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Heroismus

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1. Definition

Die Wechselwirkungen zwischen ⟶heroischen Figuren und den Gemeinschaften, die sich jeweils an heroischen Modellen orientieren, fassen wir mit dem Begriff ‚Heroismus‘.1 Wir verstehen unter Heroismus also nicht (wie in der Alltagssprache und häufig auch in der Forschungsliteratur) unspezifisch die Sphäre des Heroischen insgesamt oder die Übersteigerung heroischer Formen, sondern ein konventionalisiertes System heroisch konnotierter „verinnerlichter Muster“, also einen Habitus im Sinne einer „sozialisierte[n] Subjektivität“2 (P. Bourdieu): Heroismus ist ausgerichtet auf die individuelle wie kollektive Selbstvergewisserung von Gemeinschaften in der Nachahmung und Aneignung heroischen Handelns und Verhaltens. Auch diskursive Muster, d. h. Ausdrucksformen und Topoi bis hin zu Rhetoriken und Narrativen, können sich zu Heroismen verfestigen. Die Analyse von Heroismen in Lebensentwürfen von Individuen und Gruppen, im Kontext von Standeskulturen oder politischer, religiöser oder geistiger Bewegungen gestattet es, beispielsweise bestimmte Geschlechterrollen oder (Selbst-)Inszenierungen von Herrschern und Eliten als Distinktion verbürgende imitatio heroica zu beschreiben. Spezifische Heroismen haben als Modelle seit der Antike in der europäischen Geschichte Selbstverständnis, Selbstdarstellung und Imaginationen bestimmter sozialer Gruppen, aber auch individueller Träger von Macht geprägt. Gezielte Absetzungen konnten in Konkurrenz zu ihnen und zueinander treten oder als Gegenmodelle fungieren. Für die Ausbildung von Heroismen als Habitusmustern ist die Orientierung an bestimmten Leitfiguren von großer Bedeutung, denn Individuen eignen sich ihren Habitus wesentlich durch Imitation an. Für diese ist die Präsenz des Objekts der Imitation – sei sie ideell, körperlich-gegenwärtig oder medial dargestellt – eine wichtige Voraussetzung; die menschliche Gestalt des Objektes der Imitation, wie sie bei Held(inn)en gegeben ist, ist ein grundlegend Imitation fördernder Faktor.

2. Forschungsstand und -perspektiven

Insgesamt stehen Heldenfiguren als ‚Individuen‘ wesentlich stärker im Fokus der Forschung als grundlegende Phänomene der ⟶Heroisierung und des Heroismus. Dies mag in einer gewissen Unschärfe des Begriffs ‚Heroismus‘ begründet sein. Das Phänomen ‚Heroismus‘ als solches zu beschreiben, haben neben den einigen Arbeiten in der Nachfolge Carlyles (wie z. B. Bloomhardt 1941; Hook 1943; Campbell 1949; Jung 1985)3 bisher nur wenige Studien unternommen (Huizinga 1936/1948; Faber 1991/92; Faber 1993; vgl. auch Frevert 1998; Makolkin 2001).4 Zudem geschah dies meist mit Blick auf einzelne Epochen wie insbesondere die Frühe Neuzeit (Disselkamp 2002)5 und das 18./19. Jahrhundert (Jackson 1989; Jesse/Michalka 2006; Putzell/Leonard 1982; Abensour 1989; Plett 2002; Smith 2008, van Marwyck 2010).6 Neuerdings hat Herfried Münkler Entwicklungslinien und Brüche im Wandel von heroischen zu postheroischen Gesellschaften skizziert (Münkler 2006; Münkler 2007).7 Als Kennzeichen postheroischer Gesellschaften gilt ihm – im Anschluss an Huizingas Definition von Heroismus – das Schwinden eines Bewusstseins der Berufung zum Einsatz aller nur möglichen Kräfte für eine allgemeine Aufgabe (bis hin zur Selbstaufopferung), welches für heroische Gesellschaften distinktiv sei. Heroismus ist dabei eng mit dem Einsatz im Krieg und dem Opfer/Selbstopfer verbunden, wie es aus den nationalen Prägungen des 19. Jahrhunderts heraus für einen Blick auf die Moderne nahe liegt. Der Vorstellung von je neu den aktuellen Bedürfnissen angepassten Heldenkonzepten und -konstruktionen widerspricht dies aber. Münklers Thesen von der engen Verbindung des Heroischen zum Religiösen, seinem hohen Mobilisierungspotenzial von Jugendlichen und der engen Bindung politischer Partizipationsrechte an den Waffendienst in heroischen Gesellschaften können Orientierungspunkte für weitere Studien zur Geschichte des Heroismus darstellen. Ob sich seine Hervorhebung des kriegerisch-gewaltsamen Heldentums aber auf andere historische Gesellschaften übertragen lässt, bleibt auf der Grundlage älterer kultureller und sozialer Prozesse seit der Antike zu prüfen. Vermittlung und Aneignung eines heroischen Habitus in diesen Gesellschaften und Wandlungsprozesse im Inneren dieser Gesellschaften mit ihren sozialen und politischen Bedingungen bleiben bei Münkler unberücksichtigt. Gerade solche Aspekte würden indes von einer strukturellen auf die Ebene kultureller Pragmatik führen, und gerade neue gesellschaftliche Konjunkturen des Heroischen legen derartige Fragestellungen nahe.

