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Kosmonauten

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1. Einleitung

Am 12. April 1961 umkreiste Juri Gagarin als erster Mensch die Erde im Raumschiff Wostok 1. Dieser erste Raumflug erweiterte nicht nur die Dimensionen des Kalten Kriegs, sondern etablierte auch die gänzlich neue Berufsgruppe der Kosmonauten (UdSSR) und Astronauten (USA). Die ersten Raumfahrer und Raumfahrerinnen waren Mittelpunkt von Jahre andauernden Medienkampagnen, die sie als ⟶Helden institutionalisierten und zu perfekt erscheinenden Vertretern und Vertreterinnen des politischen Systems machten, für das ihr Heimatland stand.

2. Sputnik, Laika und Gagarin (Historie)

Als die Sowjetunion 1957 mit Sputnik den ersten Satelliten und kurz darauf die Hündin Laika als erstes Lebewesen in den Weltraum schickte, versetzte sie die USA in einen Schock, der verdeutlichte, dass diese mit dem technischen Fortschritt der sowjetischen Konstrukteure nicht gerechnet hatten.1

Nach dem so genannten Sputnik-Schock avancierte die Raumfahrt zum Ersatzkrieg im Systemkonflikt zwischen Ost und West. Die neu gegründete National Aeronautics and Space Administration, kurz NASA, stellte im April 1959 eine Gruppe von sieben erfahrenen Testpiloten vor, die im Namen der USA als Astronauten in den Weltraum fliegen sollten. Als Mercury Seven wurden diese All-American-Boys, allesamt weiße, protestantische Männer aus der amerikanischen Mittelschicht, mithilfe einer enormen Medienkampagne der Öffentlichkeit präsentiert, noch lange bevor sie überhaupt zum ersten Mal die Erde verlassen hatten. In der Sowjetunion erfolgte unterdessen ein Auswahlprogramm, aus dem im Februar 1960 sechs Kosmonautenkandidaten hervorgingen, ebenfalls allesamt Kampfpiloten, deren Identität allerdings bis zu ihren Weltraumflügen vor der Öffentlichkeit verborgen blieb.2

Die Erfolgsmeldung über Juri Gagarins geglückte Erdumkreisung am 12. April 1961 verkündete der Radiosprecher Juri Leviatan der Bevölkerung der Sowjetunion. Bedeutungsschwerer hätte dieser Moment nicht inszeniert werden könne, hatte doch Leviatan als Stalins Lieblingsradiosprecher auch schon 1945 den Sieg über NS-Deutschland via Rundfunk bekanntgegeben.3

Um sicherzustellen, dass der Empfang Gagarins in Moskau zum propagandistischen Spektakel würde und sich entlang der Paraderoute genügend begeisterte Menschen einfanden, teilte man lokalen Industrieunternehmen feste Abschnitte zu, die diese mit Arbeiterinnen und Arbeitern abzudecken hatten, die klatschend und winkend den Kosmonauten empfingen. Die Überflüssigkeit dieser Maßnahme wurde schnell deutlich. Als Gagarin in Moskau landete, quollen die Straßen über vor Menschen, die den Kosmonauten sehen wollten.4 Es zeichnete sich bereits ab, welche enorme Popularität auch den noch folgenden Kosmonauten zuteilwerden würde.

Die Popularisierung Gagarins als mustergültigen Sowjetbürger begann mit der Meldung seines Fluges und fand auf dem XXII. Parteitag der KPdSU im Oktober 1961, nur sechs Monate nach seiner Rückkehr auf die Erde, einen ihrer Höhepunkte. Die Partei verabschiedete ein Programm, welches das Land auf eine neue Stufe heben sollte. Es forderte nicht nur, den Kommunismus in der Sowjetunion innerhalb der Lebenszeit einer Generation zu verwirklichen und die dafür notwendigen technischen und materiellen Grundlagen zu schaffen, sondern verlangte überdies die Herausbildung des ‚Neuen Sowjetmenschen‘. Der dafür richtungsweisende „Moralkodex für die Erbauer des Kommunismus“, der neben Liebe für das sozialistische Vaterland, Kollektivismus oder moralischer Reinheit auch Respekt in der Familie und Sorge um die Erziehung der Kinder forderte, wies eine signifikante Deckungsgleichheit mit der ⟶medialen Inszenierung Gagarins auf.5

