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Alltagshelden

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1. Einleitung

In Abgrenzung von fiktionalen ⟶(Super-)Helden und vom Heldentum im Krieg und Konfliktfall sowie von politischen, wirtschaftlichen oder religiösen Herrscherfiguren als mehr oder weniger selbst ernannten Helden, gibt es sozusagen ‚alltägliche‘ Formate und Charakteristiken heldenhaften Verhaltens. Damit sind wiederum nicht die ‚Helden der Arbeit‘ gemeint, wie sie in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten sowie in der Volksrepublik China als vorbildhaft gepriesen wurden. Diese erleben zwar in der jüngsten Vergangenheit eine weniger ironische als aufmerksamkeitsheischende Wiederkehr in der Werbung von Baumärkten und Gartendiscountern, qualifizieren deswegen aber eben so wenig als Alltagshelden wie eine weitere Kategorie, der diese Qualität gelegentlich und vor allem in der streikbereiten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zugeschrieben wird, nämlich die des tagaus, tagein in vorbildlicher Pflichterfüllung arbeitenden Arbeiters, Angestellten, oder Beamten.1

Alltagshelden zeichnen sich gegenüber der normgetreuen Vorbildhaftigkeit durch grenzüberschreitende Außergewöhnlichkeit aus – sie riskieren Leben, Gesundheit oder wenigstens materielle Güter, indem sie anderen Menschen uneigennützig zu Hilfe kommen. Die Anerkennung von statusmäßig eher nachgeordneten und in der Regel sonst und bis dahin weitgehend unauffälligen Personen als Helden des Alltags erfolgt seit circa der Mitte des 18. Jahrhunderts meistens in Reaktion auf eine Rettungsaktion, bei der diese Personen einer oder mehreren anderen Personen, zur Gegenwart hin auch Tieren, das Leben oder immerhin die Gesundheit gerettet, oder Elemente kritischer Infrastruktur vor Schaden oder Zerstörung bewahrt haben. In mehreren Ländern der westlichen Welt schließen sich zur Anerkennung solchen Alltagsheldentums im 18. und 19. Jahrhundert Gesellschaften zusammen, oder Mäzene setzen Preise und ⟶Medaillen für Rettungsaktionen aus.2

Als Epitomisierung dieser Form des Alltagsheldentums kann der Protagonist in Gottfried August Bürgers Ballade „Das Lied vom braven Manne“ (1776) gelten, in dem der lokale Graf nicht selbst heldenhaft zur Rettung eines mit seiner Familie im Haus auf der Brücke vom Hochwasser abgeschnittenen Zöllners antritt. Hilfe naht in Form eines einfachen Mannes, der einen Fischerkahn requiriert, in drei Fahrten die Zöllnerfamilie gerade noch rechtzeitig vor dem Einsturz der Zollbrücke aus der lebensgefährlichen Lage herausbringt, und nicht einmal die ausgelobte Belohnung annimmt, die der Graf lieber dem seiner Lebensgrundlage beraubten Zöllner geben soll.3

Theobald von Oer: „Das Lied vom braven Mann“
Theobald von Oer: „Das Lied vom braven Mann“

1852, Holzschnitt nach Zeichnung.
Quelle: publiziert in: Ehrhardt, Adolf / Oer, von Theobald / Plüddemann, Hermann / Richter, Ludwig / Schurig, Karl (Hg.): Deutsches Balladenbuch. Leipzig 1852: Georg Wigand’s Verlag, 84. Online unter: https://books.google.de/books?id=xsi5rgL4RpAC (Zugriff am 03.12.2019).
Lizenz: Gemeinfrei

Dahinter steht die Aufwertung des bürgerlichen Subjekts als selbstverantwortlich ethisch handelndes Individuum im Sinne der Aufklärung. Dessen Agency kann zwar in Reichweite und Nachhaltigkeit nicht mit der von politischen und militärischen Heldenfiguren mithalten; deren Richtlinienkompetenz wird aber ohnedies gleichzeitig in Frage gestellt, wenn etwa Jean-Jacques Rousseau vor dem zerstörerischen Potential der Selbstbezogenheit des Kriegerheldentypus warnt. Bei der Rettung von Menschen aus der gleichen oder benachbarten sozialen Schicht oder Gruppe kann sich in der Bürgergesellschaft das in jeder Lebenslage mutig und entschlossen handelnde Individuum auch als heldenhaft beweisen (Man beachte, dass in der Illustration Theobald von Oers nicht die Gesamtlast der Rettungsaktion auf dem ‚braven Mann‘ lastet – Frau und Kinder helfen sich in vorbildlicher Weise gegenseitig ins Boot!).

