les événements d’avril et de mai 1917, une crise de dépression morale sévit un instant dans l’armée. Pétain s’attacha à relever les volontés abattues, à exalter les âmes. Il visita successivement près d’une centaine de divisions, écoutant les chefs, les officiers, jusqu’aux simples soldats. Et partout, sur son passage, il sut faire vibrer les cœurs et rétablir la confiance.“ Ducray, Camille: Le maréchal Pétain. Paris 1919, 20: „Le sol de France est enfin délivré. Pétain a toujours eu confiance dans la valeur de ses soldats, qu’il estime et qu’il aime.“ Pétain bezog sich selbst bei zahlreichen öffentlichen Auftritten auf das Attribut Vertrauen, wie bspw. in einer Rede anlässlich der Einweihung des Gefallenendenkmals an der Höhe 304: „Aux premiers renforts jetés à la tête de l’ennemie et qui s’engageaient dans un combat confus, par un temps épouvantable, j’ai dit d’abord: ‚Confiance!‘.“ Pétain, Philippe: zit. nach L’Echo de Paris vom 18.6.1934.
  • 27 .
    Lackerstein, Debbie: National regeneration in Vichy France. Ideas and policies, 1930–1944. Farnham 2012: Ashgate; Norton, Mason: „Counter-Revolution? Resisting Vichy and the National Revolution“. In: Dodd, Lindsey / Lees, David (Hg.): Vichy France and everyday life. Confronting the challenges of wartime, 1939–1945. London 2018, 197-211; Paxton, Robert: Vichy France: old guard and new order, 1940–1944. New York 1972: Columbia University Press.
  • 28 .
    „Pour accomplir la tâche immense qui nous incombe, j’ai besoin de votre confiance. Vos représentants me l’ont donnée en votre nom.“ Ansprache vom 11.7.1940. In: Pétain, Philippe: Discours aux Français. Paris 1989: Michel, 68.
  • 29 .
    Marc-Vincent, P.: De l’armistice a la paix. La France nouvelle, Tome 1. 25 juin–24 Octobre 1940. Paris 1940: Tallandier, 215: „Pour poursuivre avec dignité ce programme de reconstruction de l’Europe, faisons confiance au Maréchal, qui incarne la France dans ce qu’elle a de plus haut et de plus noble…“
  • 30 .
    Baruch, Marc-Olivier: Vichy-Regime. Frankreich 1940–1944. Stuttgart 2000: Reclam; Cointet, Michèle: Nouvelle histoire de Vichy (1940–1945). Paris 2011: Fayard; Ferro: „Pétain“, 326f; Winkler, Heinrich August: Die Zeit der Weltkriege. 1914–1945. München3 2016: Beck, 1025f.
  • 31 .
    Albertelli, Sébastien: La lutte clandestine en France. Une histoire de la Résistance, 1940–1944. Paris 2019: Seuil, 74-76, Beaupré, Nicolas: Les grandes guerres, 1914–1945. Paris 2012: Belin, 944-961; Gildea, Robert: Fighters in the shadows. London 2015: Faber & Faber; Waechter, Matthias: Der Mythos des Gaullismus. Heldenkult, Geschichtspolitik und Ideologie 1940 bis 1958. Göttingen 2006: Wallstein; Willms, Johannes: Der General. Charles de Gaulle und sein Jahrhundert. München 2019: Beck.
  • 32 .
    AN 3W/303. Dossier III. Pétain. Pièces générales. I tracts et presse clandestins. Barafort: Les mensonges qui nous ont fait tant de mal, in Libération vom 4.12.1942; AN 3W/303. Dossier III. Pétain. Pièces générales. I tracts et presse clandestins. Le complot Pétain, in Libération vom 8.1.1943; AN 3W/303. Dossier III. Pétain. Pièces générales. I tracts et presse clandestins. Revue de la presse clandestine de France par Jean Roy, 7.9.43.
  • 33 .
    AN 3W/303 Dossier III. Pétain. Pièces générales (documents portant le cachet du commissariat national à l’Intérieur, Service L.T.E., Documentation). I tracts et presse clandestins. 1 Pétain et la cinquième colonne. Editions du Franc-Tireur.
  • 34 .
    AN 2 AG 456. CC attaques gaullistes contre le Maréchal. CC XXIX A. Pamphlet gaulliste sur la légalité du gouvernement du Maréchal: „Le gouvernement d’un Pétain ou d’un Laval, qui méconnaît toutes les lois sur lesquelles est assise son autorité, est ILLEGAL. C’est un POUVOIR USURPE. Aucun citoyen n’a le devoir légal ou même moral de s’y soumettre.“
  • 35 .
    AN 2 AG 456. CC attaques gaullistes contre le Maréchal. Combat. Organe du mouvement de Libération Française. Copie d’un Lettre au Maréchal Pétain. Mai 1942.
  • 36 .
    AN 2 AG 456. CC attaques gaullistes contre le Maréchal. Le cas Pétain. September 1941: „Et la trahison continue sous la dictature odieuse des militaires vaincus. A leur tête se tient le Maréchal, il ordonne aux Français de se soumettre à la loi du vainqueur. Suivre le Maréchal, c’est accepter d’être esclave pour toujours.“ Ein ähnliches Narrativ findet sich in: AN 3W/303 Dossier III. Pétain. Pièces générales (documents portant le cachet du commissariat national à l’Intérieur, Service L.T.E., Documentation). I tracts et presse clandestins. 1 Pétain et la cinquième colonne. Editions du Franc-Tireur.