Gagarins minuziös geplantes öffentliches Auftreten ließ sich nicht nur gut mit diesen Grundsätzen vereinen, auch seine Vergangenheit passte ins parteilich erdachte Narrativ. Als einfacher Junge vom Land, der es mit Hilfe des Sozialismus schaffte, bis über die Grenzen der Welt hinaus zu reisen, wartete er mit einer Vorzeigebiografie auf.6 Mit seiner entbehrungsreichen Kriegskindheit, hart erkämpfter Bildung und beruflicher Ausbildung repräsentierte Gagarin die Erfahrung einer ganzen Generation und wirkte trotz seines militärischen Ranges als überzeugenderer Botschafter des Friedens als etwa einige der Mercury Seven Astronautenkandidaten, die als Kampfpiloten bereits im Korea-Krieg gedient hatten.7

Auf den ersten bemannten Weltraumflug folgten weitere Pionierleistungen der Sowjetunion, nämlich 1963 die Kosmonautin Walentina Tereschkowa als die erste Frau im Weltraum sowie 1965 der erste Weltraumspaziergang, mit denen die Sowjetunion nicht nur ihre technologische, sondern auch die politische Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren suchte.8

Besonders die so genannte Gagarinsche Garde, die erste Kohorte der sowjetischen Kosmonauten, sowie die Kosmonautin Tereschkowa spielten eine wichtige Rolle inner- und außerhalb der Grenzen der Sowjetunion. Sie dienten nicht nur als Sinnbild eines neuen politischen Stils, der sich von der Ära Stalins klar distanzierte, sondern versinnbildlichten auch die sowjetischen Kampagnen für Atheismus und naturwissenschaftliche Bildung. Sie repräsentierten als weltweite ⟶Propagandafiguren die Sowjetunion, ihr politisches und gesellschaftliches System und bereisten die Welt über Blockgrenzen hinweg. Dabei sollten sie die Verbindung zwischen den sozialistischen Staaten festigen, in den Ländern der Dritten Welt den Kommunismus propagieren und dem Westen mit Gagarins berühmten Lächeln eine fortschrittliche Sowjetunion präsentieren.9 Zwischen 1961 und 1970 besuchten die Kosmonauten über 60 000 öffentliche Veranstaltungen in der Sowjetunion und machten 200 Reisen ins Ausland, 42 davon unternahm allein Tereschkowa.10

Obwohl das öffentliche Auftreten der Kosmonauten von staatlicher Seite geplant und überwacht wurde, funktionierte der Versuch, sich die Kosmonauten als Vorbilder des ‚Neuen Sowjetmenschen‘ anzueignen, nicht reibungslos. Die Kosmonauten widersetzten sich teilweise ihrer Verwandlung in Propagandaikonen und leistete sich nach ihrer Heroisierung zum Teil alkoholische Eskapaden, die vor den Augen der Weltöffentlichkeit versteckt werden mussten.11

3. Institutionalisiertes Heldentum (Systematik)
3.1. Die Kosmonauten als sozialistische Helden

Da sich der neue Sowjetmensch nicht ohne weiteres aus der sozialistischen Gesellschaft heraus entwickelte, brauchte es richtungsweisende Vorbilder wie die Kosmonauten, deren Biografie sich nachträglich bemächtigt und deren Taten als gesellschaftliches Großereignis geplant wurden. Diese Instrumentalisierung von ⟶Heroisierungsprozessen durch die Parteipolitik ist nicht nur charakteristisch für den politischen Habitus der Sowjetunion, sondern auch für den Heldenkanon anderer sozialistischer Länder.

Mit Hilfe der Kosmonauten ließ sich die kommunistische Weltanschauung effektiv zu einer Botschaft verdichten, die eindringlicher war als jede Parole oder politische Schulung. Als sozialistische Helden waren sie ein beliebtes Mittel zur parteipolitischen Agitation, weil sich mit ihrer Hilfe eine einheitliche, gesteuerte Kommunikation gewährleisten lies.12

Die politischen Kader der Sowjetunion nutzten den Kosmonauten als Identifikationsfigur, der durch sein Handeln die Komplexität von Sinnfragen reduzierte13, als sie sich Gagarins als Schablone für den neunen sowjetischen Menschen bedienten. Er sollte als Kraftquelle für Partei und Bevölkerung gleichermaßen, aber auch als Katalysator im Aufbau und der Weiterentwicklung des Sozialismus dienen.