Auffallend ist, dass die mit Rettungsmedaillen und oft auch mit Geldzuwendungen Ausgezeichneten eher aus der unteren Mittelschicht und der Arbeiterklasse stammten. Damit wird eine Bruchlinie abgebildet. Vom bürgerlichen Individuum an für sich wird aufgrund seiner Bildung und Erziehung Vorbildlichkeit im Verhalten und im Einsatz für andere ohnehin erwartet. Ein wesentlicher Teil der Funktionsfähigkeit demokratischer Bürgergesellschaften beruht auf diesem zumindest potentiellen Alltagsheldentum, das im politischen Kontext in der Regel als Zivilcourage bezeichnet wird: Der vorbildliche Bürger empfiehlt sich damit nicht nur als vertrauenswürdiger Mit-Bürger, sondern auch für die Besetzung von Funktionsstellen des Systems. In Verbindung mit der – von der Formulierung her eigentlich milde paradoxen – ‚Erziehung zum mündigen Bürger‘ als einem weiteren Ideal der bürgerlichen Aufklärung untermauert das alltagsheroische Potential des Citoyen nicht nur Kants kategorischen Imperativ, sondern schafft auch genau die grundlegenden Voraussetzungen einer selbsthilfefähigen Bürgergesellschaft, die der Staatsrechtler und Bundesrichter Ernst Wolfgang Böckenförde in dem nach ihm benannten Theorem durch den freiheitlichen säkularen Staat selbst nicht garantierbar sah:

„Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Andererseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“4

Insofern Böckenförde rein staatsrechtlich argumentierte, musste sein Diktum einen scheinbar unauflösbaren Widerspruch konstruieren. Tatsächlich aber ist die notwendige und letztlich homogenisierende moralische Substanz der Bürgergesellschaft über den Bildungs- und Erziehungsbereich ansteuerbar, wenn die Zielsetzung von Mündigkeit und Selbstverantwortlichkeit ernst genommen wird, und wenn autoritative Gebote und Rechtszwang als Kontrollmechanismen einer Förderung von Empathiefähigkeit und Einsicht in die Notwendigkeit freiwilliger Assoziation weichen.

Dafür braucht es allerdings ein Erziehungssystem, das mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet ist und auf der Prämisse der Erreichbarkeit von Mündigkeit und Selbstverantwortlichkeit für alle operiert. Belohnungen wie die Medaillen für herausragende alltagsheroische Leistungen, ebenso wie Bestrafungen im Sinne der von Foucault ausgemachten Disziplinarmaßnahmen im Gefolge Jeremy Benthams als neue Form und weiterer Faktor der Aufklärung im Rechtssystem, sind danach idealerweise nur noch Normabweichungen in einem System, das tatsächlich keine ⟶Helden im klassischen Sinne mehr nötig hat.

2. Alltag und Ausnahmesituation

Die Bezeichnung als Alltagsheld ist, traditionell gesehen, oxymoronisch, insofern Alltagsbewältigung im Normalbetrieb keine heldenhaften Anstrengungen erfordert. Tatsächlich ist aber zu beobachten, dass der Betrieb des konsumeristischen Kapitalismus auf dem Arbeitsmarkt als System permanenter Überforderung funktioniert. Es hat sich präzise deshalb zur Gegenwart hin ein Zweig semantischer Aneignung der Alltagshelden-Begrifflichkeit herausgebildet, der weniger außerordentliche Leistung belobigt, sondern den besonderen Belastungen einiger Berufsgruppen gerade im Bereich der sozialen Dienstleistungen Anerkennung zollt: Pflegekräfte, Polizeiangehörige sowie ⟶Feuerwehr und Rettungsdienste, manchmal auch Lehrende in Kindergärten und Schulen, werden in den Medien oft als Alltagshelden apostrophiert.

Dabei wird häufig nicht einmal zwischen Bezahlkräften und Freiwilligen unterschieden – eine problematische Angleichung, denn eigentlich ist Heldentum keine Lohnempfängerposition. Mit der strategischen Ausweitung der Bezeichnung wird vor allem impliziert, dass die Heldenhaftigkeit des alltäglichen Einsatzes dieser Menschen gerade bei den Pflege- und Sicherheitskräften weit über die Entlohnung hinausreicht, die sie dafür erhalten.