3. Einzelnachweise
  • 1 .
    Vgl. von den Hoff, Ralf / Asch, Ronald G. / Aurnhammer, Achim / Bröckling, Ulrich / Korte, Barbara / Leonhard, Jörn / Studt, Birgit: „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1.1 (2013), 7-14. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03.
  • 2 .
    Bourdieu, Pierre: „Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis“. In: Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt a. M. 1974: Suhrkamp, 125-158, 143.
  • 3 .
    Bloomhardt, Paul F.: The Great Man in History. Columbus, Ohio, 1941; Hook, Sidney: The Hero in History. A Study in Limitation and Possibility. Boston 1943: Beacon Press; Campbell, Joseph: The Hero with a Thousand Faces. New York 1949: Pantheon Books [dt.: Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt a. M. 1999: S. Fischer], Jung, C. G.: Heros und Mutterarchetyp. Grundwerk Bd. 8: Symbole der Wandlung. Olten u. a. 1985.
  • 4 .
    Huizinga, Johan: „Heroismus“. In: Huizinga, Johan: Schriften zur Zeitkritik. Zürich u. a. 1948, 98-105 [Wiederabdruck aus: Schweizerische Rundschau N. F. 3 (1935/36), 497-503]; Faber, Richard: „Heros und Heroismus“. In: Hephaistos. Kritische Zeitschrift zur Theorie und Praxis der Archäologie und angrenzender Wissenschaften 11/12 (1991/92), 171-186; Faber, Richard: „Heroismus“. In: Cancik, Hubert / Kehrer, Günter (Hg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Stuttgart 1993: Kohlhammer, 109-112; vgl. auch Frevert, Ute: „Herren und Helden. Vom Aufstieg und Niedergang des Heroismus im 19. und 20. Jahrhundert“. In: van Dülmen, Richard (Hg.): Erfindung des Menschen. Schöpfungsträume und Körperbilder 1500–2000. Wien u. a. 1998, 323-344; Makolkin, Anna: Anatomy of Heroism. New York 2001.
  • 5 .
    Disselkamp, Martin: Barockheroismus. Konzeptionen politischer Größe in Literatur und Traktatistik des 17. Jahrhunderts. Tübingen 2002: Niemeyer.
  • 6 .
    Jackson, M. W.: „Rousseau’s Discourse on Heroes and Heroism“. In: Proceedings of the American Philosophical Society 133 (1989), 434-446; Jesse, M. / Michalka, W. (Hg.): Für Freiheit und Fortschritt gab ich alles hin. Berlin 2006; Putzell, S. M. / Leonard, D. C. (Hg.): Perspectives on Nineteenth-Century Heroism. Essays from the 1981 Conference of the Southeastern Nineteenth-Century Studies Association. Madrid 1982; Abensour, M.: „Saint-Just and the Problem of Heroism in the French Revolution“. In: Social Research 56 (1989), 187-211; Plett, B.: Problematische Naturen? Heldenkonzept und Heroismusdiskurs in der deutschsprachigen Erzählliteratur 1860–1898, Paderborn 2002; Smith, M. Ch.: Awarded For Valour. A History of the Victoria Cross and the Evolution of the British Concept of Heroism. Basingstoke 2008; van Marwyck, Mareen: Gewalt und Anmut. Weiblicher Heroismus in der Literatur und Ästhetik um 1800. Bielefeld 2010: transcript.
  • 7 .
    Münkler, Herfried: Der Wandel des Krieges. Weilerswist 2006: Velbrück, 310-354; Münkler, Herfried: „Heroische und postheroische Gesellschaften“. In: Merkur 61.7-8 (2007), 742-752.
4. Ausgewählte Literatur
  • Bourdieu, Pierre: „Der Habitus als Vermittlung zwischen Struktur und Praxis“. In: Bourdieu, Pierre: Zur Soziologie der symbolischen Formen. Frankfurt a. M. 1974: Suhrkamp, 125-158.

  • Faber, Richard: „Heros und Heroismus“. In: Hephaistos. Kritische Zeitschrift zur Theorie und Praxis der Archäologie und angrenzender Wissenschaften 11/12 (1991/92), 171-186.

  • Faber, Richard: „Heroismus“. In: Cancik, Hubert / Kehrer, Günter (Hg.): Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe. Stuttgart 1993: Kohlhammer, 109-112.

  • Huizinga, Johan: „Heroismus“. In: Huizinga, Johan: Schriften zur Zeitkritik. Zürich u. a. 1948, 98-105. [Wiederabdruck aus: Schweizerische Rundschau N. F. 3 (1935/36), 497-503.]

  • Münkler, Herfried: Der Wandel des Krieges. Weilerswist 2006: Velbrück, 310-354.

  • Münkler, Herfried: „Heroische und postheroische Gesellschaften“. In: Merkur 61.7-8 (2007), 742-752.

  • von den Hoff, Ralf / Asch, Ronald G. / Aurnhammer, Achim / Bröckling, Ulrich / Korte, Barbara / Leonhard, Jörn / Studt, Birgit: „Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948“. In: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1.1 (2013), 7-14. DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03.

Zitierweise

Sonderforschungsbereich 948: „Heroismus“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 01.02.2019. DOI: 10.6094/heroicum/hsmd1.0