Eine der Hauptfunktionen des sozialistischen Helden im Allgemeinen und der Kosmonauten im Konkreten war es, Vertrauen zu generieren. Dieses Vertrauen wurde zunächst durch die vermeintliche Nähe der Kosmonauten zur Bevölkerung aufgebaut. Dazu trug die umfassende Berichterstattung in allen Massenmedien bei, Auftritte bei Paraden oder Reisen, die die Helden unternahmen. Das Vertrauen, welches die Bevölkerung ihrem Helden entgegenbrachte, diente als Zwischenschritt. Es sollte auf die führende Partei und das politische System übergehen, die, so das Narrativ, durch ihre Politik erst die Tat des Helden ermöglichte.14

3.2. Der garantierte Heldentitel

Alle Kosmonauten und Kosmonautinnen erhielten nach ihren Reisen in den Orbit die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“. Dieser ⟶Orden, bereits 1934 zur Auszeichnung von sieben Rettungspiloten eingeführt, institutionalisierte das Heldentum in der Sowjetunion und läutete einen Wandel des Heroischen ein, der bis zum Untergang des Sozialismus in Europa anhalten sollte. Die staatliche Heldenverehrung zielte auf einen neuen Typus von Helden, der nicht mehr durch individuelle, spontane Entscheidungen entstand, sondern gezielt für seine Tat ausgesucht und auf sie vorbereitet wurde. Im Zentrum des staatlich verordneten Heldentums der Kosmonauten stand der Neue Mensch des Sowjetkommunismus, der sich durch Wissenschaft und Technik die Welt und den Weltraum untertan machen sollte. Durch die Auszeichnung der Kosmonauten wurde sich des Weltraums kulturell bemächtig, die Einbeziehung beispielsweise von Kosmonauten aus anderen sozialistischen Ländern in die sowjetische Heldengemeinschaft sollte den Bruderbund dieser Staaten festigen und ihre Einheit nach Außen widerspiegeln.15

Klaus Gestwa etwa beschreibt den Kosmonautenkult als Rettungsmaßnahme, die den institutionalisierten sowjetischen Heroismus modernisierte. Nachdem kommunistischen Gründervätern, führenden Parteipolitikern, Piloten, Wissenschaftlern oder Sportlern oftmals der Heldenstatus zugeschrieben wurde, um die Macht der kommunistischen Parteikader zu legitimieren, werden die Kosmonauten in der Literatur oftmals als Helden einer neuen Zeit bezeichnet. In diesem Kontext gelten die Kosmonauten der Tschechoslowakei, der Volksrepublik Polen und DDR, die 1978 als Teilnehmer am sowjetischen Interkosmosprogramm in den Weltraum flogen, als letzte sozialistische Helden in ihren jeweiligen Staaten.16 Ihre geglückte oder missglückte Heroisierung kann als Gradmesser für die Mobilisierungskraft der kommunistischen Parteien Mittelosteuropas gelten.

Besonders im Falle der Raumfahrer wird die Paradoxie des Helden deutlich, gleichzeitig ideales Vorbild und anknüpfungsfähiger Teil der Masse sein zu müssen. Die Kosmonauten galten als Personifikation des ‚Neuen Sowjetmenschen‘.17 So waren sie alle Militärs, fast alle ausgebildete Kampfpiloten, deren Missionen aber als friedlich inszeniert wurden und ausschließlich dem wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt dienen sollten.18 Die männlichen Kosmonauten wurden als außergewöhnliche Helden und ideale Vorbilder für die Jugend und gleichzeitig als ganz normale Männer, Kommunisten, liebende Ehemänner und Väter medial präsentiert, die ihre Lebenswelt mit den restlichen Sowjetbürgern teilten.19 So waren sie Ideal und massentauglich zugleich.