Im eigentlichen und ursprünglichen Sinne Alltagsheld ist in der Gegenwart weder der vorbildliche Bürger noch die sich im täglichen Einsatz aufreibende Pflege- oder Lehrkraft, sondern nach wie vor – oder wieder – der rettende Held oder die rettende Heldin, die mit Risiko für die eigene Gesundheit oder sogar des eigenen Lebens anderen aus einer bedrohlichen Situation helfen. YouTube ist voll von Videos, häufig aus der CCTV-Perspektive aufgenommen, auf denen zufällig Anwesende andere Menschen von U-Bahn-Gleisen, aus verunfallten Fahrzeugen, aus Bächen, Seen und Überschwemmungszonen oder anderen Gefahrenlagen ziehen, retten und bergen. Im katastrophensoziologischen Sinne handelt es sich dabei fast immer um spontane Rollenextensionen, d. h. die Alltagsheldinnen und -helden sind möglicherweise besonders disponiert zu ihrer Tat, sind aber von der Situation ähnlich überrascht worden wie die Opfer, denen sie zur Hilfe kommen.

Um in solchen Situationen effektiv Hilfe zu leisten, durchlaufen potentielle Alltagshelden in nur wenigen Sekunden fünf Stationen eines Entscheidungsprozesses: Sie müssen 1) die Situation wahrnehmen und sie 2) als Notfall einschätzen, der 3) ihr persönliches Verantwortungsbewusstsein dafür anspricht, eine Aufgabe mit dem Ziel einer (wie auch immer temporären) Lösung zu übernehmen, der sie sich 4) nach Fähigkeit und Ausbildung gewachsen fühlen. Erst im 5) Schritt entsteht daraus eine Entscheidung, Hilfeleistung anzubieten bzw. aktiv einzuschreiten.5 Der Bewusstseinsgrad dieser Entscheidung ist Forschungsgegenstand: Obwohl interviewte Alltagshelden nach der ⟶Tat oft von einer spontanen und sozusagen ‚bedenkenlosen‘ Aktion berichten, ist wahrscheinlicher, dass situativ eine auf der Basis ethischer Überzeugungen und reflektierter Handlungsoptionen bereits vorhandene Disposition abgerufen wird. Das spricht für eine Ausweitung der z. B. für den Erwerb eines Kraftfahrzeugführerscheins obligatorischen Ausbildung für Erstmaßnahmen am Unfallort auf weitere Notfallsituationen, und für eine gesamtgesellschaftlich verbindliche Notfalldidaktik.

3. Bystander-Zuschauer-Effekt

Als am 13. März 1964 die 28-jährige Catherine Susan ‚Kitty‘ Genovese im New Yorker Stadtteil Queens vergewaltigt und erstochen wurde, gab es, wie spätere Untersuchungen feststellten, wenigstens 38 Menschen, die von dieser Tat irgendetwas mitbekamen. Niemand ging jedoch der Ursache der Hilferufe oder den Beobachtungen auf den Grund, und auch die Polizei nahm erste Anrufe und Hinweise auf eine Gewalttat nicht ernst. Dies war der Ausgangspunkt der öffentlichen Wahrnehmung und wissenschaftlichen Erforschung des als „Zuschauer- / Bystander Effect“ in die Forschungsliteratur eingegangenen Phänomens, das schon in den zeitgenössischen Medien (New York Times) und in populärkulturellen und populärwissenschaftlichen Verarbeitungen zu Behauptungen und Vermutungen zunehmender Gefühlskälte und generellen Empathieschwunds in der modernen Großstadtgesellschaft führte. Tatsächlich wiesen spätere Untersuchungen aber nach, dass keiner der Zeugen die ganze Tat hätte sehen können, und dass niemand den tatsächlichen Mord gesehen hatte.6

Unterlassene Hilfeleistung wird nicht erst seit dem postulierten ‚Genovese-Effekt‘ thematisiert, und ist im deutschen Strafgesetzbuch durch den §323c sogar strafbewehrt. Schon die im Lukasevangelium (Kap. 10, 25-37) von Jesus erzählte Parabel vom barmherzigen Samariter kennt einen Priester und einen Leviten, die an dem verletzten Opfer eines Raubüberfalls vorbeilaufen. (Alltags-)Held dieses Gleichnisses wird ein Nicht-Jude, der sich um den Verwundeten nicht nur im Sinne medizinischer Erstversorgung kümmert, sondern auch noch für seine Unterbringung und Pflege finanziell aufkommt. Im Parzival des Wolfram von Eschenbach unterlässt es die eponyme Heldenfigur, seinen Verwandten Amfortas nach dessen Beschwerden zu fragen, wodurch sich die positive Lösung des Krankheitsverlaufs und des gesamten Epos wesentlich verzögert.