  • 37 .
    Procès du Maréchal Pétain: compte rendu officiel in extenso des audiences de la Haute Cour de Justice. Paris 1976; Varaut, Jean-Marc: Le procès Pétain. 1945–1995. Paris 1995.
  • 38 .
    Rousso, Henry: Le syndrome de Vichy. (1944 – 198…). Paris 1987; Florin, Christiane / Pétain, Philippe / Laval, Pierre : Das Bild zweier Kollaborateure im französischen Gedächtnis; ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung in Frankreich von 1945 bis 1995. Frankfurt a. M. 1997.
  • 39 .
    Boveri, Marget: Der Verrat im 20. Jahrhundert. Band 1: Für und gegen die Nation. Das sichtbare Geschehen. Reinbek 1956: Rowohlt, 7; Pozzi, Enrico: „Le paradigme du traître“. In: Scarfone, Dominique (Hg.): De la trahison. Paris 1999, 1-33; Schehr, Sébastien: Traîtres et trahisons. De l’antiquité à nos jours. Paris 2008.
  • 40 .
    Korte, Barbara: „Spion“. In: Asch, Ronald G. (Hg.): Compendium heroicum, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 09.02.2018. DOI: 10.6094/heroicum/spion.
8. Ausgewählte Literatur
  • Becker, Jean-Jacques: Clemenceau, l’intraitable. Paris 1998: Levi.
  • Ben-Yehuda, Nachman: Betrayales and treason. Violations of trust and loyalty. London 2001: Perseus.
  • Cointet, Michèle: Nouvelle histoire de Vichy (1940–1945). Paris 2011: Fayard.
  • Dallas, Gregor: At the Heart of a Tiger. Clemenceau and His World 1841–1929. London 1993: Carroll & Graf.
  • Fischer, Didier: Le mythe Pétain. Paris 2002: Flammarion.
  • Florin, Christiane: Philippe Pétain und Pierre Laval. Das Bild zweier Kollaborateure im französischen Gedächtnis. Ein Beitrag zur Vergangenheitsbewältigung in Frankreich von 1945 bis 1995. Frankfurt a. M. 1997: Lang.
  • Gölz, Olmo: „The Imaginary Field of the Heroic. On the Contention between Heroes, Martyrs, Victims and Villains in Collective Memory“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen. Special Issue 5 (2019): Analyzing Processes of Heroization. Theories, Methods, Histories, 27-38. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2019/APH/04.
  • Javeau, Claude: Anatomie de la trahison. Paris 2007: CIRCE.
  • Keil, Lars-Broder / Kellerhoff, Sven Felix: Deutsche Legenden. Vom „Dolchstoß“ und anderen Mythen der Geschichte. Berlin 2002: Links.
  • Krischer, André: „Von Judas bis zum Unwort des Jahres 2016. Verrat als Deutungsmuster und seine Deutungsrahmen im Wandel“. In: Kirscher, André (Hg.): Verräter. Geschichte eines Deutungsmusters. Köln/Weimar/Wien 2019: Böhlau, 7-44.
  • Lackerstein, Debbie: National regeneration in Vichy France. Ideas and policies, 1930–1944. Farnham 2012: Ashgate.
  • Leonhard, Jörn: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923. 2. Auflage. München 2019: C.H. Beck.
  • Lobenstein-Reichmann, Anja: „Die Dolchstoßlegende. Zur Konstruktion eines sprachlichen Mythos“. In: Muttersprache 112 (2002), 25-41.
  • Rousso, Henry: Le syndrome de Vichy. (1944–198…). Paris 1987: Seuil.
  • Schehr, Sébastian: „La trahison. Une perspective sociohistorique sur la transgression en politique“. In: Parlement[s], Revue d'histoire politique 22 (2014), 21-35.
  • Schlink, Bernhard: „Der Verrat“. In: Schöner, Michael (Hg.): Der willkommene Verrat. Beiträge zur Denunziationsforschung. Weilerswist 2007: Velbrück Wissenschaft, 1-20.
  • Servent, Pierre: Le mythe Pétain. Verdun, ou, les tranchées de la mémoire. Paris 1992: Payot.
  • Vergez-Chaignon, Bénédicte: Pétain. Paris 2014: Perrin.
  • Winock, Michel: Clemenceau. Paris 2007: Perrin.
9. Abbildungsnachweise

Abb. 1 & Teaserbild: Philipp Scheidemann und Matthias Erzberger als Dolchstößler. Karikatur, 1924.
Quelle: User:Before_My_Ken / Wikimedia Commons; publiziert in: Gold, Helmut / Heuberger, Georg (Hg.): Abgestempelt. Judenfeindliche Postkarten. Auf der Grundlage der Sammlung Wolfgang Haney. Heidelberg 1999: Umschau/Braus, 268.
Lizenz: Gemeinfrei

Abb. 2: Philippe Pétain während seines Hochverratsprozesses. Paris, 30. Juli 1945. Anonyme Fotografie.
Quelle: User:Guise / Wikimedia Commons
Lizenz: Gemeinfrei / Urheberrecht erloschen gemäß § 66 UrhG

Zitierweise

Jörn Leonhard / Stefan Schubert: „Verrat“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 06.03.2020. DOI: 10.6094/heroicum/vd1.0.20200306