4. Posterboys im Raumanzug (Medialität)
4.1. Die Kosmonauten als Gesichter der Raumfahrt

Seit den späten 50er und 60er Jahren wurde das Konzept des Raumflugs überall sichtbar – besonders in Science-Fiction-Filmen und -Büchern. Bilder von Sputnik oder den Hunden, die im All gewesen waren, fanden sich auf zahlreichen Alltagsgegenständen von Zigarettenschachteln bis Teetassen. Gleiches setzte sich bei den Kosmonauten fort.20 Es gab kanonisch gewordene Fotografien, die die Kosmonauten dabei zeigten, wie sie sich nach ihrer geglückten Landung selbst auf der ersten Seite der Prawda betrachteten oder wie sie sich bei der sowjetischen Führung für die Unterstützung der Partei bedankten. Immer existieren Bilder vom Training im Kosmonautenausbildungszentrum, von geselligen Freizeitaktivitäten, im Idealfall mit anderen Kosmonautenkandidaten, sowie im Kreise der Familie und ihrer Kinder. Diese alltäglich anmutenden Bilder unterstrichen das Image der Kosmonauten als gewöhnliche Menschen, die lediglich das Privileg erhielten, die Errungenschaften des gesamten Volkes mit ihren Raumflügen in eine praktische Tat umzuwandeln. Diese Motive implizierten, dass nicht die Einzigartigkeit des Individuums im Vordergrund stand, sondern die Errungenschaft des Kollektivs.21

Von parteilicher Seite orchestrierte Ereignisse, wie die Begrüßung der Kosmonauten in Moskau nach ihren Weltraumflügen, produzierten ikonische Bilder des Raumfahrtzeitalters, die mit allen zur Verfügung stehenden Medien verbreitet wurden und den sowjetischen Führern die Möglichkeit gaben, am Ruhm und der positiven Rezeption der Kosmonauten zu partizipieren.22

Auf diese Weise brachte das Kosmoszeitalter viele neue Helden und wenige neue Heldinnen hervor. Sie gaben der ansonsten streng geheimen Raumfahrtforschung ein Gesicht, das sich ausgezeichnet für propagandistische Zwecke nutzen ließ. Durch die strikte Geheimhaltung aller am Weltraumprogramm beteiligten Wissenschaftler erschienen die Kosmonauten als einzige Akteure, die daher alle heroische Agency auf sich zogen. Obwohl nach dem Tod des sowjetischen Chefraketenkonstrukteurs Sergei Korolev 1966 dessen Identität bekannt gegeben wurde23, blieben die Kosmonauten die zentralen Figuren im sowjetischen Raumfahrt-Narrativ, deren Gesichter und Lebensgeschichten mit dem parteilich geplanten Heldenbild des Raumfahrers verwoben wurden.

In der Sowjetunion galten die Kosmonauten der Gagarinschen Garde als Nachkriegshelden, die Zukunftsutopien aufzeigten und für Fortschritt, für einen Abschluss mit allem Alten, mit Krieg und Stalinismus standen. Der Kosmos war die perfekte Metapher für eine aufstrebende, wissenschafts- und technikorientierte Sowjetunion, in der der ‚Neue Mensch‘ die Natur bezwang.24

Trotz der parteilich bekräftigten Gleichberechtigung der Geschlechter zeigten sich grundlegende Unterschiede in der Behandlung der männlichen Kosmonauten und Walentina Tereschkowas. Während Tereschkowa selten in militärischer Kleidung, dafür als adrett und bewusst nicht-sexualisierte Frau sowie als liebevolle Mutter gezeigt wurde, wurde das Bild der männlichen Kosmonauten mit hohem militärischen Rang immer mit dem des fürsorglichen Vaters oder sogar im Haushalt helfenden Ehemanns kontrastiert.25 Der Kosmonaut war ein seine Frau in Haushaltsangelegenheiten unterstützendes Familienoberhaupt und Weltraumeroberer zu gleich, die Kosmonautin eine Ausnahmeerscheinung, die sich zurück auf der Erde auf ihre Weiblichkeit besinnen musste.