Im kulturellen Kontext werden heroische Alltags-Hilfeleistung und ihre Unterlassung als negatives Gegenbild gerade in den letzten Jahrzehnten in diversen Formen diskutiert; ein kontroverses Beispiel ist die mit Dustin Hoffmann verfilmte Geschichte Ein ganz normaler Held (1992, engl. Accidental Hero, Regie: Stephen Frears) in der ein eigentlich charakterschwacher Kleinkrimineller angesichts eines Flugzeugabsturzes, bei dem er als erster am Unfallort eintrifft, geradezu wider Willen zum Alltagshelden wird und eine Reihe von Menschenleben retten kann. An seiner Figur wird innerfilmisch die Debatte um eine quasi ein-geborene vs. anerzogene / erworbene Moralität aufgerollt und in diesem Fall zugunsten der genetischen bzw. angeborenen Disposition beantwortet.

Die erste Generation von Studien zur Hilfeleistungsbereitschaft nicht ursächlich oder unmittelbar Beteiligter kam noch mehrheitlich zu dem Schluss, dass die Präsenz passiver Zuschauer bei einem Notfall die Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dieser Gruppe aktiv intervenierte, deutlich herabsetzte.7 Neuere Forschung weist jedoch darauf hin, dass die generelle Hilfsbereitschaft eher hoch ist und dass auf die initiative Hilfeleistung Einzelner hin andere nachfolgen.8 Dazu passt das massenhafte Auftreten von ‚Spontanhelfenden‘ in Großschadenslagen – ausführlicher dokumentiert für das Elbe- und Donauhochwasser 2013, bei dem zusätzlich zu den aus der gesamten Region und angrenzenden Bundesländern herangeführten ausgebildeten Kräften mehr als 30.000 ungebundene Helfer einzeln oder in Gruppen anreisten, um sich nützlich zu machen.9

4. Emotionalisierung vs. Empathiemangel

Das Verständnis von Alltagsheldentum erfährt gerade durch die Aktivitäten und Recherche des Freiburger Sonderforschungsbereichs „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ eine notwendige und lang ausstehende Rekalibrierung. Religiöse Welterklärungen reklamierten Alltagshelden gerne für sich; die großen Wirtschaftsideologien konnten mit ihnen nichts anfangen: Der liberalistische Kapitalismus mit seiner Fokussierung auf die Konstruktion des homo oeconomicus erfand psychologische Volten, um uneigennützig (alltags-)heroisches Handeln letztlich doch als das Selbst befriedigend bzw. sogar als psychopathisch erklären zu können. Den der bedrängten Arbeiterklasse systematisch hilfereichenden (Staats-)Sozialisten stand jede selbständige Aktion Einzelner prinzipiell ohnehin unter abweichlerischem Anarchieverdacht.

Neueste Forschung wie z. B. Michael Tomasellos Naturgeschichte des menschlichen Denkens weist dagegen auf Kooperation und wechselseitige Hilfeleistung als Grundlage des Überlebens sowohl in Gruppen wie auch als Einzelne – die geteilte Intentionalität macht Hilfeleistung im Sinne aufklärerischen Denkens vernünftig; Empathiefähigkeit war zumindest in der Entwicklungsgeschichte ein evolutionärer Vorteil.10