Gagarins tragischer Tod 1968 in Folge eines noch immer nicht vollständig aufgeklärten Unfalls bei einem Übungsflug löste Entsetzten aus, schrieb den ersten Kosmonauten aber umso tiefer in das Gedächtnis seiner Landsleute ein.26 Im heutigen Russland gilt Gagarins Flug ins All noch immer als eine der historischen Leistungen der Sowjetunion. Nach den unbequemen Enthüllungen der Perestroika betrachten viele Russinnen und Russen die sowjetischen Weltraumtriumphe als Momente ihrer Geschichte, die noch immer Stolz verdienen.27 Auch Walentina Tereschkowa ist nicht aus der russischen Öffentlichkeit verschwunden. Ihr werden noch immer prestigeträchtige Aufgabe zuteil. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi trug sie beispielsweise die Olympische Fahne.28

4.2. Die Kosmonauten als transnationale Helden

In den späten 1970er Jahren kündigte sich der Höhepunkt in der transnationalen Heldenkonstruktion der sozialistischen Länder an, als im Juli 1976 die Sowjetunion die Tschechoslowakei, die Volksrepublik Polen und die DDR wissen ließ, von nun an auch Vertreter ihrer Bruderländer im Rahmen des sogenannten Interkosmosprogramms an ihren Raumflügen teilnehmen lassen zu wollen. Zwei Jahre später, im Sommer 1978, flog nacheinander je ein Vertreter dieser Länder in einer Sojus-Kapsel zusammen mit einem sowjetischen Kommandanten zur Raumstation Salut 6, verbrachte dort knapp sieben Tage und kehrte danach zur Erde zurück.29

Schon während des Fluges begannen die vorab minuziös geplanten Medienkampagnen in den Heimatländern der Kosmonauten. Nach ihrer Rückkehr aus dem All wurden sie, wie alle Kosmonauten vor ihnen, im Kreml mit dem Orden „Held der Sowjetunion“ ausgezeichnet (Abb. 2), nur um später in ihren Heimatländern ebenfalls mit den höchsten Ehrungen bedacht zu werden. So erhielt der erste Deutsche im All, Sigmund Jähn, den Orden „Held der DDR“ von Erich Honecker (Abb. 3.).30

Als Jähns Rakete in den Kosmos startete, war die Aufbruchsstimmung der ersten Jahre der Honeckerregierung bereits verflogen. In der späten DDR gelang es der SED nicht mehr große Helden zu schaffen.31 Zwar wurden noch bis zum Ende der DDR ‚Helden der Arbeit‘ ausgezeichnet, doch versinnbildlicht ihre abnehmende Strahlkraft auch die nachlassende Glaubwürdigkeit der parteilichen Propaganda. Trotzdem konnte die bescheidene und volksnahe Art Sigmund Jähns in den späten 70er Jahren so glaubhaft vermittelt werden, dass sie fast zu gut schien, um mit den Parteifunktionären in Verbindung gebracht zu werden. Jähns Flug ins All hallt besonders in Ostdeutschland noch immer nach und bescherte ihm sogar positiv-nostalgische Berichterstattung im gesamtdeutschen öffentlich-rechtlichen Fernsehen aus Anlass seines vierzigsten Flugjubiläums im August 201832, sowie umfangreiche, ebenfalls positive Nachrufe als Reaktion auf seinen Tod im September 2019.33

In der VR Polen setze in den 1970er Jahren hingegen eine schwere ökonomische Krise ein, wodurch die polnische Regierung unter Druck geriet. Um Glaubwürdigkeit zu gewinnen, brauchte es politische Erfolge. In diese Lücke stieß der Weltraumflug des ersten (und einzigen) polnischen Kosmonauten Mirosław Hermaszewski. Da noch im Jahr seines Flugs ins All der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyła zu Papst Johannes Paul II. gewählt wurde, litt die öffentliche Aufmerksamkeit, die Hermaszewski in Polen zuteil wurde. Diese propagandistische Niederlage gegen die Entwicklungen in der katholischen Kirche war der letzte Versuch der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei einen sozialistischen Helden zu etablieren.34 Die spätere Involvierung Hermaszewskis in den Militärrat zur Nationalen Rettung (WRON) während des Kriegsrechts zu Beginn der Achtzigerjahre beeinflusst sein öffentliches Bild bis heute und führte im Frühjahr 2018 zu von der Regierungspartei PiS veranlassten Gerichtsprozessen, um ihn seiner militärischen Würden zu entheben.35

5. Forschungsstand

Neben umfangreicher Literatur zur sowjetischen Raumfahrtgeschichte und Juri Gagarin nahmen sich des Phänomens des sozialistischen Helden die Historiker Silke Satjukow und Rainer Gries in ihrem Sammelband Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR ausführlich an.36 Deutschsprachige Arbeiten, die danach erschienen und sich mit sozialistischen Heldenfiguren beschäftigen, greifen durchweg auf die theoretischen Überlegungen Satjukows und Gries’ zur Konstruktion sozialistischer Helden zurück. Roland Hirte steuerte mit seinem Aufsatz Ein später Held. Sigmund Jähns Flug ins All einen der wenigen wissenschaftlichen Artikel über den ostdeutschen Kosmonauten zu Satjukows und Gries Sammelband bei, der über die technische Umsetzung des Weltraumfluges hinausgeht. Gerhard Kowalskis Beitrag Der Rote Kolumbus setzt sich darin mit der sowjetischen Raumfahrt auseinander. Wissenschaftliche Studien zum ersten und einzigen polnischen Kosmonauten finden sich bisher lediglich von Paweł Szulc, der in Mirosław Hermaszewski – kosmiczna ikona propagandy sukcesu auch auf innerparteiliche Überlegungen zur propagandistischen Nutzung des Weltraumfluges eingeht.

Der Forschungsdiskurs spart bisher eine vergleichende, transnationale Betrachtung der Kosmonauten als sozialistische Heldentypen weitestgehend aus und zeigt eine starke Fokussierung auf die Sowjetunion unter Vernachlässigung der anderen sozialistischen Länder Europas. Allein die Aussage, die Kosmoshelden seien die letzten sozialistischen Helden gewesen, findet sich in der Literatur immer wieder.37