In diesem Zusammenhang sind weitere kulturelle Produktlinien und Reaktionen darauf wichtig. Eine neuere Studie legt nahe, dass sich Jugendliche der überbehüteten und zumindest auf der Mikroebene quasi bedrohungsfrei aufgewachsenen Generation Smartphone in bedrohlichem Maße entsolidarisieren – fast drei Viertel der Probanden zeigten sich gegenüber dem Leid anderer mehr oder weniger gleichgültig.11 Die zahllosen „Most Stupid xyz“-Videos auf diversen YouTube-Kanälen sind dabei vermutlich genau so wenig hilfreich wie Hollywood-Katastrophenfilme, in denen die Helden erster Ordnung die Heldinnen und Helden zweiter Ordnung retten, während die Komparserie panisch herumläuft und welcher Katastrophe auch immer zum Opfer fällt.12 Gegen diesen Hintergrund und unter Vernachlässigung der Ergebnisse von Tomasello, Lindegaard und anderen, halten sich Wissenschaflter, die auf dem Bystander-Effekt insistieren. Dazu hat sich eine Schule der Heroismus-Studien etabliert, die neben ihrer aus einem negativen Obrigkeitsdenken heraus argumentierenden Forschung auch – vermutlich profitable – Kurse in Alltagsheldentum anbietet.13

Da es sich, wie oben erwähnt, beim (alltags-)heroischen Eingreifen in Gefahrensituationen fast immer um mehr oder weniger spontane Rollenextensionen handelt, ist die Idee von entsprechenden Trainings dabei keineswegs falsch. Man kann sich mental und physisch auf individuelle Notfall- und Übergriffssituationen vorbereiten, und in Großschadenslagen sind bereits vorausgebildete Freiwillige auf jeden Fall effektiver einzusetzen als gutwillige, aber auf die Situation nicht vorbereitete Spontanhelfer.14 Ob für diese Helfer pauschal die Begrifflichkeit des Alltagsheldentums anwendbar sein wird, hängt auch von der weiteren Entwicklung des Diskurses in Medien und Öffentlichkeit ab.

5. Einzelnachweise
  • 1 .
    Hadamitzky, Christiane: ‚Homely, Easy and Attainable for All‘. The Representation of Heroism in Victorian Periodicals 1850–1900: Chambers’s Journal – Leisure Hour – Fraser’s Magazine. Baden-Baden 2020: Ergon. (gleichzeitig Diss., Freiburg, 2015).
  • 2 .
    Eine noch existierende Form dieser mäzenatischen Anerkennung ist die amerikanische Carnegie Medal for Extraordinary Civilian Heroism. Siehe zum Thema die Beiträge von Barclay, Hadamitzky/Korte, Price und Hume sowie die Einführung von Wendt in ders. (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800-2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus.
  • 3 .
    Hochbruck, Wolfgang: „Raising the Flag Among the Ruins of the World Trade Center“. In: helden. heroes. heros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 5.1 (2017), 71-80, 73. DOI:10.6094/helden.heroes.heros./2017/01/08.
  • 4 .
    Böckenförde, Ernst-Wolfgang: „Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation“. In: Böckenforde, Ernst-Wolfgang (Hg.): Recht, Staat, Freiheit. Vierte Auflage. Frankfurt a. M. 2006: Suhrkamp, 112-113.
  • 5 .
    Osswald, Silvia / Frei, Dieter / Greitemeyer, Tobias / Fischer, Peter: „Erarbeitung eines Prozessmodells für Zivilcourage“. In: Frankenberger, Rolf / Frech, Siegfried / Grimm, Daniela (Hg.): Politische Psychologie und Politische Bildung. Schwalbach 2007: Wochenschau, 114-138.
  • 6 .
    Gansberg, Martin: „Thirty-Eight Who Saw Murder Didn’t Call the Police“. In: New York Times, 27. März 1964. Online unter: https://www2.southeastern.edu/Academics/Faculty/scraig/gansberg.html (Zugriff am 19.11.2019).
  • 7 .
    Chekroun, Peggy / Brauer, Markus: „The Bystander Effect and Social Control Behavior: The Effect of the Presence of Others on People’s Reactions to Norm Violations“. In: European Journal of Social Psychology 32 (2002), 853-867. DOI:10.1002/ejsp.126.
  • 8 .
    Philpot, Richard / Liebst, Lasse Suonperä / Levine, Mark / Bernasco, Wim / Lindegaard, Marie Rosenkrantz: „Would I be helped? Cross-National CCTV Shows That Intervention Is the Norm in Public Conflicts“. In: American Psychologist (2019). DOI:10.1037/amp0000469.
  • 9 .
    Schuchardt, Agnetha / Peperhove, Roman / Gerhold, Lars (Hg.): Situationsbezogene Helferkonzepte zur verbesserten Krisenbewältigung. Ergebnisse aus dem Forschungsverbund ENSURE. Berlin 2017: Forschungsforum Öffentliche Sicherheit, Freie Universität Berlin.
  • 10 .
    Tomasello, Michael: Eine Naturgeschichte des menschlichen Denkens. Berlin 2014: Suhrkamp.
  • 11 .
    Grigat, Felix: „Eine Generation ohne Mitgefühl. Ergebnisse einer Studie zum Gemeinschaftssinn bei Kindern und Jugendlichen“. In: Philanthropie und Stiftung 2 (2019), 8-9.
  • 12 .
    Shi, Panpan: „‚Little People‘. Belittled Extras in American Disaster“. Masterarbeit, British and North American Cultural Studies Freiburg 2017. (Betreuer Wolfgang Hochbruck.)
  • 13 .
    Allison, Scott T. / Goethals, George R.: „Hero Worship. The Elevation of the Human Spirit“. In: Journal for the Theory of Social Behaviour 46.2 (2016), 187-210. DOI:.10.1111/jtsb.12094
  • 14 .
    Hochbruck, Wolfgang: „Wen schützt die Brandschutzerziehung? Integrierte vs. nicht-integrierte Vermittlung von Notfallkompetenz“. In: Sebastian Festag (Hg.): Wirksamkeit von Sicherheitsmaßnahmen. Ziel, Nachweis, Bewertung, Akzeptanz. XXXIII. Sicherheitswissenschaftliches Symposion. Köln 2018: VdS, 121-140.
6. Ausgewählte Literatur
  • Allison, Scott T. / Goethals, George R.: Heroes: What They Do and Why We Need Them. New York 2010: Oxford University Press.