6. Einzelnachweise
  • 1 .
    Richers, Julia: „Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion“. In: Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.): Weltraum, Bd. 69 (2019), 11-18, 11.
  • 2 .
    Gestwa, Klaus: „‚Kolumbus des Kosmos‘. Der Kult um Jurij Gagarin“. In: Osteuropa 59.10 (2009), 121-151, 130-131.
  • 3 .
    Gestwa: „Kolumbus des Kosmos“, 2009, 134.
  • 4 .
    Gerovitch, Slava: „The Human inside a Propaganda Machine. The Public Image and Professional Identity of Soviet Cosmonauts“. In: Andrews, James / Siddiqi, Asif A. (Hg.): Into the Cosmos. Space Exploration and Soviet Culture. Pittsburgh, Pa. 2011: University of Pittsburgh Press, 77-106, 78.
  • 5 .
    Gerovitch, Slava: Soviet Space Mythologies. Public Images, Private Memories, and the Making of a Cultural Identity. Pittsburgh, Pa. 2015: University of Pittsburgh Press, 12.
  • 6 .
    Gestwa: „Kolumbus des Kosmos“, 2009, 132.
  • 7 .
    Gestwa: „Kolumbus des Kosmos“, 2009, 146-149.
  • 8 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 4.
  • 9 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 79-80.
  • 10 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 90-94.
  • 11 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 66.
  • 12 .
    Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): „Zur Konstruktion des ‚sozialistischen Helden‘. Geschichte und Bedeutung“. In: Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 15-34, 31.
  • 13 .
    Langbein, Birte: Die instrumentelle und die symbolische Dimension der Institutionen bei Arnold Gehlen. In: Göhler, Gerhard (Hg.): Institution – Macht – Repräsentation. Wofür politische Institutionen stehen und wie sie wirken. Baden-Baden 1997: Nomos, 143-179.
  • 14 .
    Satjukow, Silke / Gries, Rainer: „‚Du sprichst mir Dein Vertrauen aus …‘. Ein Vorwort“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 9-14, 11-12.
  • 15 .
    Herzberg, Julia: „Das Land der Helden. Die Auszeichnung Held der Sowjetunion und die Einheit des sowjetischen Imperiums (1934–1991)“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen, 6.1 (2018), 45-56. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2018/01/04.
  • 16 .
    Gestwa: „Kolumbus des Kosmos“, 2009, 149; Gerovitch: „The Human“, 2011, 3.
  • 17 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 52.
  • 18 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 80.
  • 19 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 14-15.
  • 20 .
    Kohonen, Iina: „The Heroic and the Ordinary. Photographic Representations of Soviet Cosmonauts in the Early 1960s”. In: Maurer, Eva / Richers, Julia / Rüthers, Monica (Hg.): Soviet Space Culture. Cosmic Enthusiasm in Socialist Societies. Basingstoke 2011: Palgrave Macmillan, 103-120, 105-106.
  • 21 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 84.
  • 22 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 10.
  • 23 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 102.
  • 24 .
    Richers: „Roter Kosmos“, 2019, 18.
  • 25 .
    Kohonen: „The Heroic and the Ordinary“, 2011, 114-116.
  • 26 .
    Kowalski, Gerhard: Der unbekannte Gagarin. Die letzten Geheimnisse von Juri Gagarin. Das finale Buch zum ersten Kosmonauten der Welt. Dessau 2015: Machtwortverlag, 255-259.
  • 27 .
    Gerovitch: „The Human“, 2011, 160.
  • 28 .
    Deutsche Presse-Agentur: „Erste Frau im All Fackelläuferin für Olympia 2014“. In: Augsburger Allgemeine, 08.07.2013. Online unter: https://www.augsburger-allgemeine.de/sport/sonstige-sportarten/Erste-Frau-im-All-Fackellaeuferin-fuer-Olympia-2014-id25967861.html (Zugriff am 25.02.2020).
  • 29 .
    Hirte, Roland: „Ein später Held. Sigmund Jähns Flug ins All“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 158-172.
  • 30 .
    Herzberg: „Das Land der Helden“, 2018, 52.
  • 31 .
    Gries, Rainer: „Die Heldenbühne der DDR. Zur Einführung“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 84-100, 98-100.
  • 32 .
    Tagesthemen: „Vor 40 Jahren: DDR-Bürger Sigmund Jähn flog als erster Deutscher ins All“, 26.08.2018. Online unter: https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-6213.html (Zugriff am 25.02.2020).
  • 33 .
    Deutsche Presse-Agentur: „Raumfahrer Jähn ist tot. Ein Volksheld wider Willen“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2019. Online unter: https://www.faz.net/aktuell/wissen/weltraum/deutschlands-erster-raumfahrer-sigmund-jaehn-ist-tot-16398365.html (Zugriff am 25.02.2020).
  • 34 .
    Zaremba, Marcin: „Das Heldenpantheon der Volksrepublik Polen. Zur Einführung“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 173-182, 180-182.
  • 35 .
    Szulc, Paweł: „Mirosław Hermaszewski. kosmiczna ikona propagandy sukcesu“. In: Dzieje Najnowsze 4 (2012), 45-62.
  • 36 .
    Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links.
  • 37 .
    Herzberg: „Das Land der Helden“, 2018, 45-47.
7. Ausgewählte Literatur
  • Gerovitch, Slava: „The Human inside a Propaganda Machine. The Public Image and Professional Identity of Soviet Cosmonauts“. In: Andrews, James T. / Siddiqi, Asif A. (Hg.): Into the Cosmos. Space Exploration and Soviet Culture. Pittsburgh, Pa. 2011: University of Pittsburgh Press, 77-106.
  • Gerovitch, Slava: Soviet Space Mythologies. Public Images, Private Memories, and the Making of a Cultural Identity. Pittsburgh, Pa. 2015: University of Pittsburgh Press.
  • Gestwa, Klaus: „‚Kolumbus des Kosmos‘. Der Kult um Jurij Gagarin“. In: Osteuropa 59.10 (2009), 121-151.
  • Gries, Rainer: „Die Heldenbühne der DDR. Zur Einführung“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 84-100.
  • Herzberg, Julia: „Das Land der Helden. Die Auszeichnung Held der Sowjetunion und die Einheit des sowjetischen Imperiums (1934–1991)“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen, 6.1 (2018), 45-56. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2018/01/04.
  • Hirte, Roland: „Ein später Held. Sigmund Jähns Flug ins All“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 158-172.
  • Kohonen, Iina: „The Heroic and the Ordinary. Photographic Representations of Soviet Cosmonauts in the Early 1960s“. In: Maurer, Eva / Richers, Julia / Rüther, Monica (Hg.): Soviet space culture. Cosmic enthusiasm in socialist societies. Basingstoke 2011: Palgrave Macmillan, 103-120.
  • Kowalski, Gerhard: Der unbekannte Gagarin. Die letzten Geheimnisse von Juri Gagarin. Das finale Buch zum ersten Kosmonauten der Welt. Dessau 2015: Machtwortverlag.
  • Langbein, Birte: „Die instrumentelle und die symbolische Dimension der Institutionen bei Arnold Gehlen“. In: Göhler, Gerhard (Hg.): Institution – Macht – Repräsentation. Wofür politische Institutionen stehen und wie sie wirken. Baden-Baden 1997: Nomos, 143-179.
  • Richers, Julia: „Roter Kosmos. Kulturgeschichte des Raumfahrtfiebers in der Sowjetunion“. In: Bundeszentrale für Politische Bildung (Hg.): Weltraum, Bd. 69 (2019), 11-18.
  • Satjukow, Silke / Gries, Rainer: „‚Du sprichst mir Dein Vertrauen aus …‘. Ein Vorwort“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 9-14.
  • Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): „Zur Konstruktion des ‚sozialistischen Helden‘. Geschichte und Bedeutung“. In: Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 15-34.
  • Szulc, Paweł: „Mirosław Hermaszewski. kosmiczna ikona propagandy sukcesu“. In: Dzieje Najnowsze 4 (2012), 45-62.
  • Zaremba, Marcin: „Das Heldenpantheon der Volksrepublik Polen. Zur Einführung“. In: Satjukow, Silke / Gries, Rainer (Hg.): Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR. Berlin 2002: Links, 173-182.
8. Weitere Ressourcen

Deutsche Presse-Agentur: „Erste Frau im All Fackelläuferin für Olympia 2014“. In: Augsburger Allgemeine, 08.07.2013. Online unter: https://www.augsburger-allgemeine.de/sport/sonstige-sportarten/Erste-Frau-im-All-Fackellaeuferin-fuer-Olympia-2014-id25967861.html (Zugriff am 25.02.2020).

Deutsche Presse-Agentur: „Raumfahrer Jähn ist tot. Ein Volksheld wider Willen“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2019. Online unter: https://www.faz.net/aktuell/wissen/weltraum/deutschlands-erster-raumfahrer-sigmund-jaehn-ist-tot-16398365.html (Zugriff am 25.02.2020).

Tagesthemen: „Vor 40 Jahren: DDR-Bürger Sigmund Jähn flog als erster Deutscher ins All“, 26.08.2018. Online unter: https://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/tt-6213.html (Zugriff am 25.02.2020).

9. Abbildungsnachweise

Abb. 1 & Teaserbild: Sigmund Jähn mit seinem Kommandanten, dem sowjetischen Kosmonauten Waleri Bykowski und Erich Honecker bei der Willkommensparade in Berlin nach ihrem Raumflug. 21. September 1978. Foto des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, archiviert vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Signatur: MfS HA VIII, Fo 78, Bild 0023.
Quelle: Ministerium für Staatssicherheit der DDR / BStU
Lizenz: Mit freundlicher Erlaubnis des BStU; Nutzung genehmigungspflichtig

Abb. 2: Sigmund Jähn erhält kurz nach der Landung aus dem All den Orden „Held der Sowjetunion“ von Leonid Breschnew, Generalsekretär der KPdSU, im Kreml. 12. September 1978. Foto des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, archiviert vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Signatur: MfS HA VIII, Fo 78, Bild 0012.
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Abb. 3: Erich Honecker gratuliert Sigmund Jähn in Berlin zum erfolgreichen Kosmosflug. Kurz darauf zeichnet er ihn mit dem Orden „Held der DDR“ aus. 21. September 1978. Foto des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, archiviert vom Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (BStU), Signatur: MfS HA VIII, Fo 78, Bild 0024.
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Zitierweise

Christina Heiduck: „Kosmonauten“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 27.02.2020. DOI: 10.6094/heroicum/kd1.0.20200227