  • Barclay, Craig: „‚Our Heroes of To-day‘: The Royal Humane Society and the Creation of Heroes in Victorian Britain“. In: Wendt, Simon (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800–2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus, 25-51.

  • Efthimiou, Olivia: „The Search for the Hero Gene. Fact or Fiction?“ In: International Advances in Heroism Science 1.1 (2015), 1-6. DOI: 10.26736/hs.2016.01.02.

  • Franco, Zeno / Zimbardo, Philip: „The Banality of Heroism”. In: Greater Good 3.2 (2006), 30-35.

  • Frey, Dieter / Neumann, Renate / Schäfer, Mechthild: „Determinanten von Zivilcourage und Hilfeverhalten“. In: Bierhoff, Hans-Werner / Fechtenhauer, Detlef (Hg.): Solidarität. Konflikt, Umwelt und Dritte Welt. Opladen 2001: Leske und Budrich, 93-122.

  • Hadamitzky, Christiane / Korte, Barbara: „Everyday Heroism for the Victorian Industrial Classes“. In: Wendt, Simon (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800–2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus, 53-77.

  • Hochbruck, Wolfgang: „Volunteers and Professionals. Everyday Heroism and the Fire Service in Nineteenth-Century America“. In: Wendt, Simon (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800–2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus, 109-138.

  • Hume, Janice: „Narratives of Feminine Heroism: Gender Values and Memory in the American Press in the Nineteenth and Twentieth Centuries“. In: Wendt, Simon (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800–2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus, 139-165.

  • Price, John: „Everyday Heroism in Britain, 1850-1939“. In: Wendt, Simon (Hg.): Extraordinary Ordinariness. Everyday Heroism in the United States, Germany, and Britain, 1800–2015. Frankfurt a. M. 2016: Campus, 79-108.

7. Abbildungsnachweise

Abb. 1 & Teaserbild: Theobald von Oer: „Das Lied vom braven Mann“, 1852, Holzschnitt nach Zeichnung.
Quelle: publiziert in: Ehrhardt, Adolf / Oer, von Theobald / Plüddemann, Hermann / Richter, Ludwig / Schurig, Karl (Hg.): Deutsches Balladenbuch. Leipzig 1852: Georg Wigand’s Verlag, 84. Online unter: https://books.google.de/books?id=xsi5rgL4RpAC (Zugriff am 03.12.2019).
Lizenz: Gemeinfrei

Zitierweise

Hochbruck, Wolfgang / Stein, Damaris: „Alltagshelden“. In: Compendium heroicum. Hg. von Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Georg Feitscher und Anna Schreurs-Morét, publiziert vom Sonderforschungsbereich 948 „Helden – Heroisierungen – Heroismen“ der Universität Freiburg, Freiburg 16.12.2019. DOI: 10.6094/heroicum/ad1.0.20191216